Der Biber hat ganze Arbeit geleistet. Als hätte er vorgehabt, eine Sanduhren-Skulptur zu raspeln, hat er den dicken Baum bearbeitet. Der, jetzt an seiner dünnsten Stelle am Stamm nur noch zehn Zentimeter stark, steht am Ufer des Fließes – und muss beim nächsten Windstoß umkippen.

Mit dieser Befürchtung im Kopf gleiten wir lautlos vorbei. Es ist windstill, wir sind still, die Kinder sind still. Und das Geäst kracht nicht auf uns nieder. Das war dann auch schon der stressigste Moment dieser Familien-Paddeltour durch den Spreewald. Vom Biber keine Spur, und von sich gleichsam mit Booten betätigenden Touristen wie uns? Erst recht nicht. Es ist noch zu früh , um von einem Besucher-Ansturm im Spreewald zu sprechen. Ja, Ostern waren die Fließe voll, aber gerade die Zeit nach den Feiertagen eignet sich gut, um den wahren Schatz des Spreewaldes zu genießen – die Ruhe.

Der Spreewald ist in Brandenburg, ja im ganzen Osten der Republik eines der meistbesuchten Touristenziele. „Im Sommer haben wir hier Staus an den Schleusen“, sagt Martin Kuznik, Restaurantleiter der „Kolonieschänke“ in Burg. Martin, der mithilft, wo Not am Manne ist, trägt mit mir die hauseigenen Paddelboote vom Hotelparkplatz über die Straße an die Hauptspree: „Ihr wollt paddeln? Na gut.“

Der Namenszusatz „Haupt-“ des Rinnsales gegenüber dem Hotel deutet es an: Bis der Fluss, der im Spreewald kaum breiter ist als die etlichen Fließe und Gräben, die Hauptstadt erreicht, wird er sich splitten, abgewandelte Namen bekommen, wieder vereinen, Bögen schlagen, sich schließlich im Müggelsee ergießen und am Schloss Köpenick der Dahme das Wasser abzapfen, um im Alleingang durch Museums- und Regierungsviertel zu ziehen, wo die Ausflugsdampfer fahren.

„Ihr kriegt das Boot mit dem Loch“, erlaubt sich Martin einen kleinen Scherz, „nein, nein, wer im Spreewald ertrinkt, der ist zu faul zum Stehen“, besänftigt er, als die Kinder schrecklich große Augen kriegen. Mal einen, mal anderthalb Meter seien die Fließe tief, und um so ein Paddelboot zum Kentern zu bringen, müsse man sich schon dämlich anstellen. Spätestens als wir in den Ostgraben abbiegen, ist alles vergessen. Der ganz normale Wahnsinn, der Stress der immer schnelleren Zeit – zumindest für eine Zeit.

Wir paddeln durch eine frühlingswarme Wohlfühlblase der Einsamkeit: die schon hier und da grün bemoosten Uferwülste, die hier und da noch laublosen Bäume, die die Sicht auf in der Abendsonne warm leuchtende Wiesen gewähren, wo kegelartig aufgespießte Heuschober stehen, Wahrzeichen des Spreewaldes. Hier und da erste Gründaumen, die in den von Rinnen umrissenen Gärten ihre Hintern in die Luft strecken. Und mit dem Schlangenkönig verzierte reetgedeckte Spreewaldholzhäuschen fehlen auch nicht.

Dieses an den Giebeln zu zwei gekreuzten Schlangenköpfen mit Krone erstarrte Wesen galt schon den in der Gegend seit Jahrhunderten beheimateten Wenden als guter Hausgeist, der zum Beispiel vor Hochwasser warnte, das immer wieder drohte, bis in den Achtzigern die Umfluter gebaut wurden, große Kanäle zur Wasserregulierung. Das auffälligste Wesen, dem wir begegnen, stand zu DDR-Zeiten auf manchem Plan zur Schulspeisung: Nutria. Mit glatt-glänzendem Fell hockt ein Exemplar auf einer Wurzel am Ufer im Wasser, ein anderes, das wir ein paar Spreemeter weiter entdecken, hält mit kleinen Händchen eine weiße Muschel. Beim Knabbern zeigt es seine orangegelben Nagerzähne.
Auch zur Hochsaison im Sommer findet man einsame Fließe. Doch man muss sie suchen, den Nordfließ im Hochwald etwa, dem waldreichsten Stückchen Spreewald. In den frühen Frühlingsmonaten aber schlafen noch einige Touristenhochburgen. Die Gurkenstände, die an den hölzernen Anlagestellen jeden stakenden Fährmann zum Halt zwingen, weil den Kahnpassagieren nach der Spezialität gelüstet, sind aber schon da. Zwischen Lübbenau und dem Museumsdorf Lehde, wo zur Saison das örtliche Gurkenmuseum hochfrequentiert ist und sich Kahn an Kahn reiht, ist man mit dem Paddelboot wochentags allein. Als die tiefstehende Sonne backbord ihre letzten Strahlen durch einen silbrig schimmernden Birkenhain schickt, wird es ein bisschen frisch. Die kleine Privatsauna im Bad des Hotelzimmers wartet.

Am nächsten Morgen, nach Bio-Frühstück, mit Bio-Kaffee, Bio-Brötchen, selbstgemachten Aufstrich aus Bio-Süßkartoffel und Bio-Familien mit Bio-Nachwuchs aus den umliegenden Großstädten wie Dresden oder Berlin an den Nachbartischen, sitzen wir (auch eine Familie mit Hang zu Bio-Nahrung) wieder in den Booten. Und die Landschaft entwickelt aufs Neue ihren Zauber. Oft genug halten wir inne, entdecken den nächsten Biberbaum, über den Wiesen kreisende Greifvögel oder alte Fischkästen, das sind Holzkisten an einer Winde, in denen man früher den Fang unter Wasser frisch hielt. Ein einträchtig schwimmendes Entenpaar scheinen wir, leise heran driftend, zu überraschen. Aufgebracht schnatternd flattern die beiden tropfend im Tiefflug über unsere Köpfe hinweg. Von hinten nähert sich eines der wenigen anderen Wasserfahrzeuge des Tages, denen wir begegnen. Kinderstimmen, eine Vaterstimme, die zum richtigen Paddeln anweist, und die Mutter mit Pudelmütze, nett grüßend, den Blick in den Himmel gerichtet: „Diese Ruhe!“ An der Schwarzen Schleuse biegt die Familie aus Berlin-Hermsdorf vom Krummen Fließ Richtung Leipe ab, und wir sind wieder allein. Ruhe.

Die Reise wurde unterstützt vom Spreehafen Burg und der Kolonieschänke.

Tipps und Informationen

Unterkunft: Im „Bio-Hotel Kolonieschänke“, Übernachtung für zwei Personen ab 70 Euro im Doppelzimmer inklusive Bio-Frühstück, wer die empfehlenswerte Halbpension bucht, zahlt 127 Euro. Im „Waldhotel Eiche“ ab 74 Euro, Halbpension 23,50 Euro p.P. (waldhotel-eiche.de).

Paddeln und Kahnfahren: Zweisitzige Paddelboote verleiht die „Kolonieschänke“ für 25 Euro/Tag. Kajaks und Kanus für bis zu vier Personen gibt auch das Bootshaus Conrad aus; ab 4 Euro/Stunde bis 40 Euro/Tag. Wie an vielen Orten werden auch Kahnfahrten angeboten: ab zwei Stunden durch die Streusiedlung Burg bis zu sechsstündigen Fahrten in den Hochwald (bootshaus-conrad.de). Kähne mit wärmendem Kamin zwischen den Sitzreihen starten für einstündige Fahrten am Spreehafen Burg sowie an der „Pension Schlangenkönig“ (ab 18,50 Euro p.P.)

Auskunft: http://www.spreewald.de