Thailand - Mit kleinen Schritten kriecht Aurelie zum Meer, die Wellen schlagen heute hoch. Hinter der jungen Suppenschildkröte stehen zwei französische Touristinnen und feuern sie an. Aurelie nimmt einen letzten Anlauf, paddelt mühsam mit ihren Flossen über den Strand und wird schließlich von einer Welle erfasst. Sie ist nun frei. Der idyllische Strand im südthailändischen Khao Lak, über den heute zwei Dutzend Schildkröten in die Freiheit kriechen, erreichte vor elf Jahren traurige Bekanntheit, als ein Tsunami weite Teile Süd- und Südostasiens verwüstete. Die Provinz Phang Nga, zu der die Urlaubsregion Khao Lak gehört, war von allen thailändischen Provinzen am schwersten betroffen.

In touristischer Hinsicht war Phang Nga auch vor dem Tsunami schon kein Geheimtipp mehr, im Gegenteil. Die Küste ist gesäumt von weißen Sandstränden und Palmen, deren Bilder man sich im fernen Europa als Fototapete an die Wand hängen würde. Die Similan-Inselgruppe, die vor der Küste liegt, ist als eines der weltweit schönsten Taucherreviere bekannt. Und doch ging es nach dem Tsunami nicht genauso weiter wie davor. Wilde Flüsse, großflächige Mangrovenwälder, artenreiche Korallenriffe und dichte Dschungel sind das Kapital der Provinz Phang Nga. Ein sanfter, ökologischer Tourismus sollte von nun an dafür sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Im Inseldorf Ko Panyi stammt die gesamte Bevölkerung von zwei javanischen Familien ab, die im 18. Jahrhundert die ersten Pfähle ins Meer schlugen, um darauf ihre bescheidenen Häuser zu bauen. Inzwischen wohnen dort 1 600 Menschen wortwörtlich auf dem Meer, einzig die kleine Moschee und der Friedhof stehen auf dem festen Boden des benachbarten Felsens. In den engen Gassen bieten Einheimische die üblichen Souvenirs an: Für wenige Baht kann man T-Shirts, Muscheln oder Geschirr aus Kokosholz kaufen.
Bekannt ist das Stelzendorf Ko Panyi auch für seine Jugendfußballmannschaft: Ein paar Jungen haben 1986 aus Treibholz ein schwimmendes Fußballfeld gebaut. Schoss einer am Tor vorbei, musste er dem Ball hinterherschwimmen. Das sorgte für eine besondere Ausdauer. Die neugegründete Mannschaft vom Panyee FC gehört seit geraumer Zeit zu den erfolgreichsten Fußballmannschaften Südthailands.

Auf eine kulturell vielfältige Geschichte kann auch die kleine Stadt Sri Takua Pa zurückblicken. Von diesem Hafen aus organisierten chinesische Kaufleute einst den Zinnhandel zwischen Thailand, der arabischen Halbinsel, dem indischen Subkontinent, China und den Inseln des heutigen Indonesiens. Der Abbau und Handel des Schwermetalls brachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts bescheidenen Reichtum und internationales Flair. Eine Mischung aus dem thailändischen Baustil der Jahrhundertwende, Elementen portugiesischer Kolonialarchitektur und der opulenten Farbigkeit chinesischer Gebäude prägt deshalb noch heute das Stadtbild.

Charmant und unbekannt

Weil man in der Altstadt nicht durch Straßenzüge voller Souvenirläden schlendert, hat man trotzdem noch das Gefühl, ein Stück unbekanntes Thailand zu entdecken. In den letzten Jahren haben sich auch lokale Designer und Künstler in den arkadenartigen Ladenhäusern der Altstadt niedergelassen. Die ruhigen Gassen von Sri Takua Pa vermitteln den trügerischen Anschein, dass sich hier seit hundert Jahren wenig zugetragen hat. Die Tragödien der jüngeren Geschichte sind allerdings auch an dieser Kleinstadtidylle nicht spurlos vorüber gegangen: Der örtliche Tempel Wat Yan Yao diente vor elf Jahren als Aufbahrungsort für die Tsunami-Opfer.

Auch im 25 Kilometer entfernten Khao Lak ist von den Schäden des Tsunami kaum noch etwas zu sehen. Der Wiederaufbau des Paradieses lief auch ohne offizielle internationale Unterstützung faszinierend schnell und reibungslos ab. Die Besucher blieben Phang Nga treu: Zehn Jahre nach der Naturkatastrophe hatte sich die Zahl der ausländischen Touristen bereits auf 700 000 verdoppelt. Die dünn besiedelte Provinz blieb trotzdem beschaulich wie eh und je. Nur ein massives Polizeischiff, das von der Welle damals zwei Kilometer weit ins Landesinnere gespült wurde, hat man in Khao Lak stehengelassen. Es ist Mittelpunkt eines Gedenkparks, der an die Toten von vor elf Jahren erinnert.

Die Katastrophe ist ein beständiges Moment in der Gesellschaft von Phang Nga. Die Bewältigung der Schäden hat die Einheimischen stolz gemacht, aber auch nachdenklich. „Jeder, der hier lebt oder Urlaub macht, bekommt so viel von der Natur. Wir müssen der Natur auch etwas zurückgeben“, findet eine Mitarbeiterin des Meeresforschungsinstituts in Phang Nga, in dem auch die Suppenschildkröte Aurelie aufgewachsen ist. Die Forscher schützen die Eier der vom Aussterben bedrohten Schildkrötenarten an den umliegenden Stränden vor natürlichen Fressfeinden. Sobald die kleinen Schildkröten schlüpfen, werden sie im Institut sechs Monate lang aufgezogen. Aufgepäppelt und mit Mikrochips versehen, lässt man sie schließlich an der Küste frei.

Aurelie wird, sofern ihr nichts zustößt, in 15 Jahren auf 1,40 Meter angewachsen sein. Ihre nur unerheblich größere französische Patentante freut sich schon darauf: „Wenn sie erwachsen ist, komme ich zurück nach Phang Nga und besuche sie.“