Leicht windschief, aber richtig lecker: der fast hausgemachte Burger der Autorin.
Foto: Volkmar Otto

BerlinEs ist erschreckend, wie eben noch als völlig normal wahrgenommene Phänomene plötzlich auffällig erscheinen. Beim Filmeschauen zucke ich mittlerweile zusammen, wenn mehr als drei Menschen dicht zusammenstehen. Und was meinen Kulturkonsum angeht, habe ich in den letzten Wochen wohl mehr Konzerte per Stream besucht als in den letzten Jahren in Person.

Auch die Online-Recherche für meine virtuellen Restaurantbesuche geht mir inzwischen ganz selbstverständlich von der Hand: Ich klicke mich durch die neuesten Take-away-Ideen und Bringdienst-Angebote, überlege mir, welche Speisen wohl trotz Transportweg noch gut funktionieren (frittierte, knusprige Sachen wie Pommes oder auch besonders luftige Backwaren wie Buns definitiv nicht)  und freue mich über gute Initiativen wie die Quarantine Kitchen.

Auf Youtube stellt hier der Berliner Szenekoch Kristof Mulack jeden Tag ein einfaches Gericht vor, das jeder zu Hause nachkochen kann. Mal ein indisches Butter Chicken, mal Senfeier oder ein Huhn-Sandwich wie bei KFC, nur deutlich besser, würde ich sagen. Ehrlich gesagt: Ich finde meinen Job gerade mindestens so spannend wie in der Zeit vor Corona. Zum Beispiel habe ich bei meiner Netzrecherche einen tollen Koch entdeckt, der gleich bei mir um die Ecke sein Kochstudio hat. Es nennt sich „The Hidden by Daniel´s Eatery“

Dieser Laden ist seit jeher kein ganz gewöhnliches Restaurant: Daniel Grothues veranstaltet Supper Clubs, organisiert Kochevents und Caterings – etwas, das ihm jetzt zupass kommt. Denn Speisen auf hohem Niveau an einen anderen Ort zu liefern, daran ist Grothues gewohnt. Für Coronazeiten hat er sich nun DIY-Sets für verschiedene Gerichte überlegt, die man vorbestellen und dann immer mittwochs oder freitags abholen kann.

Am Mittwoch gibt es vor allem Tartes und Quiches. Alles, was man dafür braucht, ist eine Springform; der Teig plus die Zutaten für Gorgonzola-Walnuss- oder süß-salzigen Zitronenbelag sind dabei.

Ich habe mir für Freitag drei verschiedene Gerichte bestellt (man kann sie auch als Dinner for Two samt Blumen und Dessert ordern) für 45 Euro, was unschlagbar ist. Die Portionen sind sehr großzügig. Für die Zubereitung, sagte mir Daniel beim Abholen, würde ich lediglich eine Pfanne und einen Ofen benötigen. Also los.

Daniel Grothues, das Mastermind von "The Hidden by Daniel´s Eatery" in Berlin-Mitte.
Foto: Volkmar Otto

Als ich die Aluschale mit meinen Königsberger Klopsen zu Hause öffne, werde ich jedoch unsicher: Die Fleischklopse sind noch roh, liegen aber bereits in der hellen Sauce mit vorgegarten Kartoffelspalten. Ein Anruf und Daniel versichert: Einfach die Aluschale ohne Deckel 20 Minuten bei 200 Grad in den Ofen stellen. Ebenso verfahre ich bei den ungekochten Gnocchi mit vorgegrillter Hühnchenbrust, rohen Schalotten und Cocktailtomaten sowie drei ordentlichen Kräuterbutter-Klecksen, die sogleich im Ofen zu schmelzen beginnen und das Saucenbett für Gemüse und Nudeln zum Durchgaren bilden.

Ich muss sagen, nicht nur das Verfahren ist offensichtlich erprobt, die Gerichte sind auch geschmacklich ausgeklügelt. Die Königsberger Klopse etwa sind thailändisch gebeizt, mit Aromen wie frischem Koriander, Ingwer, Zitronengras und Chili. Ebenso ist die klassische helle Mehlschwitze-Sauce hier etwas schärfer und zitroniger, was wunderbar mit den Klopsen harmoniert. Die Gnocchi mit Hühnchen wiederum entpuppen sich als solide gemachtes Wohlfühlgericht, bei dem alle Komponenten nach der Ofenzeit genau den richtigen Biss haben.

Etwas aufwendiger war lediglich der DIY-Burger, für den zum Glück jedoch eine Anleitung beilag. Der Teig für die Brötchen muss zunächst geformt und mit Sesam bestreut werden, bevor er in den Ofen kommt. Auf dessen Blech legte ich auch die vorgegrillten Süßkartoffelecken aus, derweil mein Mann die wirklich riesigen Fleischpatties briet.

Am Ende bauten wir uns mit den mitgelieferten Salatblättern und den bereits karamelisierten roten Zwebeln einen ziemlichen windschiefen Burgerturm. Für die Süßkartoffeln gab es eine sehr leckere Wasabi-Mayo aus dem Plastikschälchen. Alles mundete ausgezeichnet, dennoch war das der Moment, in dem ich mich durch die Food-Fotos auf meinem Handy scrollte und wehmütig wurde. Denn ich vermisse doch etwas: schön angerichtete Teller, wie sie halt nur ein Koch kann.