Tauchfahrt zu U-Boot: Wie zwei deutsche Meeresforscher nach 75 Jahren U 581 entdeckten

Und plötzlich liegt es da, das Wrack. Dieses Phantom, dem sie über viele Jahre hinweg gefolgt sind. Liegt so da, als hätte es auf sie gewartet hier,  ganz unten im Atlantik, 870 Meter tief. Zerborsten in zwei Hälften zwar, aber eindeutig ein U-Boot, Rumpf, Turm, Geschütz, alles da, vielfach bewachsen von Kaltwasser-Korallen. Kein Felsen, wie Kirsten und Joachim Jakobsen noch wenige Minuten vorher gemutmaßt haben, als sie in ihrem kleinen, wendigen Forschungs-U-Boot „Lula 1000“ knapp über dem Meeresgrund dahinschwebten. Es ist ein U-Boot-Wrack, jawohl – U 581, von der deutschen Kriegsmarine in Dienst gestellt im Sommer 1941 in Kiel, gesunken am 2. Februar 1942, zwei Seemeilen südwestlich der Azoreninsel Pico.

Verschwunden damals in der Tiefe, nachdem die Besatzung von Bord gegangen war. Und nun bewohnt von einer neuen Mannschaft, von Korallen, Schwämmen, Fischen. Es ist ein U-Boot-Wrack und ein künstliches Riff zugleich, umspült von etwa  acht Grad kaltem Wasser. „Oh Gott, da ist das Ding, dieses verdammte Ding“, sagt Joachim Jakobsen, als er begreift, was er vor sich hat –  eine Sensation nämlich.  Ins Logbuch  schreibt er  an diesem 13. September 2016 in seltenem Überschwang: „We are the champions.“

 31. Januar 2017, die „Ada Rebikoff“, das Mutterschiff der „Lula“, liegt geschützt im Hafen von Horta. Es ist ein warmer, grauer Wintervormittag, stark weht der Wind, die Azoren liegen mitten im Atlantik, 1 400 Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt.  Die „Ada Rebikoff“ ist seit Wochen nicht unterwegs gewesen, zu hoch sind die Wellen draußen, an diesem Mittwoch um die vier Meter – zu hoch, um zu einem Tiefsee-Tauchgang starten zu können, das Umsteigen auf hoher See vom Mutterschiff in das kleine Forschungs-U-Boot mit dem großen, kuppelartigen Plexiglas-Fenster wäre zu gefährlich.

Die Jakobsens haben eingeladen, sie, die so zurückhaltenden Tiefsee-Spezialisten, wollen erzählen, Fotos zeigen und die Filmaufnahmen von ihrem ersten Tauchgang hinunter zum U-Boot-Wrack – und sie tun das nicht ohne Grund genau jetzt. Vor 75 Jahren begann hier im Hafen von Horta der letzte Einsatz von U 581, vor 75 Jahren sank U 581 in dunkelste Tiefen.

Die „Ada Rebikoff“ ist ein Katamaran, hinten, im Bauch des Schiffes, hängt die „Lula 1000“ – 7,50 Meter lang, 2,65 Meter hoch – an Seilen zwischen den beiden Katamaran-Rümpfen. Lula heißt Kalmar auf Portugiesisch, 1 000 Meter tief darf sie, die „Lula“, offiziell tauchen. Joachim Jakobsen hat die „Lula“  entwickelt und dann den Druckkörper und auch die  Sichtkuppel in Deutschland bauen lassen.

Für die „Lula 1000“ müsste man gut drei Millionen Euro zahlen, wenn die Jakobsens sie denn hergeben wollten. Was ausgeschlossen ist derzeit. Es gibt zu tun. Sobald das Wetter es erlaubt, wollen sie wieder hinunter zum Wrack, wollen U 581 weiter untersuchen. Noch aber arbeiten sie auf der „Ada Rebikoff“, bereiten  die Tauch-Saison vor; die Brücke des Schiffes ist auch Schneideraum, Tonstudio, Büro und Esszimmer. Joachim Jakobsen, 60 Jahre alt, seit 25 Jahren auf den Azoren lebend, hat Linzer Torte gebacken, seine Frau Kirsten, 48, seit fast zwei Jahrzehnten Partnerin im Leben, beim Tauchen, bei der Erforschung der Tiefsee, hat einen ordentlichen Kaffee gebraut.

Wo beginnen, was zuerst erzählen? Die Jakobsens sind seit vielen Jahren in der Tiefsee rund um die Azoren unterwegs, es ist ein Gebiet von großer Biodiversität, der Mittelatlantische Rücken verläuft unten im Ozean. Die beiden Tiefseeforscher und -filmer haben Wracks aus dem 16. und dem 17. Jahrhundert entdeckt, eine über 500 Jahre alte Tiefsee-Auster und das einzige bekannte lebende Korallenriff der Azoren.

Nun also U 581, dieses Kriegsschiff, das sich in ein künstliches Riff verwandelt hat, ein Riff, dessen Entstehungszeitpunkt bekannt ist. Was bedeutet, dass erstmals exakt bestimmt werden kann, wie viele Zentimeter Kaltwasser-Korallen in der Tiefsee in einer Zeitspanne von 75 Jahren wachsen. Das ist neu und ungeheuer wertvoll für die Korallenforschung. Die Entdeckung von U 581 sei ihre bislang wichtigste, sagen die Jakobsens. Bedeutend für Biologen, bedeutend für Historiker.

1. Februar 1942, ein Sonntag, das Wetter ist gut, das Wasser ruhig. Zahlreiche Kriegsschiffe liegen abends  im Hafen von Horta, die Promenade ist gesäumt von Stadtvillen, die heute noch so daliegen wie damals, oder schöner, pastellen und mit Stuck verziert. So weit die Azoren auch vom Festland entfernt sind, so weltzugewandt ist Faial, eine der größeren Inseln der Gruppe, immer gewesen; die Lage mitten im Ozean zwischen Europa und Amerika ist strategisch günstig. 1942 ist Horta ein Kriegshafen, belegt von den Alliierten, die im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland kämpfen; Portugal ist neutral.

An diesem ersten Februarabend liegt auch der britische Truppentransporter Llanggibby Castle im Hafen, der Dampfer ist beschädigt und muss in dieser Nacht Horta verlassen, um nicht in portugiesischen Besitz zu fallen. U 581 – ein U-Boot vom Typ VII C, vielfach gebaut im Zweiten Weltkrieg – soll zusammen mit einem weiteren deutschen U-Boot den Truppentransporter zerstören. Der britische Zerstörer „Westcott“ entdeckt U 581, nimmt die Verfolgung auf. Im Südwesten der Nachbarinsel Pico taucht U 581, der Zerstörer wirft Wasserbomben, von denen eine das Heck des U-Boots trifft; Wasser bricht ein. Der Kommandant Werner Pfeifer gibt den Befehl zum Auftauchen.

Im Bericht des ersten Wachoffiziers von U 581, Oberleutnant zur See Heinrich Ruß,  nachzulesen auf der privat geführten Website www.ubootarchiv.de, heißt es: „Es war noch ziemlich dunkel, so dass wir hofften, uns mit dem tauchunklaren Boot noch davonschleichen zu können, aber HMS Croome begann sofort zu feuern und HMS Westcott ging auf hohe Fahrt und rammte uns schräg achtern. Daraufhin befahl der Kommandant: ‚Schwimmwesten anlegen, alle Mann von Bord‘ und das Boot zu versenken. Das Aussteigen verlief ohne Hektik, den Offizieren auf der Brücke wurden noch die Schwimmwesten mitgebracht.

Die Besatzung konnte vollzählig U 581 verlassen, als letzte der Kommandant und der Leitende Ingenieur. HMS Westcott lief noch einmal über die Untergangsstelle und warf eine Wasserbombe (ohne Befehl des britischen Kommandanten, wie er uns nachher sagte). Dann setzten HMS Westcott und HMS Croome je ein Boot aus und übernahmen die Besatzung bis auf vier Mann, die vermutlich durch die Wasserbombe ums Leben gekommen waren, und den 1. Wachoffizier Lt.z.S. Sitek, der sich nicht gefangen nehmen lassen wollte. Er erreichte nach mehr als fünf Stunden die Insel Pico, wurde von Fischern aus dem Wasser geholt und einige Tage später von einem portugiesischen Zerstörer nach Lissabon gebracht. Die übrige Besatzung geleitete an Bord der beiden Zerstörer den Truppentransporter nach Gibraltar.“

41 Seeleute geraten in britische Gefangenschaft, alle überleben den Krieg, ebenso der Schwimmer. Sowohl die Deutschen als auch die Briten haben die Ereignisse damals dokumentiert, in einigen Details widersprechen sich die Berichte. Unklarheit herrschte bislang über die Position, an der U 581 gesunken war. Nun ist gewiss: Das U-Boot sank zwei Seemeilen südwestlich von Pico. Und nur die Jakobsens wissen ganz genau, wo.

In den Septembertagen vor der Entdeckung seien sie, erzählt Joachim Jakobsen, immer wieder vor Pico gewesen, hätten das Meeres-Suchgebiet von vier mal acht Seemeilen, das sie nach all den Recherchen abgesteckt hatten, abgesucht – mit dem Multibeamsonar  und dem Schleppsonar, das hinter dem Katamaran nur 30 Meter über dem Meeresboden hinterhergezogen wird. Stress pur sei das gewesen, sagen die Jakobsens. Am 13. September dann hätten sie einfach mal wieder tauchen wollen, hätten die „Lula 1000“ sinken lassen  bis in 870 Meter Tiefe, hätten erst einen seltenen Fisch verfolgt, dann einen zweiten. Und dann das Wrack gefunden. Glück also? „Ein wenig Glück und viel Strategie plus Ausdauer“, sagt Kirsten Jakobsen. Und startet endlich das Video mit all den hochauflösenden Bildern in 4K-Qualität.

Jetzt ist U 581 ganz aus der Nähe zu betrachten.  Das Wrack liegt unten an einem Steilhang. Korallen noch und nöcher  wuchern hier – „Labsal für das Auge“, sagen die Jakobsens. 

U 581 ist in zwei Hälften zerbrochen, die rund 25 Meter voneinander entfernt liegen, die Wand des Maschinenraums ist eingedellt, wohl vom Druck einer Wasserbombe.  Der Turm des in heilem Zustand rund 67 Meter langen U-Boots  ragt empor. Die Türme der deutschen U-Boote im Zweiten Weltkrieg waren meist mit einem Erkennungszeichen bemalt.   Man meint, an einer Stelle des Wracks Reste der Bemalung  zu erkennen. Korallen oder aber Korrosion bedecken aber die stählerne Oberfläche genau dort. Eine Filzlaus hatte die Besatzung nach einem letzten Bordellbesuch in Kiel als Erkennungszeichen gewählt, eher männlich als appetitlich. 

Der Bewuchs des Wracks ist ausgeprägt – Seepocken sind zu erkennen, Austern, Schwämme, weiß sind viele, manche ähneln Blumen. Und Korallen verzieren U 581 großzügig: Gorgonien sind dabei, Hornkorallen also, Lophelien, eine Gattung der Steinkorallen, Bubblegum-Korallen, wie die Jakobsens erläutern. Meeresbiologen haben sich nach einer ersten Ansicht der Bilder aus der Tiefsee begeistert geäußert.  Filipe Mora Porteiro etwa, Direktor für Meeresfragen der Regionalregierung der Azoren, sagt: „Ich bin überrascht von der großen Anzahl und dem schnellen Wachstum der Korallen.“

Bisher ist relativ unklar, wie schnell in der Tiefsee, wo alle Lebensprozesse langsamer ablaufen,  Kaltwasserkorallenriffe wachsen. Die Bio-Systeme entstehen dort in totaler Finsternis unter hohem Druck. Einige der Korallenarten in der Tiefsee können mehrere Hundert Jahre alt werden; eine genaue Altersbestimmung allerdings ist bislang schwierig gewesen. Das dürfte sich nun ändern: Alles, was auf U 581 lebt, muss jünger als 75 Jahre sein. Und kann vermessen werden.

Das Bordgeschütz von U 581 ist hier auf dem Grund des Atlantiks besonders beliebt bei den neuen Siedlern. Selbst aus seiner Mündung quillt neues Leben. Ein Besiedlungsexperiment auf einer Kriegsmaschine und Korallen auf Kanonen, sagt Joachim Jakobsen, das sei doch wirklich spektakulär. Und überhaupt: „In diesem Riesenmeer finden wir dieses kleine U-Boot. Kaum zu glauben.“