Die Schwestern Zuhra und Moshtari Hilal stehen ausschließlich selbst mit ihren Seidentüchern vor der Kamera.
Foto: Miftah Bahardeen

BerlinDie Mode ist eine flatterhafte Branche, doch der Seide bleibt sie treu. Nicht unbedingt, weil der atmungsaktive und isolierende Stoff so praktisch wäre, sondern weil er so herrlich unpraktische Gedanken – an Glanz, Eleganz, Unbeschwertheit – freisetzt.

Um Vorstellungskraft geht es auch bei Studio Hilal. Die Schwestern Zuhra und Moshtari Hilal bündelten dafür ihre Talente: Die 31-jährige Zuhra ist studierte Modedesignerin, die Masken, Stickereien oder Kostüme in performative Kunst und Fotoserien verwandelt. Die 27-jährige Moshtari arbeitet als Illustratorin. Gemeinsam haben sie nun vier Seidentücher entworfen, die sich als weitaus mehr denn dekorative Accessoires entpuppen.

Die Muse und Mutter der beiden mit Seidentuch „Khohar“ (Schwester) von Studio Hilal, um 120 Euro.
Foto: Miftah Bahardeen

„Wir haben uns immer gegenseitig bei unseren Projekten geholfen“, sagt Moshtari Hilal, die wie ihre Schwester in Afghanistan geboren wurde und in Hamburg aufwuchs. „Die ruhigen Monate nach dem Lockdown im März gaben uns den Raum, Ideen auszutauschen und Dinge auszuprobieren.“ Sie war kurz zuvor von London nach Berlin gezogen, die Schwester wiederum aus Kopenhagen in der Hauptstadt angekommen. Berlins kreative Szene gab den Impuls, ein Projekt zu spinnen, bei dem ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit zum Tragen kommt: Beide hinterfragen normative Vorstellungen von Schönheit und Weiblichkeit.

Zuhra fokussierte sich in der Vergangenheit auf Körper, Moshtari auf Gesichter. „Mein künstlerischer Ansatz kreist um die Sehgewohnheiten westlicher Gesellschaften“, erläutert Moshtari Hilal. In ihren Bildern fragt sie „nach dem Raum für Schönheit“ für Menschen, die vermeintlich irritierend, aber tatsächlich „einfach nur nicht weiß aussehen. Gesichtsbehaarung etwa oder große Nasen sind so stigmatisiert, dass sie in den Medien kaum sichtbar sind. Wir möchten, dass unsere Arbeiten im Kontrast zu diesem Markt stehen, der immer wieder beschränkte Bilder reproduziert“.

So war ihnen wichtig, dass die Tücher, die auf alten Familienfotos basieren, schwarzbehaarte Körper zeigen und in den Kampagnenbildern dazu „kein austauschbares Agenturgesicht auftaucht“. Sondern sie selbst – „und unsere Mutter“, die handwerkliche Muse der Schwestern.

Schönheitsideal als Accessoire: Seidentuch „Arus“ (Braut) von Studio Hilal.
Foto: Miftah Bahardeen

Für die Tücher aus Seidentwill, die in Norditalien fair produziert werden, zeichnete Moshtari Hilal analog Motive, die auf Gesprächen und Fotocollagen basieren. Zuhra Hilal kolorierte die Illustrationen dann digital. Von jedem Motiv gibt es nur 50 Exemplare – eine bewusste Verknappung. „Wie bei Kunstdrucken bieten wir limitierte Editionen an und drucken sie statt auf Papier auf Seide. Es bleibt den Sammler*innen beziehungsweise den Kund*innen überlassen, ob sie die Tücher tragen oder rahmen wollen.“

In Zukunft können sie sich vorstellen, bedruckte Schnitte aus Qualitätsstoffen zu entwickeln. Die quadratischen Seidentücher sind also nur der Anfang – und blicken doch schon über den Rand rein modischer Expression hinaus.

Die Carrés aus Seidentwill sind 65 x 65 cm groß, handrolliert und kosten um 120 Euro pro Stück. Erhältlich unter studiohilalshop.bigcartel.com


Style-Expertin Marlene Sørensen auf Instagram:
https://www.instagram.com/marlene_soerensen/