Jeder Auftritt eine Performance: Tilda Swinton 2014 bei der Premiere von Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel" inmitten ihrer Co-Stars (von links) Tony Revolori, Jeff Goldblum und Willem Dafoe.
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BerlinGleich zweifach, wenn auch äußerst diskret, ist Tilda Swinton bei dieser 70. Berlinale vertreten: als Sprecherstimme im filmischen Requiem „Last and First Men“ des isländischen Komponisten Johann Johannsson (25. und 26. 2.) und als sie selbst in Bettina Böhlers „Schlingensief“-Dokumentation über den verstorbenen Avantgardisten (21., 22., 23., 26. und 27.2.). Doch reden wir diesmal nicht von der Schauspielerin, die uns als Upperclass-Journalistin in Wes Andersons „The French Dispatch“ demnächst erneut begeistern dürfte. Sondern von Tilda Swinton, Botschafterin der Mode auf der Berlinale.

Schon bei ihrem allerersten Festival-Auftritt, im Februar 1988, sah die erstaunliche Miss Swinton mindestens zehn Jahre jünger aus als sie war. Und wie der Schwarzweiß-Schnappschuss der 27-jährigen in unserer Bildergalerie zeigt: Es war nicht abzusehen, dass hier eines der glamourösesten Wesen der Filmwelt heranreifte. Eine imaginäre Schwester von David Bowie, mit dem die 1,79 cm große Schottin viel mehr verbindet als die zu ihren Derek-Jarman-Zeiten noch niedlich unperfekten Zähne.

Tilda Swinton, die Anti-Barbie

24 Filme mit Swinton sind seither auf der Berlinale gelaufen; was wiederum dem Berliner Publikum fast jedes Jahr die Gelegenheit gab, in ihrer immer wieder neu inszenierten Gestalt Edgar Allan Poes berühmtes Diktum bestätigt zu sehen:„There is no exquisite beauty without some strangeness.“

Sicher, in den letzten Jahrzehnten hat sich viel Positives getan bei den Gala-Looks der Filmprominenz. Die Totalausfälle sind rar geworden. Und gerade die sehr jungen, sehr schönen Schauspielerinnen haben keine Lust mehr, als tief dekolletierte Präsente für Harvey-Weinstein-Typen daherzutrippeln. Dennoch, die jüngsten Oscars haben es gezeigt: Immer noch gibt es weibliche Filmschaffende, die bei Premieren oder Awards wie überdimensionierte Barbies wirken, ein bisschen steif in den Gelenken und ziemlich verkleidet.

Tilda Swinton kann das nicht passieren.

Ob Tweedtailleur, Hosenanzug (für die amerikanische Vogue ist sie die „Queen of the pantsuit“) oder Abendkleid, jedes ihrer Outfits auf dem roten Teppich wirkt wie aus ihrer Privatgarderobe. Als hätte sie im Hotelzimmer vor dem Schrank gestanden und nach dem gegriffen, das ihr gerade am besten gefiel. Dabei ist die Sache um einiges komplizierter, wie Swinton in Interviews mehrfach erläutert hat.

Mode als Fundus, um „Bilder von sich zu entwerfen“. 

Sie sieht jeden Auftritt als eine Performance, für deren Kleider der zu promotende Film ebenso eine Rolle spielt wie die Stadt, in der die jeweilige Premiere stattfindet. Ihren „Tanz mit der Mode“ nennt sie das, und sie sucht sich nur die allerbesten Partner dafür –  Meister der Mode wie Alber Elbaz, von dem das asymmetrische schwarze Lanvin-Kleid stammte, in dem sie 2008 den Oscar für ihre Anwältin in „Michael Clayton“ entgegennahm.

Oder Karl Lagerfeld, in dessen Chanel sie besser aussah als jedes Topmodel. Oder Raf Simons, als der bei Jil Sander den Minimalismus mit Knallfarben neu erfand. Und immer wieder Haider Ackermann, mit dem sie seit langem eng befreundet ist und dessen moderne Eleganz in Metalltönen oder exzentrischen Pastellen ihrer Feenhaftigkeit klare Konturen gibt.   

Geschmack auf internationalem Niveau

Mode ist für Tilda Swinton ein Spiel, das sie mit der Leidenschaft eines Kindes und der Risikobereitschaft eines Poker-Champions spielt. Immer mit vollem Einsatz, schließlich hat das Inszenieren der eigenen Person für sie auch künstlerische Aspekte. Mode, das ist für sie ein Fundus, in den man greift, um „Bilder von sich zu entwerfen“.

Was ihre Auftritte bei der Berlinale seit der Jahrtausendwende so wichtig gemacht hat, noch kostbarer als die in Cannes oder Venedig oder Los Angeles: Swinton brachte etwas mit nach Berlin, das im Kulturleben dieser Stadt lange Zeit viel zu rar war. Nämlich Geschmack auf internationalem Niveau und - auch dank ihrer guten Kontakte in die LGBTQ-Szene - eine individuelle Interpretation von Mode auf der Höhe der Zeit. Deutschen Schauspielern jeden Geschlechts, die den ästhetischen Dilettantismus in dieser Stadt und diesem Land ebenfalls satt hatten, hat sie dadurch Mut gemacht.

Mal sehen, was sie diesmal daraus machen.