Berlin - Die Vorfreude wächst: Ab Montag, 1. März dürfen Friseure inmitten der Corona-Krise und trotz vieler Einschränkungen ihre Geschäfte wieder öffnen. Der Bedarf scheint enorm. Viele der 80.000 Friseurbetriebe in Deutschland führen Wartelisten, auch auf Facebook oder Instagram, und sind bereits auf Wochen ausgebucht. Damit bieten sie nach wochenlanger Zwangspause – seit Mitte Dezember sind in den Salons nun schon die Schotten dicht – ihre Dienstleistung früher als andere Betriebe an. 

Zumindest sind von der wiedererweckten Coiffeurs-Kunst erhebliche Verbesserungen im Erscheinungsbild unserer Mitmenschen zu erwarten. All die Stirnverblendungen und helmartigen Kompaktkreationen, verzauselten Knoten-Verbüschelungen oder sonst wie verunfallten Notlösungen – vorbei! Wurde aber auch wirklich Zeit, wie unsere Beispiele zeigen.

1. Wildwuchs und Strohdach

Wenn nichts mehr geht, dann lässt man den Dingen ihren Lauf – das ist die wohl naheliegendste Schopfstrategie im Lockdown. Der britische Premier Boris Johnson etwa, der auch schon Prä-Corona dem Struwwellook frönte, trägt nun einen restlos verstrubbelten Haufen Stroh auf dem Kopf. Angesichts der von seiner Regierung beschlossenen Salonschließungen und der damit einhergehenden Zwangsverwilderung scheint Johnsons Erscheinungsbild sagen zu wollen: Hey, ich bin einer von euch, auch euer Premier hat keinen Zugang zu Kamm und Schere.

Eine Strategie, die auch Thomas Müller verfolgt. Während andere Fußballer perfekt gestylt über den Platz flitzten und mit ihren stets taufrischen Frisuren viel Unmut auf sich zogen, blieb der Bayern-Stürmer ganz Ehrenmann. Auf Instagram macht sich Müller, der während der Club-WM in Katar positiv getestet wurde, selbst über seine Corona-Frise lustig, die auch schon vor der Quarantäne wucherte. Das Dickicht auf dem Kopf mit Humor nehmen, das sollten sich vielleicht ein paar Kickerkollegen bei ihm abschauen. Denn wie lautet das ewige Motto: „Entscheidend is auf’m Platz.“

2. Notzopf bis zum Haarbruch

Fragt der Friseur seine Kundinnen, wie viel er denn wegnehmen dürfe, dann kommt häufig die Antwort: So viel, dass ich immer noch einen Zopf machen kann. Seit Corona wissen wir, wie weise diese Grenzziehung ist: Wer jetzt ohne Zopf ist, muss in der Videokonferenz vor aller Augen seinen unfrisierten Kurzhaarkopf hinhalten. Wohl dem, der einen Gummi hat und sich die Mähne zu Pferdeschwanz, Affenschaukel oder Schnecke binden kann. Selbst der Hipster-Dutt (er war doch längst im Mainstream davongeschwommen) scheint nun die bessere Alternative zu sein. Lieber „Man Bun“ als Vogelnest.

Fakt ist: Die schnellen Frisuren, die uns schon im Vor-Pandemie-Alltag oft das Styling retteten, wurden im Lockdown unerlässlich. Stars wie Kaley Cuoco zeigen, dass der Notzopf gar zum instagramtauglichen Fashion-Statement werden kann, wenn man ihn mit Scrunchies versieht, den zuletzt in den Neunzigern angesagten weichen Raffgummis. Dennoch: Irgendwann reicht es mit dem Zopf. Dauerträger wissen es längst: Wer ständig bindet, riskiert Haarbruch und Spliss. Und das bringt nun wirklich jeden Haarprofi zur Verzweiflung.

3. Die Lockdown-Locken

Wir wissen jetzt, dass in Corona-Zeiten die Frisur schnell zu einer hochpolitischen Sache wird. Das Motto „Zeig mir dein Haar und ich sage dir, ob du dich verordnungskonform verhältst“ gilt nicht nur für Fußballer, sondern noch mehr für Politiker. Selbst CDU-Ministerin Julia Klöckner darf im Lockdown keinesfalls den Anschein erwecken, sie ließe sich im Untergrund heimlich die Haare schneiden. Gleichzeitig hat die ansonsten stets perfekt gestylte Landwirtschaftsministerin gewisse Ansprüche. Und greift daher zu einem Trick: „Mit etwas Übung bekomme ich meine länger gewordenen Haare mit dem Lockenstab zu einer ‚Frisur‘“, berichtete Klöckner unlängst. Sie habe es auch schon gewagt, sich mit einem neu gekauften Haarschneide-Set und unter YouTube-Anleitung die Spitzen zu schneiden.

Beim Färben ihrer blonden Mähne allerdings kam es zum Fauxpas: Sie habe beim Aktenlesen die Zeit vergessen, bekannte sie: „Das Färb-Ergebnis war am Ende anders als geplant, aber interessant.“ Auf Instagram jedenfalls zeigte Klöckner haarigen Humor und zog angesichts ihrer Lockdown-Frisur Parallelen zum Fell ihres Hundes. 

Eine üppig gewellte Typveränderung hat Corona auch auf manchem Männerkopf hinterlassen. Thomas de Maizière, der frühere Bundesinnenminister, war in dieser Woche in der ZDF-Talksendung von Markus Lanz zu Gast. Auf Twitter zogen Zuschauer angesichts der grauen Haarpracht des CDU-Politikers, der früher immer akkurat und raspelkurz unterwegs war, Parallelen zu „italophilen Feuilletonisten“ und zu Ludwig van Beethoven. Lockdown-Humor am Limit!

4. Auf Nummer sicher: die Glatze

Die realistische Einsicht in die Grenzen der eigenen Fähigkeiten (oder eben in das eigene Unvermögen) dürfen wir getrost als vollendet aufgeklärtes Bewusstsein bezeichnen. Es ist ganz einfach klug, gewisse Dinge nicht zu tun. Zum Beispiel mit der Schere oder Maschine durchs Kopfhaar zu fräsen, wenn man es nicht kann. Dann lieber auf etwas beschränken, das nicht groß schiefgehen kann. Der Sänger Pietro Lombardi zum Beispiel: Als er wegen seiner Corona-Erkrankung in Quarantäne saß und sich offenbar langweilte, griff er kurzentschlossen zum Barttrimmer und rasierte sich zur Gaudi seiner Instagram-Follower den kunstvoll blondierten Einheits-Brikettschnitt ab. Eine Glatze, kürzer geht es nicht. Keine Nerverei mehr mit vermurksten Haarlängen oder Fassonschnitten.

Auch der schon aus familiären Gründen modeaffine Fußballer David Beckham fand in der Pandemie zum schadensbegrenzenden Kahlschlag. Eine allemal lobenswerte Selbstbescheidung. Gleich nach der Glatze kommt übrigens die Raspelbürste, denn auch sie zeichnet sich durch einheitliche und deswegen leichter zu bewerkstelligende Schnittlängen aus. Siehe Winfried Kretschmann: Der baden-württembergische Ministerpräsident hatte sich zum Ende des ersten Lockdowns öffentlichkeitswirksam die Haare schneiden lassen und hält sie nun an den Seiten selbst kurz.

5. Der Unfall oder: „das Schnittloch rechts hinten“

Eine vielerorts schmerzliche Erinnerung daran, dass es Dinge gibt, die man einfach den Profis überlassen sollte. Zugegeben, auch ein Profi kann mal danebenlangen. Aber: Das Friseurhandwerk ist eben ein Hand-Werk. Eine zumeist schlecht bezahlte, jedoch mühsam zu erlernende Kunst. In aller gebotenen Neo-Sachlichkeit formuliert: Was ab ist, ist ab.

Das musste auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer erfahren, bekanntlich ein Freund des öffentlichen Auftritts und schon allein deshalb auf sein Äußeres bedacht. Der FAZ verriet er, Opfer eines Fehlschnitts geworden zu sein: Seine Frau schneide ihm derzeit die Haare und habe ihm ein „Schnittloch rechts hinten“ zugefügt. Oh. My. God. Die Bunte hat sicher schon diverse Ehekrisen-Drohnen losgeschickt.

Wir können allerdings versichern, dass bei Scheuers Nackenspoiler davon nichts zu sehen war. Ganz anders bei der Sängerin Pink: In ihrem Corona-Tagebuch auf Instagram erzählte sie, wie sie unter Alkoholeinfluss ganz spontan entschieden hatte, sich die Haare selber zu schneiden. Das Ergebnis war eine deutlich ungewollte Kahlstelle über dem linken Ohr. Wer den Schaden nicht mit einer Vollrasur kaschieren möchte, muss, wie Pink, zur (möglichst knalligen) Wollmütze greifen. 

6. Monsterpony und Haarschild

Unaufhaltsam sprießendes Haar kann auch ein Segen sein. Denn in gerade noch ziviler Länge vermag es, die „Geheimratsecken“ genannten, zumeist altersbedingten Verfalls- oder, präziser gesagt, Ausfallserscheinungen zu kaschieren. Mehr noch, mit einer passenden, dezent angewilderten Barttracht kann bei so manchem Herren auch ein Hauch juveniler Abenteuerlust entstehen. Sogar eine kraftvolle, viril-herbe Yeti-Haftigkeit, die von ganz weit her, nur nicht aus den beengten Lebensverhältnissen des Lockdowns zu stammen scheint. So weit das schöne Konzept. Allerdings herrschte unter friseurlosen Corona-Bedingungen eher platte Konzeptionslosigkeit vor.

Foto: dpa/Peter Kneffel
Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern: Helmtracht mit offenem Visier.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder führt das beispielhaft vor. Seine haarologische Vollverhelmung wird nur durch ein keck aufgerichtetes Stirnvisier durchbrochen. Ob durch Naturwuchs oder etwas Festiger, vulgo Haargel: Die Söder’sche Tolle markiert trotz ihrer ganzen Zersauseltheit immerhin einen Moment der Würde. Denn sie kündet von einem Stilwillen und damit von dem Willen, sich dem Corona-mächtig fortlaufenden Gang der Dinge nicht defätistisch hinzugeben. Und sie demonstriert in realer Metaphorik einen Weitblick, den sich Politiker nur zu gern zuschreiben.

7. Der Ansatz-Alptraum 

Daniela Katzenberger hat die Probleme der fehlenden Profi-Haarfärberei bei Instagram auf den Punkt gebracht. Von einem „Ansatz-Alptraum“ sprach die 34-jährige Fake-Blondine dort und präsentierte ihren zwei Millionen Followern den mehr als augenscheinlichen Unterschied zwischen ihrer Naturhaarfarbe und dem Platinblond aus der Packung. Sie berichtete von Färbe-Fails, bei denen der Aufheller nicht für alle Stellen reichte, und verglich ihren Ansatz mit dem Horror eines Halloween-Kürbisses.

Wer seine Haare nicht regelmäßig zu Hause selbst färbt, der dürfte angesichts der Salonschließungen schnell überfordert sein und im schlimmsten Fall noch den helfenden Partner verdammen, der es trotz redlicher Versuche nie so hinbekommen wird wie der Stammcoiffeur. Wer trotz der geplanten Lockerungen so schnell nicht wieder zum Friseur gehen möchte, dem sei zur Unfallvermeidung das Färbe-Tutorial von „Desperate Housewives“-Star Teri Hatcher empfohlen. Sie habe vor vielen Jahren angefangen, sich ihren grauen Ansatz selbst zu färben, weil sie keine Zeit für einen Friseurbesuch hatte. Mittlerweile ist die 56-Jährige ein echter Profi.