Stilkritik der Woche: Robert Habeck gibt in Paris den Deutschen Michel

Träge, nachlässig: So wird das Stilgefühl der Deutschen schon seit der Renaissance beschrieben. In Paris bestätigt Vizekanzler Habeck nun dieses Bild.

Suchbild aus dem Élysée-Palast: Einer fällt hier modisch aus der staatsmännischen Rolle.
Suchbild aus dem Élysée-Palast: Einer fällt hier modisch aus der staatsmännischen Rolle.Christophe Petit Tesson/AP

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass dieser Habeck’sche Fauxpas ausgerechnet auf den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestags des Élysée-Vertrags passierte. Des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags nämlich, der Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern hervorheben – der sicherstellen soll, dass sich Deutschland und Frankreich in hoffentlich vielen politischen Punkten auf Augenhöhe begegnen.

Das mit der Augenhöhe hat am Sonntag im Élysée-Palast allerdings nicht immer geklappt – und zwar nicht nur wegen der obligatorisch höhenversetzten Gruppenfotoaufstellung der Ministerinnen und Minister beider Länder, die sich brav in Reih und Glied auf Podest-Treppchen drapierten. Auch weiter unten, Augenhöhe abwärts also, sollte es mit der Ebenbürtigkeit nicht ganz so klappen.

Der deutsche Wirtschaftsminister war’s, der modisch aus der staatstragenden Rolle fiel: Erschienen die anderen Herren Politiker in Anzug samt Krawatte – auch wenn Sakko und Binder nicht bei allen mit den gleichen ästhetischen Qualitäten überzeugten –, so trug Habeck unter dem offenen Jackett bloß Hemd und Pulli. In Frankreich, ausgerechnet, dem Land der Mode, des guten Geschmacks! Mit einem Emmanuel Macron im gewohnt schneidigen, perfekt sitzenden Anzug gleich daneben!

Zu sehr muss man auf die Verbindlichkeit der Binders nicht mehr bauen

Was hier passiert ist, könnte man als Wiederkehr des Deutschen Michel begreifen: Des personifizierten Deutschen, dem schon in den Karikaturen der Renaissance eine Schlafmütze verpasst wurde. Zwar trägt Habeck nicht selbige Nachtkappe, vermittelt durch seinen Auftritt am Sonntag aber trotzdem die typischen Michel’schen Nichtqualitäten: Trägheit, Müdigkeit, Nachlässigkeit.

Der Deutsche, wie er im Buche steht: Karikatur des Michel, 1848.
Der Deutsche, wie er im Buche steht: Karikatur des Michel, 1848.Wikimedia

Ja ja, schon klar, im Jahr 2023 muss man nicht mehr zu sehr auf die Verbindlichkeit der Binders bauen – selbst im obersten Politgenre gilt die Krawatte längst nicht mehr als Pflicht. Schon gar nicht für einen Grünen, der ja in der geistigen Tradition einer Partei steht, die ihre Ideale stets auch modisch ausdrückte. Mit Öko-Strickpulli und Vollbart zogen die männlichen Grünen 1983 in den Bundestag ein; als ihr erster Minister auf Landesebene wurde Joschka Fischer am 12. Dezember 1985 gar in weißen Turnschuhen vereidigt – Mode nicht als Distinktionsmerkmal, sondern als Symbol der Revolte.

Selbst im obersten Politgenre ist der Pullover nun ein Stil-Statement

Und überhaupt: Der Pullover ist doch gerade in den vergangenen Monaten zum politischen Stil-Statement geworden. Scholz trug ihn Anfang des vergangenen Jahres möglichst öffentlichkeitswirksam auf einem Flug nach Washington, wohl auch, um vor den anwesenden Journalistinnen und Journalisten Nahbarkeit und eine zupackende Art zu zeigen. Wenige Wochen später griff selbst Macron zum Hoodie, verziert mit einem Logo der französischen Luftwaffe. Viele fühlten sich durch beide Beispiele an Bilder auf der Ukraine erinnert, wo Selenskyj seit Kriegsbeginn nur noch Armee-Pulli trägt – selbst auf seinem Besuch im US-Kongress legte der Präsident jüngst nicht die olivgrüne Maschenware ab.

Mode nicht als Distinktionsmerkmal, sondern als Zeichen der Revolte: Joschka Fischer im Bundestag, 1983.
Mode nicht als Distinktionsmerkmal, sondern als Zeichen der Revolte: Joschka Fischer im Bundestag, 1983.Sommer/imago

Durch das Negieren modischer Konventionen drücken besonders Selenskyj in der aktuellen Situation, aber auch Scholz und Macron ganz offensichtlich aus, dass es eben doch wichtigere Themen als den korrekten Auftritt gebe; gerade jetzt, in dieser Zeit. Nur bietet sich für eine solche vestimentäre Feststellung vielleicht nicht gerade ein schicker Pariser Festakt an. Und wenn man schon meint, dort auf die Krawatte verzichten zu können, dann wählt man doch wenigstens den Kaschmirrolli zum gutsitzenden Zweiteiler.

Der Anzug hätte gern auch eine Nummer größer ausfallen dürfen

Habeck aber hatte sich fürs weiße Hemd entschieden, ein, zwei Knöpfe offen, darüber ein nachtblauer Pulli mit V-Ausschnitt und ein dazu farblich nicht wirklich passender Anzug in Navy, fast schon Kobaltblau. Letzterer – das zu erwähnen gehört wohl zur Chronistenpflicht – hätte gern eine Nummer größer ausfallen dürfen; den obersten Jackettknopf, wie durch die traditionellen Kleiderregeln vorgesehen, konnte Deutschlands stellvertretender Bundeskanzler offenbar nicht schließen.

Entstanden ist ein eher unvorteilhaftes Gesamtbild, das nur umso mehr heraussticht, weil alle Männer drumherum halt doch die klassische Politikeruniform tragen. Das ist besonders ungünstig, weil es ja auch im Modekontext eben nicht nur den Sender, sondern auch einen oder mehrere Empfänger gibt – nicht nur den Habeck auf der einen Seite, der sich aus Gedankenverlorenheit oder vielleicht doch aus modischem Kalkül für den lässigeren, ungezwungeneren Aufzug entscheidet, sondern auch die anderen Ministerinnen und Minister.

Und was mögen die sich wohl denken, wenn da ein Robert Habeck steht, der deutsche Wirtschaftsminister, der Stellvertretende Bundeskanzler unseres Landes, und auf alles pfeift, was modisch Usus ist? Mode ist auch eine Frage des Respekts – das sollte nicht zuletzt bedenken, wer die deutsch-französische Gemeinschaft feiern will. Ein besserer Anzug, ein besseres Gefühl für Farbe, eine Krawatte oder eine gute Kaschmirware – dann klappt’s auch mit den Nachbarn.

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