Als würde sie von innen leuchten: Claudia Schiffer vor einer Chanel-Show im Grand Palais, Mai 2019.
Foto: Getty Images/Julien M. Hekimian

BerlinClaudia Schiffer ist für ihre Diskretion und Zurückhaltung bekannt. Interviews gibt sie nur selten, und noch viel seltener redet sie über die großen Zeiten, als sie die Cover der großen Fashion-Magazine schmückte und gemeinsam mit ihren Kolleginnen Naomi Campbell, Linda Evangelista und Cindy Crawford eine ganze Ära prägte – die Ära der Supermodels der Neunzigerjahre. Jetzt, wo die Schiffer 50 wird, erinnern viele Magazine an die blonde Schönheit, und auch eine Titelseite hat es vor einigen Wochen mal wieder gegeben. Die britische Elle hat Schiffer, die am Dienstag (25. August) ihren runden Geburtstag feiert, eine Coverstory gewidmet und sie in ihrem Zuhause im englischen Oxfordshire getroffen.

Dort blickte Schiffer selbst ein wenig verblüfft auf die früheren Supermodeljahre zurück: Wahnwitzig sei die Zeit gewesen, so „als ob ich ein Rockstar war“. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere habe man als Model sein Auto nicht erreichen können, „außer es wurde ein Weg für dich freigeräumt“. Manche hätten Löcher in die Zelte geschnitten, um die Mädchen ablichten zu können. „Wir hatten Leibwächter bei jeder Fashion-Show“, erinnert sich Schiffer. Sogar für ihre Unterwäsche sei irgendwann Security angestellt worden. „Wenn ich draußen auf dem Laufsteg war und zurückkam, war ständig meine Unterwäsche verschwunden. Mein BH, meine Schlüpfer ... einfach weg!“

Inzwischen ist es ruhiger geworden um Claudia Schiffer, wenn auch nicht still. Seit einiger Zeit lässt sie ihre 1,3 Millionen Follower auf Instagram an einem makellos wirkenden, von Blue Jeans geprägten Leben teilhaben. Rund um ihren Geburtstag hat sie eine Throwback-Galerie angelegt und dafür im Fotoalbum der Familie Schiffer weit zurückgeblättert. Sie sei froh, 50 zu werden und habe sich nie zuvor in ihrem Leben zufriedener und glücklicher gefühlt, verriet sie kürzlich dem britischen Telegraph. Schiffer, deren aktuelles Vermögen auf 200 Millionen Euro geschätzt wird, besitzt ein riesiges, denkmalgeschütztes Anwesen bei London und ein Stadthaus in Notting Hill. Mit ihrem Mann, dem britischen Filmproduzenten Matthew Vaughn, hat sie drei Kinder: den 17-jährigen Caspar, die 15-jährige Clementine und die zehnjährige Cosima.

Schon 1998, im Alter von 28 Jahren, konnte sie sich vom Laufsteg zurückziehen. Bis dahin war Claudia Schiffer für alle großen Modehäuser in Paris, Mailand und New York gelaufen, allen voran natürlich Chanel. 1988, in dem Jahr, in dem sie ihr Abitur machte, betrat sie mit Unterstützung von Karl Lagerfeld erstmals den Catwalk des Luxuslabels. Der Meister erklärte die blonde Deutsche, die immer wieder mit Brigitte Bardot verglichen wurde, zu seiner Muse und blieb bis zu seinem Tod mit ihr verbunden. Dieser Verbundenheit haben wir auch ein herrliches Bonmot zu verdanken – Lagerfelds Seitenhieb auf Schiffers Exportschlager-Nachfolgerin Heidi Klum: „Ich kenne sie nicht. (...) Auch Claudia kennt die nicht. Die war nie in Paris, die kennen wir nicht“, lästerte der Designer 2009 in einer Talkshow.

Dabei sind sich die beiden Frauen selbst kaum je in die Quere gekommen. Als Klum 1997 zum ersten Mal für Victoria’s Secret lief, war Schiffers Runway-Karriere schon fast vorbei. Und auch wenn die 1,76 Meter große Klum aus Bergisch Gladbach tatsächlich nie auf den großen Schauen lief, hat sie die kühle Blonde vom Niederrhein später zumindest in Sachen TV-Karriere locker überflügelt: 2013 unternahm Schiffer den bislang letzten Fernsehversuch, doch ProSieben setzte ihre Show „Fashion Hero“ nach nur einer Staffel mit enttäuschenden Quoten ab. Klum hingegen geht 2021 mit „Germany’s Next Topmodel“ in die 16. Runde, auch in den USA ist sie ein Star.

Die Wege der beiden Supermodels kreuzten sich bereits zu einem Zeitpunkt, da kannte man ihre Namen weder in Paris noch in Düsseldorf. Als die 17-jährige Claudia Schiffer in der Rheinmetropole die Diskothek Checkers besucht, wird sie von Michel Levaton, dem Geschäftsführer der Modelagentur Metropolitan entdeckt. In dem Club arbeitete zeitweise auch eine gewisse Heidi Klum. Doch während die auf ihre Karriere noch ein bisschen warten musste, ging es bei der schüchternen Schiffer ganz schnell.

Vergessen waren die Pläne, ihrem Vater zu folgen, Jura zu studieren und Anwältin zu werden. Schönheit statt Schönfelder, das war fortan die Devise. Auch wenn Schiffer voller Selbstzweifel vom Niederrhein nach Paris ging, so tat sie es doch mit vollem Einsatz. Ihre Disziplin und Zuverlässigkeit wurden schnell zu ihrer Stärke, die Designer liebten ihre Tugenden, die andere Kolleginnen gern mal vermissen ließen. Man sah die Schiffer nicht auf den feuchtfröhlichen Modelpartys, wenn andere feierten, saß sie bereits im Flieger zum nächsten Shooting. Dort lieferte sie zuverlässig ab, konnte sich als die Unschuld vom Lande genauso gut inszenieren wie als männermordender Vamp oder Luxus-Diva.

Bauarbeiter vor einem H&M-Werbeplakat mit Claudia Schiffer.
Foto: Imago Images

Erst, als sie ihr Gesicht überall an den Pariser Plakatwänden sah, sei ihr klar geworden, dass aus ihr wohl doch ein brauchbares Fotomodell werden könnte, sagt Schiffer heute. Erst im Rückblick habe sie realisiert, was für eine besondere Zeit die Neunzigerjahre gewesen seien: Fotomodelle waren zu begehrten Ikonen der Luxusindustrie geworden, die mit Werbeverträgen immense Summen einstrichen.

Zwar betrug ihre Tagesgage 1995 „nur“ zwischen 25.000 und 75.000 Mark – das Wirtschaftsmagazin Forbes hat im Jahr 2014 für die Brasilianerin Gisele Bündchen eine Tagesgage von 128.000 US-Dollar, umgerechnet mehr als 94.000 Euro ausgerechnet. Aber La Schiffer verdiente auch abseits des Catwalks: Als Werbestar für Revlon, Pepsi, L’Oréal oder H&M, als Gesicht von Luxuslabels wie Louis Vuitton, Dolce & Gabbana und natürlich Chanel. Sie nützt ihre Bekanntheit, indem sie ihren Namen immer wieder an Produkte lizensiert, die zu ihrem jetzigen Leben passen, sei es Kaschmirstrick oder, im Frühling dieses Jahres, eine Schmetterlingsvase für die in Society-Kreisen beliebte Keramikmarke Bordallo Pinheiro aus Portugal.   

Handle with care: Vase aus Claudia Schiffers neuer "Cloudy Butterflies Collection" für die Traditionsmarke Bordallo Pinheiro. 
Foto: Bordallo Pinheiro/Vista Alegre 

Dass Claudia Schiffer regelmäßig in Museen und Ausstellungen zu sehen ist, verdankt sie den berühmten Fotografen, denen sie Modell stand: Peter Lindbergh, Mario Testino, Gunter Sachs, Ellen von Unwerth, Helmut Newton. Im kommenden Jahr wird sie selber eine Fotografie-Schau kuratieren. Im Düsseldorfer Kunstpalast präsentiert sie eine Ära, die sie selbst prägte wie keine andere Deutsche außer Jil Sander: die Modewelt der Neunzigerjahre.