Transdanubien muss ein geheimer Ort sein. Nur die, die schon einmal dort waren, können seine Existenz bezeugen. Transdanubien, das ist dieser seltsame Ort in Wien, der im Osten auf der anderen Seite der Donau liegt. Am Westufer von Österreichs Hauptstadt – wo sich mit der Staatsoper, der Hofburg und den weltberühmten Museen Wiens Sehenswürdigkeiten befinden, weiß man wenig über das rätselhafte Land im ehemaligen Überschwemmungsgebiet der Donau.

Wer im Reiseführer nach dem Bezirk Donaustadt sucht, der den größten Teil des Ostufer-Wiens einnimmt, muss ziemlich weit blättern. Man weiß zwar, dass der 22. Bezirk knapp ein Viertel der Wiener Stadtfläche einnimmt und seit Jahren rasend schnell wächst. Doch gehört die Donaustadt in des Wieners geistiger Stadtkarte nur auf dem Papier zur Hauptstadt. Touristen wagen selten den Weg nach Transdanubien – ein Fehler: Denn der 22. Bezirk hat einiges zu bieten. Zukunft und Vergangenheit treffen in der Donaustadt aufeinander.

Einschusslöcher und Glasfassaden

Ein Stück Zukunft kann man zum Beispiel in der Seestadt Aspern erleben. Hier entsteht gerade ein komplett neuer Stadtteil für 20 000 Menschen. Wer die Evolution eines Wohnraums im Zeitraffer erleben möchte, der sollte sich einen Spaziergang durch das Wohn- und Arbeitsquartier nicht entgehen lassen. Am Westende des künstlichen Sees sollen bis Ende des Jahres bereits 2 600 Wohneinheiten bezogen sein. Ein Supermarkt ist schon da.  Auch die obligatorische Wiener Tabaktrafik  – inklusive Nachbarschaftsplausch am Tresen. Breite Boulevards und bunte Fassaden prägen das Wohngebiet, das einmal die Pulsader der Donaustadt werden soll. Auf den Straßen ist es zwar noch recht leer, und der Baulärm wird die Bewohner noch bis zur Fertigstellung der Siedlung 2028 begleiten, doch schon jetzt dürften Städtebau-Begeisterte in der Seestadt auf ihre Kosten kommen.

Wer von der Zukunft in die Vergangenheit wechseln will, braucht dafür mit der U-Bahn nur wenige Minuten. Am Asperner Siegesplatz steht die Manifestation des Donaustädter Mythos – der Asperner Löwe. Das 1858 fertiggestellte Kriegerdenkmal zeigt einen Löwen aus Sandstein, der auf einem Podest im Liegen aus dem Leben scheidet. Das Denkmal von Anton Dominik Ritter von Feldkorn erinnert an die verlustreiche Schlacht von Aspern, als die österreichischen Truppen im Jahr 1809 unter Führung von Erzherzog Karl die französische Armee schlugen und Napoleon seine erste große Niederlage beibrachten.

Im Donaustädter Stadtteil Kaisermühlen sind Zukunft und Vergangenheit sogar in Sichtweite. Zwischen Goethehof und Donau City befindet sich nur eine Kreuzung – eine Kreuzung die zwei Welten trennt.

Auf der einen Seite erheben sich die imposanten Bauten der Vereinten Nationen. Das Gebäudeensemble mit grau-orangefarbener Fassade kann besucht werden. Dolmetscher führen die Besucher durch die riesigen Hallen und Konferenzräume. Es ist das Herz der Donau City, des größten Geschäftsviertels der Donaustadt. Wenige Meter von der UN entfernt erhebt sich der DC Tower 1 in den Himmel des 22. Bezirks.

Das höchste Gebäude Österreichs wurde 2014 nach den Plänen von Dominique Perrault  fertiggestellt. Die zerklüftete Glasfassade ist auch aus großer Entfernung erkennbar. Weitere Wohn- und Geschäftshäuser sind in Planung. Das Viertel wächst immer weiter. In der Donau City wuseln schon jetzt Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen zwischen U-Bahn und Hochhäusern hin und her. Jeder scheint  eine andere Sprache zu sprechen. Die Donau City ist Wiens wohl internationalster Ort.

Wer im Schatten der Hochhäuser unter der Hochbahn hindurchgeht und die Kreuzung zur Schüttaustraße übertritt, kommt in eine gänzlich andere Welt, das alte Kaisermühlen. Schnitzelläden, Kaffeehäuser und ein eher verschlafenes Leben prägen das Quartier. Die Fernsehserie „Kaisermühlen-Blues“ wurde hier in den 90er-Jahren gedreht. Doch ein viel wichtigeres Stück Wiener Geschichte ist der Goethehof.

Schauplatz der Februarkämpfe

Wie eine Festung erhebt sich der Gebäudekomplex an der Schüttaustraße. Die massive Außenfassade wird nur durch kleine Tore unterbrochen. Was wie eine Festung aussieht, wurde auch einmal wie eine Festung verteidigt. 1934 war der Goethehof ein wichtiger Schauplatz der Februarkämpfe. Die von der sozialdemokratischen Stadtregierung geförderten Gemeindebauten wie der Goethehof galten als Hochburgen der Linken, des „Roten Wiens“. Die Truppen des rechtsgerichteten österreichischen Diktators Engelbert Dollfuß beschossen den Goethehof mit Artillerie. Dort hatten sich Mitglieder des sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbundes verschanzt. Am 18. Februar 1934 gelang es Dollfuß’ Truppen, den Hof einzunehmen.  Heute erinnert nur wenig daran, dass der Goethehof einmal ein umkämpftes Widerstandsnest war.

Zwischen Zukunft und Vergangenheit liegt die Gegenwart der Donaustadt. Und die ist von Bevölkerungswachstum und einer hohen Lebensqualität geprägt. Während in den „alten Bezirken“ Wiens am Westufer der Donau Wohnraum knapp und das Stadtgebiet eng bebaut sind, gibt es in der Donaustadt noch erschwingliche Wohnungen und Neubauten. Viele junge Familien ziehen hierher. Die Folge: In der Donaustadt leben im Vergleich zu anderen Wiener Bezirken überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche.

Der „Zwarazwanzigsta“ ist auch einer der grünsten Bezirke. Mehr als die Hälfte der Fläche sind Wälder und Wiesen. Mit der Alten Donau – einem abgetrennten ehemaligen Donauarm – verfügt der Bezirk über eines der größten Naherholungsgebiete in Wien. Hier kann man segeln, Tretboot fahren, es gibt sogar eine Wasserski-Seilbahn. Lange Promenaden laden zum Spaziergang ein. Auf der Alten Donau befindet sich auch das Gänsehäufel, eine Insel mit dem gleichnamigen Strandbad, das für seinen großen FKK-Bereich bekannt ist.

In der Donaustadt findet  jeder etwas Spannendes. Wer dem Trubel der Wiener Innenstadt entkommen will, ist im 22. Bezirk gut aufgehoben. Mit der U-Bahn ist er in weniger als zehn Minuten von der City aus zu erreichen – das gar nicht mehr so geheime Transdanubien.