Der Wasserturm in Kilinochchi, den die Tamil Tigers in den letzten Kriegstagen gesprengt haben, liegt noch immer so da wie nach der Explosion. Er dient jetzt als Denkmal, um ihn herum ist eine Grünanlage angelegt worden. „Nie wieder Zerstörung“ heißt es auf einem großen Schild dort. Ein paar Kilometer weiter steht die lebensgroße Statue eines Soldaten der sri-lankischen Armee am Straßenrand. Er hat einen mit Sprengstoff vollgestopften Transporter der Tigers gestoppt und ist dabei ums Leben gekommen. Auch der Transporter, inzwischen ganz rostig, ist Teil der Anlage. In dem künstlichen Teich dort wischt ein Mann die Fische aus Stein blank. Noch weiter Richtung Norden kommt eine Bronzeplastik, der Umriss des Landes, gehalten von vielen Händen. Eine Gruppe von einheimischen Touristen umringt den jungen Soldaten, der hier Wache hält. Eine Frau schenkt ihm eine Tüte mit Bonbons.

Im Jahr 2009 hat die Armee über die Rebellen der tamilischen Minderheit im Norden Sri Lankas gesiegt, und all die Denkmale auf dem Weg nach Jaffna feiern den Sieg über die Kämpfer der LTTE, der Befreiungstiger für Tamil Eelam, die einen eigenen Staat auf der Insel errichten wollten. Deren Denkmale und Ehrenfriedhöfe haben die Sieger zerstört. „Warum sollten wir Denkmale von Terroristen bewahren“, fragt unser Führer Lakshman Prematilake. Und wenn man nicht schon vorher gewusst hätte, dass er der Volksgruppe der Singhalesen angehört, die seit jeher die Mehrheit stellt, dann wüsste man es jetzt.

Eine traumatisierte Generation

Seit Anfang der 1980er Jahre, als die gewaltsamen Auseinandersetzungen begannen, sind kaum westliche Touristen in den Norden Sri Lankas gereist. Und immer noch kann man sich hier ein wenig wie ein Pionier fühlen, doch das ändert sich schnell. Das deutlichste Zeichen dafür ist vielleicht das Jetwing Hotel in Jaffna, der Hauptstadt der Nordprovinz, das erst im Januar eröffnet hat, ein Fünf-Sterne-Haus der größten Hotelkette des Landes. Sie hätten das Personal aus dem Süden herholen können, doch es sind junge Leute aus Jaffna und der Umgebung, die hier arbeiten. „Wir haben keinen von ihnen gefragt, was er, was seine Eltern oder Geschwister während des Krieges gemacht haben“, sagt Hiran Cooray, der Direktor der Kette. Es solle ein Neuanfang sein. Christopher Pannadurai, der Manager des Hotels, ein Tamile, glaubt, dass das noch dauern wird. „Diese Generation ist traumatisiert.“

Jaffna hat etwa 90 000 Einwohner, längst nicht so viele wie vor dem Krieg. An den Häuserwänden sind vielfach noch Einschusslöcher zu sehen. Aber die Stadt wirkt lebendig, das liegt an den vielen jungen Menschen, der farbenfrohen Kleidung. Im Café Malayan in der Nähe des Markts sitzen Paare und essen Thali, Currys, Brot und Joghurt, von Bananenblättern, auf denen diese südindische Mahlzeit hier serviert wird. Es gibt Milchtee, süß und heiß. Der Mann an der Kasse erzählt, dass er erst vor ein paar Monaten aus Trincomalee hergezogen sei. Jaffna hat also wieder Zulauf.

Nicht weit vom Markt entfernt steht die Bibliothek aus dem Jahr 1933, im Stil der Hindu-Gothik. Weiß leuchtet die erst vor ein paar Jahren renovierte Fassade. Im Lesesaal sitzen Männer an einem langen Tisch und lesen Zeitung. Lange Zeit galt sie als größte Bibliothek Asiens, mit ihren fast 100 000 Büchern, den kostbaren Palmblatt-Manuskripten. 1981 legte ein singhalesischer Mob hier Feuer, fast alles wurde zerstört.

Das Fort, das Anfang des 17. Jahrhunderts die Kolonialherren aus Portugal gebaut haben, gehört ebenfalls zu den Sehenswürdigkeiten Jaffnas. Die Wellen der Lagune plätschern an die grauen Mauern. Eine Gruppe von smart aussehenden jungen Leuten ist hier unterwegs. Mit ihrem Handy macht eine junge Frau ein Foto von einem Stein, der eine versteinerte Koralle ist. Aus solchen Korallensteinen ist das ganze Fort errichtet worden. „Wir studieren Architektur in Colombo“, sagt sie. Später stellen sich die jungen Leute zum Gruppenfoto auf eine Wiese vor der Anlage. Beim Rundgang oben auf dem Wall werden wir angehalten: Dreharbeiten. „Was macht ihr denn hier“, fragt eine junge Deutsche, die zum Set gehört. Sie erzählt, dass es ein Science-Fiction-Film sei, sogar mit einem Schauspieler aus Berlin. „Also, der steht da hinten, Nico Birnbaum aus ‚Verbotene Liebe‘“. Aha. Den hätte man hier nicht vermutet.

Holzfähre zur heiligen Insel

Abends beim Besuch in dem bedeutendsten Hindu-Tempel Sri Lankas, dem Nallur Kandaswamy Kovil, haben wir Glück. Hier findet an diesem Tag eine Prozession statt, der Gott Skanda mit seinen beiden Frauen wird auf einem goldenen Wagen erst durch den Tempel, dann die umliegenden Straßen gezogen.

Tags darauf brechen wir zu den der Stadt vorgelagerten Inseln auf. Bis auf Nainativu sind sie über Straßendämme mit dem Festland verbunden. Es ist eine Landschaft, in der die Grenze zwischen Wasser und Land verschwimmt. Hier gibt es Störche, Flamingos, Pelikane. Und verlassene Häuser, eine Folge des Bürgerkriegs.. Manchmal ist die Reihenfolge so: Ein bewohntes Haus, dann ein verlassenes, noch ein verlassenes, ein bewohntes.

Zur der den Buddhisten heiligen Insel Nainativu geht es mit einer kleinen Holzfähre. Buddha soll einst hier gewesen sein. Beim Warten treffen wir Siri Manikawasaka mit ihrer Familie. Sie alle haben während des Bürgerkrieges das Land verlassen und sind jetzt in der ganzen Welt verstreut, leben in Norwegen, in Kanada. Siri Manikawasaka lebt in Neukölln. Ihr Mann arbeite als Koch in einem Restaurant, erzählt sie. Einmal im Jahr fährt sie in ihre alte Heimat. „Nur zwei Familien sind damals in unserem Dorf geblieben“, sagt ihr Cousin Raj Ariyanagam, Immobilienmakler in Toronto.

Symbol für den Neubeginn

Dem Motor der Fähre sind Blumen geopfert worden. Er versagt nicht auf der vielleicht 20 Minuten langen Überfahrt. Den buddhistischen Tempel Nagadeepa Purana Viharaya auf Nainativu möchte jeder Singhalese einmal in seinem Leben besuchen. Im Hof sitzt der Mönch Dee Ariyakithi auf einem weißen Plastikstuhl. Er hat aus dem Heiligtum einen Schrein für seinen verstorbenen Lehrer gemacht, mit dem er vor 25 Jahren hierher gekommen ist. Sein Rollstuhl ist hier ausgestellt, sein Radio, sein Regenschirm. 14 buddhistische Tempel gebe es auf der Halbinsel, aber nur dieser sei im Krieg nicht zerstört worden, erzählt er.

Der Hindutempel auf Nainativu liegt direkt am Meer. Hier sehen wir Raj Ariyanagam wieder. Der Immobilienmakler hat jetzt einen Sarong umgebunden, sein Oberkörper ist nackt. Mit Wucht zerschmettert er eine Kokosnuss auf dem Boden des Tempels. Der Saft spritzt. Es ist ein Ritual, das den Neubeginn symbolisiert.