Mark Scheibe macht die weiße Kassettentür auf. Er verschwindet fast im Wandschrank, reckt sich, wühlt in Kissen, Decken, Bettlaken. Irgendwann hat er sie gefunden, seine neue Platte, zieht sie hinter der Wäsche aus dem obersten Schrankfach hervor. Orangefarben mit dicker schwarzer Schrift und feinem schwarzen Rahmen – ein Plattencover wie ein Etikett von Veuve Clicquot: „Champagner für alle“ steht darauf.

Er könne sich sein neues Album gut als Untermalung eines schönen Dinners vorstellen, sagt der Musiker; vor, nach oder statt Billie Holiday und Frank Sinatra. „Aus diesem Sound heraus, aus diesem reichen, satten, glücklichen Klang kommt meine Leidenschaft zur Musik und auch die Idee zu meiner neuen Platte“, so der Künstler. „Es geht um Liebe, Selbstfindung und um die Geste der Großzügigkeit.“

Carsten van Ryssen
Da ist die Platte ja: „Champagner für Alle“ hat sich im Schrank versteckt.

„Champagner für alle“. Wie großmütig und generös dieser Albumtitel tatsächlich ist, weiß man erst, wenn man Mark Scheibe sagen hört: „Ich selbst trinke im Moment witzigerweise gar keinen Alkohol“ – den feinperligen Schaumwein schenkt er aktuell nur noch den anderen aus. Schon immer habe es Zeiten gegeben, in denen er auf Alkohol verzichtet habe. „In meiner Lebensphase jetzt brauche ich ihn einfach nicht, ich komme leicht in meine Gefühle rein, kann gut loslassen und genieße einen klaren Kopf mehr als den Rausch, der sich nicht von alleine ergibt.“ Und: „Ich lebe nicht mehr so wüst und wild wie vor 20 Jahren noch.“

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Damit immer was Romantisches in der Gegend herumsteht: Kunstrosen auf dem Klavier im Konferenzraum.

Ein bisschen Dekadenz und Durcheinander aber hat sich der Lebemann bewahrt. Seit einem Jahr wohnt er im Hotel Art Nouveau im schönsten Teil Charlottenburgs. Unweit des Olivaer Platz gelegen, erstrecken sich die 22 Zimmer des Hotels über die zweite und die vierte Etage des prachtvollen Gründerzeithauses, in dessen reich verziertem Treppenhaus noch immer ein historischer, offener Fahrstuhl hinter gusseisernen Gittern fährt. „Wenn ich nach einem Auftritt oder einer Konzertreise hier nach Hause komme, wenn ich meine Post ausgehändigt kriege und noch einen Kaffee im Frühstücksraum trinke“, sagt Scheibe, „dann fühlt sich das immer ein bisschen wie Urlaub an.“

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Der Zimmerservice war noch nicht da: Scheibes leicht zerwühltes Bett.

Das Abonnement aufs Sonntagsfeeling aber hat durchaus seinen Preis. Es ist nicht viel, was Mark Scheibe in der kleinen Suite Nummer 21 sein Eigen nennt: Koffer, Klapprad, Kunstrosen – mehr hat er nicht dabei. „Den Strauß an 50 langstieligen Fake-Rosen habe ich mir schon vor zwei Jahren besorgt, damit immer etwas Romantisches in der Gegend rumsteht, wenn ich mal ein Musikvideo drehe“, sagt Scheibe. „Und den alten Überseekoffer habe ich auf Ebay gefunden, damit ich schnell meine Sachen zusammenpacken kann.“ Denn wenn der Komponist und Sänger mal länger unterwegs ist, auf einer Tournee etwa oder zu Besuch bei einer seiner beiden Freundinnen, dann wird sein Zimmer durchaus an andere Gäste vergeben.

Wenn der Musiker auf Tour ist, wird seine Suite an andere Gäste vergeben

„Dies ist ja ein kleines Haus, und da kann sich der Hotelier leerstehende Zimmer nicht erlauben.“ Im Fall der Fälle jedenfalls verschwinden Scheibes Sachen in besagtem Wandschrank, dem mit den Hotel-Bettdecken und -Kissen darin. Ein paar eigene Möbel, private Gegenstände und Erinnerungsstücke hat er bei seinen Freundinnen untergebracht, von denen eine in Berlin, die andere in Bremen lebt. „Gerade, wenn ich meine Lieben besuche, merke ich wieder, dass ich viel lieber Gast als Hausherr bin.“

Das Wohnen hat Mark Scheibe einfach nicht gelernt. Ihm blieb nie die Zeit, irgendwo wirklich Wurzeln zu schlagen. Schon als er mit 18 Jahren zu Hause auszog, waren er und seine Mutter fünfzehnmal umgezogen – bevor er vor einem Jahr letztlich im Art Nouveau gelandet ist, hatte Mark Scheibe sein 30. Apartment bewohnt. „Irgendwie will das mit mir und der festen Bleibe nicht richtig klappen“, sagt er nun. Schnell verkrempele er neue Räume, fühle sich in den eigenen Wänden nicht mehr wohl – „ich habe einfach kein Talent fürs Wohnen.“

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Von A nach B: das Klapprad ist eines der Dinge, die Scheibe mitgebracht hat.

Das Leben im Hotel hingegen passe aktuell perfekt zu ihm. In seiner Suite genießt er die Ruhe, in einem größeren Konferenzraum, in dem auch ein Klavier steht, kann er üben und arbeiten. „Und wenn ich doch mal Gesellschaft will, dann gehe ich eben in den Frühstücksraum, unterhalte mich mit den Mitarbeitern oder lerne andere Gäste kennen.“ Eine Gruppe Schweizer Psychiaterinnen auf Tagung in Berlin, eine Yoga-Truppe aus Freiburg – schon einige kuriose Begegnungen habe er bei Kaffee und Croissants im Frühstücksraum des Hotels gemacht.

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Eine neue Melodie, ein neues Lied: Zum Arbeiten zieht sich der Komponist und Sänger gern in seine Suite zurück.

Und doch ist es auch eine Melancholie, die das Leben im Hotel mit sich bringt. Im Gespräch muss der Musiker an seinen Vater denken, der sich das Leben nimmt, als Mark Scheibe gerade 17 Jahre alt ist. Seine Tochter fragt schon früh und mit großer Neugier nach dem Großvater. „Ich habe ihr von seiner großen Traurigkeit erzählt, von der Einsamkeit, davon, warum er nicht mehr leben wollte“, erzählt Scheibe und zitiert die traurig-schöne Entgegnung seiner Tochter: „Vielleicht hatte er Heimweh, aber wusste gar nicht, wo er wohnt.“

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Tadellos: Seine Hemden glättet der Musiker mit dem Hotel-Bügeleisen.

Im Grunde, sagt Scheibe, sei es eine ähnliche Sehnsucht, die auch ihn und seine Musik prägt. „Heimweh zu haben, ohne zu wissen, wo das Zuhause ist – ich glaube, das beschreibt auch ein bisschen mein Lebensgefühl“, sagt er. „Aber ich weiß, dass ich in meinem Leben zu Hause bin und dass mein Leben mir immer wieder Orte schafft, an denen ich mich wohlfühle. Und im Moment ist dieses Hotel einer davon.

Um dort dauerhaft leben zu können, ohne völlig zu verarmen, hat sich Mark Scheibe übrigens auf einen speziellen Deal mit dem Hotelier geeinigt. Im Grunde zahle er eine für die Gegend von Charlottenburg durchschnittliche Miete. Dafür schreibt der Künstler eine wöchentliche Kolumne für die Webseite des Art Nouveau, hat außerdem einen zehnminütigen Film im Hotel gedreht, mit Operngesang und skurriler Inszenierung. „Und neulich habe ich ein kleines Konzert im Konferenzraum gegeben, natürlich gab es Champagner dazu“, sagt Mark Scheibe. „Er soll fantastisch geschmeckt haben.“

Die Kolumne des Musikers ist auf der Hotel-Webseite zu lesen.