Der Kimono lebt: Designer Jotaro Saito (mittig) mit Models bei der Amazon Fashion Week im März 2019 in Tokio.
Foto:  Getty Images/Koji Hirano

LondonDer Boden, erinnerte sich der Shakespeare-Schauspieler Johnston Forbes-Robertson an seinen Besuch bei Ellen Terry, war bedeckt von strohfarbenen Matten. Vor den Wänden hingen Stoffe mit Japan-Mustern in einem delikaten Graublau. „Plötzlich öffnete sich die Tür und herein schwebte eine Vision von Lieblichkeit! In ihrem blauen Kimono und den wundervollen goldenen Haaren schien sie mit der Umgebung auf fast übersinnliche Weise zu verschmelzen.“ Das, so berichtet Forbes-Robertson in seiner Autobiografie, „war mein erster Eindruck von Miss Terry.“

Kunst- bzw. bühnenhistorisch Versierte wissen Bescheid. Ellen Terry war ebenfalls Schauspielerin, oder vielmehr die Superdiva der viktorianischen Bühne. Als solche wusste sie genau, wie man Wirkung erzielt. Denn der wichtigste Satz im genannten Zitat ist der letzte – genau das sollte der prägende Eindruck sein, den Terrys Gäste von ihr hatten: im blauen Kimono, mit goldenem Haar, übersinnlich.

Seit der vollständig überwältigte Forbes-Robertson irgendwann in den 1870er-Jahren diese Szene erlebte, hat sich das Leben in London, in England, in Europa komplett geändert. Doch manche Dinge sind auch gleich geblieben. Nicht von dieser Welt, so kommen vielen Menschen Kimonos noch immer vor. Ein Kimono, das ist exotisch. Fremd. Beschreibt die größtmögliche Entfernung zwischen uns und denen dort im Osten, in ihrem komischen Land, mit ihrer komischen Gesellschaft, in der es Mädchen gibt, die sich als Manga-Heldinnen verkleiden, und enorm dicke Männer als Sportidole gelten können.

Das Problem ist: Nichts davon ist so fürchterlich fremdartig. Denn überkommt junge Menschen nicht auch bei uns schnell der Drang, irgendwelche Rollen zu spielen? Sind unsere Skispringer nicht auch Sklaven der Waage, bloß unter anderen Vorzeichen als Sumoringer? Und der Kimono, ist er wirklich so exotisch? Das Fremde ist doch nur dem fremd, der diese Fremdheit sucht. Und dabei nicht sieht, dass in allem Fremden immer auch eine Menge Vertrautes steckt.

Bequemer als jede Jogginghose: der Damenkimono  „Beyond“, 2005 entworfen von Moriguchi Kunihiko aus Kyoto.
Foto: V&A/Courtesy of the Khalili Collection. © Moriguchi Kunihiko

Mit Vorurteilen aufzuräumen, das ist das Anliegen einer Ausstellung im Victoria & Albert Museum in London. Planmäßig sollte sie bis 21. Juni laufen, und natürlich ist sie im Moment Corona-bedingt geschlossen. Doch das tut im Grunde nichts zur Sache. Der Ausstellungstitel lautet übersetzt „Kimono – von Kyoto zum Laufsteg“. Wobei der Kimono hier eigentlich nur der (zugegeben flamboyante) Platzhalter ist für eine andere, übergeordnete Erkenntnis: Fremd sind einem die meisten Dinge nur so lange, solange man zu wenig über sie weiß.

So betrachtet ist es ein großes Glück, dass sich diese Ausstellung dem Kimono und seiner Gegenwart widmet, denn dabei handelt es sich um einen der faszinierendsten Kulturgegenstände der Menschheitsgeschichte. Er ist wie der Stuhl, der den Nomaden die Möglichkeit eröffnete, sich zu setzen und dadurch endlich sesshaft zu werden, um Dörfer und Städte zu gründen. Auch der Kimono ist ein Urbild – das Urbild der schützenden Hülle, die man heute Kleidung nennt. Oder Mode. Ein Stück Stoff, das seiner Trägerin und seinem Träger erlaubt, sich auszudrücken, Träume wahr werden zu lassen, Stellung zu beziehen und andere über ihren oder seinen Status zu informieren.

Zwei lange Rechtecke und zwei kurze, dazu ein breiter Gürtel und zwei Kragenstücke, mehr ist nicht nötig, um daraus einen Kimono zu nähen. Er ist der Schnittmuster gewordene Minimalismus. Der kleinste gemeinsame Nenner, wenn es darum geht, nicht nackt herumzulaufen. Es ist kaum zu glauben, aber die Ausstellung im Victoria & Albert Museum, das sich auf seiner Website selbstbewusst „The World's Leading Museum of Art and Design“ nennt, ist die erste groß angelegte Schau über Kimonos überhaupt in Europa. Das kann einen nur erstaunen, denn der Kimono ist schon lange unter uns. Auf jeden Fall länger als der Auftritt von Miss Terry, damals in London, zu einer Zeit, als im Westen der „Japonismus“ blühte und gedieh, braven bürgerlichen Existenzen Glanz verlieh und Künstler wie Vincent van Gogh zu unerreichten Höchstleistungen antrieb.

Moderne Kunst mit Kimono: „Kaidan“ (Treppe), eine kolorierte Tuschezeichnung von Kobayakawa Kiyoshi, vor 1948.
Abbildung: V&A/Katalog

Es ist das unschätzbare Verdienst des V & A, dass sie dort nicht nur eine Ausstellung organisierten, die man gerade nicht besuchen kann, sondern dass sie auch einen Katalog produziert haben, der das Zeug zum Standardwerk hat. Weshalb man auf einige tiefreichende Erkenntnisse nicht verzichten muss – in Zeiten von Covid-19 reicht es mitunter, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Kimonos existieren seit rund eintausend Jahren. Da in dieser Zeit der Schnitt grundsätzlich gleich geblieben ist, setzte sich im westlichen Bewusstsein allgemein der Irrglaube fest, es habe sich deswegen auch am Kimono im Prinzip nichts geändert. Das ist natürlich vollkommen verkehrt.

In einem runden Dutzend sehr lesenswerter Aufsätze und anhand von hunderten Bildbeispielen machen die Kuratorinnen und Kuratoren des Victoria & Albert Museum deutlich, dass der Kimono eigentlich nur ein Tool ist. Eine Folie, die sich dazu eignet, die unterschiedlichsten Botschaften darauf zu projizieren – wie ein leeres weißes Blatt Papier, das man vollschreiben kann. Wie ein T-Shirt, auf das sich Slogans und Bilder jeder Art drucken lassen.

Selbstverständlich gibt es auch Unterschiede zur westlichen Bekleidung; einer der wichtigsten wird gleich am Anfang des Kataloges erwähnt: Anders als bei der tradierten abendländischen Vorstellung von Kleidung, betont der Kimono nicht die körperlichen Merkmale seiner Träger. Er lässt diese eher unsichtbar werden. Hüften und Brüste, lange oder kurze Beine, dicker oder dünner Bauch, all das verschwindet gnadenvoll unter der vom Obi, dem charakteristischen breiten Gürtel, zusammengerafften Menge von feinster Seide, Baumwolle oder auch Kunstfaser. So viel physische Abstraktion hat bei uns erst der männliche Büroanzug ab dem 19. Jahrhundert erreicht.

Ost-West-Hybride: ein Herrenanzug aus der Spring/Summer-Kollektion 2016 des US-Designers Thom Browne.
Foto: V&A/Katalog/ © Thom Browne

Das zweite Missverständnis, das hier aufgeklärt wird: dass Kimonos nur von Frauen getragen würden. Es gab von Anfang an Modelle auch für den Mann. Sumoringer zum Beispiel legen auch im Jahr 2020 noch immer einen Kimono an, sobald sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. In Japan kennt man Kimonos für alle Anlässe, in gedeckten Farben für Beerdigungen, leichte für Besuche im Badehaus und solche, die von Hand bemalt und reich verziert wurden und vor allem von gebildeten Geishas oder bei Hochzeiten präsentiert werden – das sind jene, die man im Westen meist vor Augen hat, wenn von Kimonos die Rede ist. Und was die Lieblichkeit betrifft, die Johnston Forbes-Robertson heranschweben sah, als er zum ersten Mal der Kollegin Terry begegnete: Da empfiehlt es sich, nicht allzu große Illusionen zu hegen. Während des 2. Weltkrieges waren in Japan auch patriotische Kimonos beliebt, mit Bildern von Bombern oder Kriegsschiffen.

Im Katalog ausführlich dargestellt werden überdies die Derivate, Adaptionen und Neuentwicklungen, die Modedesigner im 20. Jahrhundert dem Kimono in Ost wie West haben zukommen lassen. Der große Christian Dior, der nicht minder große Alexander McQueen, John Galliano oder Jotaro Saito aus Kyoto, der mit seinem raffinierten Patchwork-Stil den Kimono als heutige Mode interpretiert: Sie alle schufen und schaffen immer neue Versionen des Klassikers.

In Zeiten der Globalisierung mischt der Kimonoschnitt seit einigen Modesaisons besonders in der Herrenmode mit, sei es in den Jacken der jüngsten Zegna-Kollektionen oder, aus nadelgestreiftem Kammgarn, als Alternative zum westlichen Businessanzug beim japanischen Modemacher Kidera Masaru und dessen Label Fujikiya.

Sie alle haben Eingang gefunden in die Londoner Schau „Kimono – Kyoto to Catwalk“ und in diesen fabelhaften Bildband. Was nahelegt, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Willkommen im Kosmos Kimono.

Kimono: Kyoto to Catwalk

Hrsgg. von Anna Jackson. V&A Publishing, London 2020. 336 Seiten, mit 270 Illustrationen. Um 33 Euro. www.vam.ac.uk/shop