So wird jede Frau zum Star: Finale der Chanel-Show vor Riesenbuchstaben nach Art des Hollywood-Zeichens in den Hügeln von L.A.. 
Foto: Olivier Saillant

ParisEs war sicherlich nicht die erfreulichste Pariser Fashion-Week. Viele Teilnehmer stöhnten, weil doch alles etwas mühsam war: Temperaturchecks, ständiges Hände-Desinfizieren, Taschenkontrollen und immer diese Masken, mit denen man sich weder von Weitem erkennen noch entspannt unterhalten kann. Außerdem galt es fortwährend darauf zu achten, dass man Menschen nicht zu nahe kommt. Im Prinzip ein Ding der Unmöglichkeit, denn trotz deutlich reduzierter Gästelisten (bei Dior etwa 350 Gäste statt der üblichen knapp 1800) waren dafür noch immer zu viele Leute anwesend.

Ganze 18 der 84 teilnehmenden Labels hatten sich für Schauen vor Publikum entschieden und rund die Hälfte veranstaltete neben Videos auch physische Präsentationen in den Showrooms. Und das, obwohl in Paris die Infektionszahlen immer weiter stiegen, Bars schließen mussten und seit Dienstag noch strengere Corona-Regeln in Kraft getreten sind.

Bei Balmain: Dragonlady-Schultern, dazu Radlerhose statt Rock.
Foto: Balmain

Vor diesem Hintergrund wirkte die Idee von Louis Vuittons Kreativdirektor Nicolas Ghesquière tatsächlich wie ein Geniestreich. Er hatte für seine Show, die im (noch nicht fertig renovierten) Kaufhaus La Samaritaine stattfand, ein völlig neues virtuelles Konzept ausgetüftelt: Die Location war von Greenscreens umgeben, auf denen Szenen aus Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ projiziert wurden. Diese Filmsequenzen konnten von den tatsächlich anwesenden Gästen nicht gesehen werden, sondern nur von denen, die an diesem Tag vor dem Bildschirm saßen.

Manche von ihnen hatten sogar eigene virtuelle Plätze zugewiesen bekommen und konnten Ghesquières coole Looks, weite Skaterhosen und schrille Slogan-T-Kleider, mit denen er die Geschlechtergrenzen verwischte, über eine 360-Grad-Kamera verfolgen, die sie via eigenes Handy in alle Richtungen schwenken konnten. Natürlich werden manche schimpfen, dass es nicht dasselbe sei, Kleider  über einen Bildschirm statt in natura zu betrachten, und niemand möchte das Gegenteil behaupten. Aber in diesem Fall lieferten die virtuellen Sitzplätze einen echten Mehrwert für die Daheimgebliebenen und machten Hoffnung darauf, dass künftig mehr Shows auf diese Weise geschaut werden. Und somit weniger Modeprofis mehrmals im Jahr durch die Weltgeschichte fliegen müssen.

Olivier Roustaing von Balmain bewies ebenfalls, dass man aus der Not eine Tugend machen kann, und holte sich 58 physisch fehlende Gäste digital in die Show: An ihren Sitzplätzen im Jardin des Plantes waren große Bildschirme angebracht, auf denen Video-Porträts von Jennifer Lopez, Claudia Schiffer oder Kris Jenner-Kardashian liefen, die darin in Endlosschleife so taten, als guckten sie Modenschau – inklusive Notizen und Knipserei mit dem Handy. Ein herrlicher Anblick.

Bei Dior: Tailliert, aber bequem genug für Corona-Zeiten.
Foto: Courtesy of Dior

Auch die Kollektion selbst konnte sich sehen lassen. Vor allem der erste Teil, in dem Roustaing sechs Vintage-Stücke aus Balmains 1970ern präsentierte, bevor er seinen neuen Powerlook zum Besten gab: Blazer mit übertrieben spitzen und auskragenden Schultern in Neongrün oder -rosa, Zweiteiler in Schwarzweiß oder schlurfige Schlaghosen mit zweireihigem Oversize-Jackett.

Viele Designer setzten sich in ihren Kollektionen ganz konkret mit Themen unserer Zeit auseinander. Die Marke Coperni beispielsweise, die ihre Schau auf dem Dach des Tour Montparnasse veranstaltete, präsentierte neben rüstungsartigen Schnitten einen neuartigen Jerseystoff, der nicht nur UV-Strahlen abhält, sondern auch antibakteriell wirkt. Die Designerin Marine Serre wiederum glaubt, dass sich unsere Fortbewegungsgewohnheiten gerade grundlegend ändern und immer mehr Menschen mit dem Rad fahren werden. Somit entwarf sie eine Reihe satteltauglicher Looks, von Leggings über hautenge Catsuits bis hin zu klassischen Radlerhosen. Mundschutze zeigte Serre schon vor der Covid-19-Pandemie, nun zeigte sie auch noch praktische Gesichtsvisiere.

Kenzos Kreativdirektor Felipe Olivera Baptista ließ sich bei seiner Kollektion von der schützenden Arbeitskleidung der Imker inspirieren. Die großen Hüte seiner Models waren teils mit großen Blüten bedruckt, ihr Rundum-Netzschleier wirkte als Weichzeichner für die Gesichter und umhüllte teilweise den ganzen Körper. Real wie symbolhaft nicht der schlechteste Look, um in Pandemie-Zeiten die nötige Distanz zu halten.

Bei Hermès: Das neue Statussymbol ist keine Tasche, sondern ein Paar Clogs.
Foto: Gaspar J. Ruiz Lindberg

Andere Modehäuser dagegen betrachten Kleider eher als eine Art Zufluchtsort und zielten mit ihren Entwürfen vor allem auf Hebung des Lebensgefühls. Hermès-Kreativdirektorin Nadège Vanhee-Cybulski schaffte dies durch schmeichelnde und, wie sie es nannte, „taktile“ Kleider, die sich an die Haut schmiegen. Auch die unaufgeregten, dabei im Detail extravaganten Entwürfe der New Yorker Designerin Gabriela Hearst hatten dieses Plus, so ein langes schwarzweißes Lederkleid, das an Yin und Yang denken ließ. Maria Grazia Chiuri von Dior brachte diesmal überraschend viel Komfort in ihre Kollektion, indem sie etwa die ikonische Bar-Jacke zum bequemen Kimono-Blazer wandelte. Lose fallende Tuniken, schlabberige Hosen in Handwebstoffen und lange Gewänder, die an Morgenmäntel erinnerten, werden die Dior-Kundin im Homeoffice freuen.

Ein anderer Weg, mit Problemen umzugehen: sich einfach in eine andere, bessere Welt zu träumen. Ästhetischen Eskapismus könnte man das nennen, was Virginie Viard der Chanel-Kundin vorschlägt. Die Französin ließ sich dabei von Hollywood inspirieren und träumte sich mit ihrer Kollektion in die glamouröse Welt des Filmbusiness (und auch zurück in die Lagerfeld-Nineties); strahlend weiß leuchtete unter der Kuppel des Grand Palais ein riesiges „Chanel“, bis hin zu den Metallnieten und Stützpfosten ein gleichwertiger Konkurrent der 14-Meter-Buchstaben auf den Hollywood Hills.

Bei Vuitton: Designer Nicolas Ghesquière inspirierte die über den Arm gezogene Alltagsmaske zu knalligen Rüschen.
Foto: Louis Vuitton/Giovanni Giannoni

Paillettenbesetzte Hosenanzüge, in der Taille geschnürte Tweedkostüme und feminine Abendkleider sahen aus wie für Filmdiven gemacht und wirkten dennoch modern. Knallige Farben, Kleider mit typischen Chanel-Prints und Bermudas oder ¾-Hosen gaben der Kollektion etwas trotzig Junges, forciert Optimistisches.

Dries Van Noten hatte wohl auch das Bedürfnis, Gewohntes hinter sich zu lassen, auszubrechen. Er präsentierte ein Video voll positiver Energie und individueller Outfits, in dem Models so ausgelassen tanzten, als wären sie auf einer Techno-Party. Ein kurzer Moment der Unbekümmertheit.

Für die beste Ablenkung in diesen düsteren Zeiten aber sorgte Isabel Marant, die ihre Schau im Palais Royal als wilde Tanzperformance anlegte. Dafür hatte sie das Tanzensemble (La)Horde engagiert, das während der Show um die Models herumwirbelte und für ordentlich Stimmung sorgte. Abgesehen von einer deutlich schrilleren Farbpalette, von Knallpink bis Knallblau, blieb Marant ihrer gewohnten Mischung aus Boheme-Chic und 1980er-Vibes auch diesmal treu. Gerade ihre explosive Show aber sorgte bei vielen im Publikum für Sehnsucht.

Bei Isabel Marant: trotzige Disco-Metallics für die Party zu Hause.
Foto: Courtesy of Isabel Marant

Denn spätestens, als sich die Tänzer am Ende der Vorführung regelrecht in den Armen lagen, fragte man sich unweigerlich: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal ausgelassen getanzt, gefeiert und Freunde umarmt?

Wenn eine Modenschau solche Gefühle auslöst, dann ist das schon etwas Besonderes. Trotzdem bleibt am Ende natürlich die Frage, ob physische Shows in Zeiten von Corona tatsächlich notwendig sind. Denn ganz ohne Risiko geht es natürlich nicht und durchgängig ausreichend Abstand gab es leider so gut wie nirgends.