Riga - Niemand durfte von ihr erfahren: Skrunda-1 war einst eine geheime Stadt, die die Sowjets während des Kalten Krieges errichtet hatten. Der mysteriöse Ort, der versteckt in den baltischen Wäldern liegt, war auf keiner Landkarte zu finden. Die dortige Radarstation suchte den Himmel nach Atomraketen ab. Sie war Teil des  sowjetischen Raketenfrühwarnsystems und sollte vor einem Atomangriff aus dem Westen warnen.

An dem Militärstützpunkt in Lettland lebten streng abgeschirmt hinter Stacheldraht und hohen Mauern bis zu 5000 Menschen mit einer eigenen Schule, einem Kindergarten, einem Krankenhaus und sogar einem Nachtclub.

Skrunda-1 war der westlichste Frühwarnposten der Sowjets

Während des Kalten Krieges errichtete die Sowjetunion mehr als vierzig solcher geheimen Siedlungen, die in der Regel militärischen Zwecken dienten, wie das lokale Reise-Magazin Deep Baltic und der englische Guardian schreiben. Die geheimen Orte erhielten Code-Namen; wurden  nach einer Stadt in der Nähe benannt und mit einer Nummer versehen: in diesem Fall nach der lettischen Kleinstadt Skrunda im Westen von Lettland.

Rund 150 Kilometer von der Metropole Riga entfernt war Skrunda-1 der westlichste Frühwarnposten der sowjetischen Luftverteidigung vor US-Raketenangriffen. Die Einwohner wohnten auf 45 Hektar in mehr als 550 Wohnungen. Über allem wachte der Revolutionsführer Lenin, dem in der geheimen Stadt ein Denkmal gewidmet wurde.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Skrunda-1 zur Geisterstadt

Nach dem Zerfall der Sowjetunion, der das heutige EU- und Nato-Mitglied Lettland bis 1991 angehörte, wurde Skrunda-1 zu einer Geisterstadt. Der markante Radar-Turm wurde 1995 in einer spektakulären Aktion gesprengt.

Seit der Aufgabe der Radaranlage und dem Abzug aller Bewohner bis 1998 verfallen die rund 60 Gebäude in der Militärbasis. Trotz mehrmaligem Wechsel der teils auch privaten Besitzer konnte lange kein Konzept für eine Nutzung der menschenleeren Stadt auf die Beine gestellt werden.

Durch die Bauruinen mit den zerstörten Fensterscheiben pfiff der Wind, Moder und Feuchtigkeit machten sich breit. So zog die heruntergekommene Militärbasis zahlreiche Anhänger des Schwarzen Tourismus an. Die sogenannten „Dark Tourists“ zieht es an Orte des Verfalls, an ehemalige Kriegsschauplätze oder Tatorte.

Skrunda-1 ist zur Kulisse für Instagram-Fotos geworden

Die grauen Baracken wurden zur Kulisse etlicher Instagram-Selfies. Auf Tripadvisor erhält der „lost place“, die „verlassene Militärstadt“ 4,5 von 5 Sternen. „Das ist ein sehr cooler und gruseliger Ort“, schreibt eine Nutzerin. „Eine großartige Sehenswürdigkeit“, urteilt ein anderer. Unter dem Hashtag #skrunda1 findet man in den sozialen Medien zahlreiche Fotos. Auf den Bildern sieht man eine vollkommen verfallene Stadt – wie ein Sinnbild für die untergegangene Sowjetunion.

Durch den gerissenen Asphalt wächst Unkraut, Tapete und Putz hängen in Fetzen von den Wänden der alten Soldatenwohnungen. In den sozialen Netzwerken besonders beliebt: ein Porträt vor dem abblätternden Wandgemälde, das Lenins Konterfei zeigt.

Die Geisterstadt wird nun wieder militärisch genutzt

2015 kaufte die Gemeinde Skrunda das verfallene Militärgelände für 12.000 Euro, wie Deep Baltic und Guardian berichten. Ein Teil des Areals wurde dem lettischen Militär zu Übungszwecken zur Verfügung gestellt.

Im vergangen Jahr hat das lettische Verteidigungsministerium das Territorium schließlich von der Gemeinde übernommen, wie „Latvijas Avīze“, eine von Lettlands auflagenstärksten Tageszeitungen, und das lettische Nachrichtenportal tvnet.lv schreiben. In den beiden kürzlich erschienenen Berichten heißt es, die Militärbasis, die nun den Namen „Mežaine“ trägt, solle erweitert werden.

Skrunda-1 ist heute geschlossen

Seit dem vergangenen Jahr ist das Gelände nun auch nicht mehr für Touristen zugänglich. Sowohl auf Tripadvisor als auch beim lokalen Reise-Veranstalter „Eat Riga“ heißt es, das Areal sei geschlossen.

Skrunda-1 kehrt zurück zu seinen Wurzeln. Der Geisterort wird wieder militärisch genutzt – und bleibt vor den Augen Öffentlichkeit verborgen. (rer/dpa)