Wo der Spargel ausverkauft ist, muss man sich mit Alternativen begnügen.
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Berlin/BrandenburgKein Spargel. Ich weiß, es gibt wichtigere Probleme. Aber mein Problem heißt gerade: kein Spargel. Mitten im sandigen Brandenburg, unter optimalen klimatischen Bedingungen für sein Wachstum: kein Spargel. Weder beim fliegenden Stand, der jedes Jahr Ende April an der Bushaltestelle unseres Dorfes öffnet, noch beim Metzger, der sonst immer einen Vorrat in der Hinterhand hat. Im lokalen Supermarkt gibt es welchen, allerdings kommt der aus Griechenland. Ich aber will frischen Spargel aus Brandenburg.

In der Nacht hatte ich geträumt. Es ging nicht um Spargel, jedenfalls nicht am Anfang. Der Traum lief so: Ich ging eine Straße entlang. Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um. Ein Mann hob eine Spraydose und sprühte mir widerliches, lungenverklebendes Zeug in Gesicht. Ich rang nach Luft und wachte schreiend auf. Meine Frau fragte, ob sie den Krankenwagen rufen solle. Ich antwortete: Spargel! Wann gibt es wieder Spargel? Sie sah mich verständnislos an. Ich verstand mich auch nicht. Musste ich auch nicht. Zurzeit wird auf Sicht regiert und auf Sicht geforscht, da kann ich auch auf Sicht träumen.

Neulich war ich beim Arzt, weil ich dachte, nicht nur das Virus habe mich erwischt, sondern mindestens auch ein Herzinfarkt. Ich sah mich bereits in der Notaufnahme, Totalisolation, Herz-OP. Als er sich meine Symptome anhörte, lächelte der Arzt: Er sah einen Mann in Panik. Ich sei nicht der erste Patient mit diesen Symptomen, meinte er, die Gesamtsituation sei verwirrend, die Orientierung schwierig, da kämen gerade Menschen mit zu viel Phantasie (meinte er mich?) ins Schlingern. Er empfahl Entspannung. Etwas Gartenarbeit. Das Smartphone ausschalten. Kochen. Spargel schälen, zum Beispiel, könne bei meinen Beschwerden echte Wunder bewirken.

Bei der Demo war alles dabei, was Rang und Dachschaden hat

Man muss sich wirklich nicht immer mit den großen Themen beschäftigen. Mit den Welterklärungen. Den Prognosen. Den Aussichten und Hochrechnungen. Es endet ja jeder Artikel mit dem Satz, dass es noch viel schlimmer kommen könne, noch viel schlimmer kommen werde oder dass das Schlimmste noch nicht vorbei sei. Es könne aber auch weniger schlimm kommen, besser werden oder nur ein Schnupfen sein. Manche glauben an Weltverschwörungen, andere an die Rache der Natur. Am letzten Wochenende haben rechte Demonstranten in Berlin gegen eine Sache demonstriert, die sie Hygienediktatur nannten. Es waren die üblichen Verdächtigen, zwischen Ken und Jebsen war alles dabei, was Rang und Dachschaden hat. Ich dachte: Wahrscheinlich hat der Arzt recht.

Gestern musste ich in die große Stadt. Die Arbeit rief. In der U-Bahn wurden Masken getragen. Es war für jeden Geschmack etwas dabei. Die schlichte blaue OP-Maske, die Maske mit Blumendekor, die Maske mit aufgemaltem Grinsen, die dreifiltrige Profi-Maske mit einem Anflug von Darth Vader. In meinem Waggon ging der Trend Richtung Schwarz, was jedem zweiten Passagier einen Hauch von Bankräuber verlieh. Gleich, dachte ich mir, werden sie aussteigen und den nächsten Geldautomaten zur Herausgabe der Scheine zwingen. Leider gibt es keine Spargelautomaten.

Die Verkäuferin beim Metzger meint, am Wochenende könnte ich vielleicht Glück haben. Aber der Brandenburger Spargel käme einfach nicht vom Feld. Keine Polen, keine Rumänen, und die Deutschen gingen eher zum Therapeuten als zum Spargelstechen. Ich erwarb einen Becher Fleischsalat und fuhr zur Tanke. Dort verkauft ein örtlicher Gärtner seine Waren. Es gab aber nur Kartoffeln. Gut, dachte ich: kann man auch schälen.