Das Brusthaar sitzt: Model Justice Joslin als Sean Connerys Reinkarnation in der aktuellen, natürlich auf Jamaica fotografierten James-Bond-Kampagne der Kultmarke Orlebar Brown. Badehose „Thunderball Bassett “aus der 007-Kollektion, 115 Euro.
Foto: Greg Williams/Orlebar Brown

BerlinDer Sommer ist da, und mit ihm die Stunde der Wahrheit. Man wünscht sich Abkühlung im Wasser und wird vor dem Wochenende gefragt, ob man nicht mitkommen will ins Strandbad oder an den See. Und damit stellt sich die ungute Badehosen-Frage. Schließlich wollen auch Männer unter Adonis-Niveaus bestmöglich aussehen. Auch und gerade im halb nackten Zustand.

Ich besitze gerade mal zwei Badehosen. Beide hektisch in italienischen Läden gekauft, als sich auf beruflichen Reisen plötzlich die Gelegenheit bot, im Meer zu schwimmen, ohne dass ich vorher damit gerechnet hätte. Natürlich handelt es sich um Badeshorts und nicht um jene Bademeisterslips, mit denen wir bundesrepublikanischen Kinder in den 1970er-Jahren aufgewachsen sind. Damals trugen alle solche kleinen Badehosen, auch gestandene, erwachsene Männer.

Aus der Hüfte geschossen: Für Pep am Strand sorgt die 007-Badeshorts mit dem Filmplakatmotiv von Robert McGinnis für „Live and Let Die“ (1973) mit Roger Moore als Bond. Ebenfalls Orlebar Brown, 295 €.
Foto: Orlebar Brown

Als ich Ende der 1980er als junger Moderedakteur dann erstmals in Miami an den Strand kam, merkte ich: In den USA trug außerhalb von Profischwimmer-Trainingsbecken kein Mann solche dort generisch Speedos genannten Zweithäute um die Hüften. Sie waren verpönt wie Achselhaare bei Frauen. Offenbar ein zu intimer Anblick für US-Bürger, beziehungsweise nur etwas für Emigrantensprösslinge aus südlichen Gefilden, die am Strand auch ein Goldkettchen trugen.

Aha, die prüden Amis fürchten, dass sich unter einer engen Badehose etwas abzeichnen könnte, das wie ein männlicher Penis aussieht, dachte ich und archivierte die Erkenntnis zunächst unter „typisch amerikanische Verklemmtheit“. Bis ich feststellte, dass die weiten Badeshorts im Kennedy-Look auch meiner eigenen Verklemmtheit entgegenkommen. Wichtige Erkenntnis: Man sieht sofort besser aus, wenn man mehr am Leibe trägt! Außerdem ist es praktisch – Polo übergezogen und schon ist man bereit für einen Salat an der Strandbar. Sagen wir es so: Mit den Speedos ist man nur Körper, mit einer Badeshorts wird man Teil der Zivilisation.

Badeshorts wie diese im Navy-Look hat Marc O´Polo. Zwei seitliche Schrägtaschen und eine Pattentasche mit Klettverschluss heben sie aufs Level „echtes Kleidungsstück“, um 70 €.
Foto: Marc O´Polo

Aber genug der Reminiszenzen, auf zur Recherche bei Karstadt Sports, im KaDeWe und im Netz. Und siehe da, inzwischen werden auch hierzulande fast nur noch Badeshorts angeboten. Solide und überraschenderweise ohne Gangsta-Rap-Scherze ist das Sortiment bei Adidas. Sympathisch auch das Angebot von Marc O’Polo. Beim deutschen Traditionslabel Schiesser finde ich einen guten Kompromiss zwischen knalleng und Zirkuszelt: körpernah sitzend, mit angeschnittenem Bein, laut Hersteller aus „elastischer formbeständiger Wirkware“. Die kleine Reißverschlusstasche ist bei so wenig Stoff nicht nur modischer Gag, sondern richtig praktisch für Garderobenmünze oder Fahrradschlüssel.

Der Rolls-Royce unter den Badeshorts (aber wer will heutzutage noch Rolls-Royce fahren?) ist wohl eine der französischen Marke Vilebrequin. Für gern mal 220 Euro erwirbt man paddelnde Schildkröten, Fische oder ganze Kontinental-Landmassen auf den Hüften. Und ja, die bedruckten Modelle, die es auch im Vater-Sohn-Set gibt, sind ein Statussymbol. Was mit einer reinen Badehosenlinie für Männer anfing, bietet inzwischen auch Beachwear für die ganze Familie. Das Schicksal einer ganzen Generation französischer Männer: vom Playboy zum Papa. So kann's kommen.

Ganz anders, nämlich berlinerisch cool und mit der richtigen Portion Vintage-Gefühl, präsentiert sich die Strandmode von Tom Àdam: Der junge Lette Tom Adam Vitolins hat gemeinsam mit seinem vollbärtigen Vater Andris (auf dem Website modeln die beiden zusammen) ein paar Normcore-Männersachen entwickelt, die viel zu gelungen sind, um nur normal zu sein. Versteht sich, dass die Teile nicht nur den begehrten Bauhaus-Look haben, sondern auch Ressourcen sparen. So besteht der Stoff der Badehosen unter anderem aus Plastikresten, die aus dem Ozean gefischt werden.

Nerdig? Normcore. Bei Tom Àdam, dem Vater-Sohn-Label von Andris und Tom Àdam Vitolins (im Foto), finden Puristen, was sie suchen – nachhaltig hergestellte, ganz normale Badeshorts wie diese, um 120 Euro.
Foto: Tom Àdam/Aiga Ozolina

Und dann ist da natürlich noch die englische Marke Orlebar Brown, wo man sich seit längerem dem Ideal von James Bond verschrieben hat. Bis hin zum Poloshirt aus Frottee, wie Sean Connery es in „Goldfinger“ trug. Diesen Sommer treibt man das auf die Spitze mit einer 007-Heritage-Kollektion mit originalen Kinoplakat-Motiven an der Badehosenfront. Das erinnert an Pop-Art und Trash-Nostalgie à la Quentin Tarantino. Und schon ein paar Klicks durch den Online-Shop wecken die Sehnsucht nach feinem Karibiksand unter den Sohlen, ob mit oder ohne Ursula Andress im Bikini.

Fazit: Vor dem Badehosenkauf überlegen, wer man sein möchte. Körper oder Person, das ist die Frage, die Mann sich stellen muss. Wie gesagt, meine Antwort ist unifarben und endet auf halber Oberschenkelhöhe. Sie nennen das spießig? Ich nenne es global kompatibel.       


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