London/Köln - Wenn man die Sehenswürdigkeiten einer Stadt abgeklappert hat, möchte man raus aus dem Touristenviertel und dorthin, wo das echte Leben pulsiert. Wo die Einheimischen einkaufen, ihren Kaffee trinken, essen und feiern gehen. Doch die angesagten Quartiere sind oft gar nicht so einfach auszumachen. Der Reiseführer „Time Out“ hilft dabei mit einem neuen Ranking.

Für die Rangliste der „50 coolsten Stadtviertel der Welt“ wurden nicht nur Autoren und Korrespondenten gefragt, sondern mehr als 27.000 Stadtbewohner rund um den Erdball. Sie sollten sagen, welches das am meisten überschätzte, das beste und das am meisten unterschätzte Viertel in ihrer Heimatstadt ist. Und vor allem sollten sie diese eine Frage beantworten: Fühlt sich das Stadtviertel wie eine Gegend an, deren Stern gerade erst aufgeht?

Die ersten zehn der angesagtesten Stadtviertel zeigen wir hier, darunter ein deutsches – natürlich in Berlin.

Arroios, Lissabon 

In Lissabons multikulturellem Viertel Arroios herrsche eine friedliche Koexistenz zwischen Neuem und Bewährtem, schreiben die Reise-Experten. Entlang der Hauptader des Viertels, der Avenida Almirante Reis, und ihren Seitenstraßen, gibt es Freiluft-Kunst zu entdecken. Etwa der vom Künstler AkaCorleone umgestaltete Basketballplatz im Campo Mártires da Pátria. Daneben gibt es kulinarische Angebote aus allen Ecken der Welt: Die besten Dim Sums der Stadt im Grande Palácio Hong-Kong, mexikanische Küche im El Taco Chingón. Lange Schlangen stehen vor dem Ramiro, einem der besten Fischrestaurants der portugiesischen Hauptstadt.

Shimokitazawa, Tokio 

Das Stadtviertel sei für Tokio, was Brooklyn für New York ist, nur cooler, so die Begründung für den zweiten Platz. Shimokitazawa, oft auch nur Shimokita genannt, ist weniger kommerziell entwickelt als die zentraleren Viertel Shibuya und Shinjuku und gilt als cooler mit mehr Subkultur. Zwischen kleinen Geschäften und vielen Secondhand-Läden gibt es zahlreiche eigenständige Restaurants und Cafés. Es ist das Viertel der kreativen Szene, besonders japanische Mode-Fans sind hier auf der Suche nach individuellen Kleidungsstücken jenseits des Massengeschmacks. 

Onikan, Lagos

In dem historischen Viertel Onikan sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Nigerias gleichermaßen präsent: Durch die Häuser im Kolonialstil aus der Zeit vor der Unabhängigkeit, die Gebäude aus den boomenden 70ern und die Stahl und Betonbauten der Moderne. Wer sich ins Leben der Stadt stürzen will, sollte in den Balogun Markt abtauchen, der sich über die Straßen von Lagos Island, der Hauptinsel, erstreckt. Eine feste Adresse hat der Markt nicht, einfach Einheimische nach dem Weg fragen.

Wedding, Berlin

Steigende Mieten und Geld, das Start-ups in die Hauptstadt spülen, haben des Gesicht Berlins verändert, schreiben die Time-Out-Autoren. Doch im Wedding ticken die Uhren anders, hier ist noch zu finden, wofür Kreuzberg und Neukölln lange standen: Ein ehrliches, über viele Generationen gewachsenes Arbeitermilieu aus Deutschen und Zugezogenen gleichermaßen. Man finde noch zahlreiche runtergerockte „Nachkriegs-Kneipen“, dafür sei der Kiez von Immobilienspekulanten bislang verschont geblieben.

Historic Filipinotown, Los Angeles

HiFi, wie die Abkürzung für das Viertel lautet, spiegelt die besten Seiten von Los Angeles mit einer spannenden kulturellen Mischung – auch kulinarisch. Die Autoren empfehlen das Porridge & Puffs für herzhaften asiatischen Porridge oder das HiFi-Kitchen für philippinisch-amerikanisches Essen. Den Einheimischen zufolge ist HiFi gleichzeitig Stadtviertel und Gefühl. Ein ehrlicher und erfrischender Ort in einer Stadt, die an anderen Ecken schnell künstlich oder monoton wirken kann.

The Waterfront, Hobart 

Mal ehrlich, wussten Sie auch erstmal nicht wo Hobart liegt? Sie brauchen nicht googeln, es ist die Hauptstadt von Tasmanien. Und die ist an sich schon einen Besuch wert. 2011 steckte der exzentrische Kunstsammler David Walsh sein Geld, das er mit Glückspiel gemacht hatte, in den Bau des größten privat finanzierten Museums Australiens. Ergebnis ist das MONA (Museum of Old and New Art). Seitdem ist Hobart ein Muss für Kunstliebhaber, auch wer Fisch und guten Wein liebt, kommt auf seine Kosten. Zentrum von Hobart ist The Waterfront, der Distrikt direkt an der Mündung des Derwent River.

Strasbourg-Saint-Denis, Paris

SSD, so die Abkürzung, sei das Zentrum der Pariser Coolness, lautet das Urteil von Time-Out. Zu verdanken sei das vor allem zwei Männern. Arnaud Lacombe und Guillaume Le Donche, die auf der Rue des Petites-Écuries einige der angesagtesten Treffpunkte der Stadt geschaffen haben, das Déviant, Restaurant und Weinbar, und das Hôtel Bourbon mit seinem Club. Einheimische bestätigen: „Alles da, was man braucht. Gute Restaurants, unterschiedliche spannende Leute, Kultur und Nachtleben.

Astoria, New York

Man solle sich den Stadtteil vorstellen wie die etwas vernünftigere, schmelztiegelartige Alternative zum überentwickelten nördlichen Teil von Brooklyn. Und das nicht nur, weil die Mieten rund um die U-Bahn-Station an der 30th Avenue günstiger seien. Astoria habe all das, von dem viele sagen, man könne es in New York nicht mehr finden: Die Vielfalt, den Geruch, die Energie.

Embajadores, Madrid

Keine andere Nachbarschaft in Madrid ist so lebendig und vielfältig wie die von Embajadores. Dort finden sich die beiden großen Kulturzentren Tabacalera und La Casa Encendida. Der Plaza Tirso de Molina ist das Domizil der Floristen, El Rastro ist der größte historische Flohmarkt der Stadt. Im Oktober kann man sich durch das Viertel futtern, während des köstlichsten Events der spanischen Hauptstadt, dem Tapas- und Musikfestival Tapapiés. 

Pilsen, Chicago

Der Name lässt es vermuten, Pilsen war das Sammelbecken für tschechische Migranten in Chicago, aber auch Neuankömmlinge aus Polen, Deutschland und Italien fanden in dem Viertel eine neue Heimat. Seit den 70er Jahren hat die Gegend um die 18th Street auch eine lebendige Latino-Gemeinschaft, die Kunst und einige der besten mexikanischen Restaurants ins Viertel gebracht hat. (ef)