Early Adopter, na klar: Influencerin Martina Ritter trägt die Cat-Eye-Brille von Miu Miu schon im Oktober 2019 zur Pariser Modewoche.
Foto: imago images/Valentina Ranieri

BerlinIm deutschen Feuilleton herrscht aktuell ein nie dagewesener Überbietungswettbewerb, was das Erkennen und Benennen von Gegenwartssymbolen betrifft. Gerade in Covid-Zeiten sind kleine Alltagserscheinungen wertvolle Anhaltspunkte, um die Befindlichkeiten einer irritierten, aus den Fugen geratenen Gesellschaft zu deuten. Ob nun Robert Habeck mit Pferden kuschelt oder Donald Trump eine Maske trägt, die hermeneutische Symbolanalyse schafft Ordnung in chaotischen Zeiten.

Dem Feuilleton der Berliner Zeitung kommt hier eine besondere Aufgabe zu, da Hauptstädte ja bekanntlich das Labor für Umwälzungsphänomene sind, die auf das ganze Land, Europa, ja die Welt ausstrahlen. Aktuell macht ein Modephänomen von sich reden, das deshalb nicht ignoriert werden darf. Es geht um die spitz gerahmte Sonnenbrille namens Butterfly oder Cat-Eye, zu Deutsch: Katzenauge, die Berliner Cool Kids zwischen Neukölln und Friedrichshain klammheimlich zum Erkennungssymbol ihrer Generation gemacht haben. Wir wollen also wissen: Was hat das zu bedeuten?

Die runde Brille als Kontrastprogramm

Wer im Görlitzer Park ein Feierabendbier trinkt, am Boxhagener Platz sich auf eine Wiese legt oder in Neukölln den Außenbereich einer Bar besucht, dürfte sie bereits registriert haben: die kleine, enge Sonnenbrille, die eine merkwürdig mysteriöse Strenge ausstrahlt, ohne mit dem lässigen Gestus ihrer Trägerinnen völlig übereinzustimmen.

Zum besseren Verständnis: Bei den Trägerinnen der Cat-Eye-Brille handelt es sich mehrheitlich um sogenannte Cool Kids, eine soziologisch noch kaum beleuchtete Altersgruppe um die 25, die man als Nachfolgegeneration der Hipster beschreiben könnte – jener Kohorte also, die in den 2010er-Jahren mit ihren eng anliegenden Jeans, ihrem Fixie-Bike und dem warm gebrauten Edelkaffee alle Trends ansagten. Die Cool Kids sind deren Ablösung. Sie nehmen sich nicht ganz so ernst, haben Klassenbewusstsein und spielen gezielt mit Symbolen der Unterschicht. Sie tragen Leopardenmuster auf ihren Hemden, hören Rap (Haiyti, Apache 207, Bausa, Trettmann, Haftbefehl), nehmen Posen der Deklassierten für ihre Instagram-Selfies ein (wie etwa die „Russenhocke“) und verachten alles und jeden, das oder der sich allzu ernst nimmt. Die Cat-Eye-Sonnenbrille kommt als Erkennungszeichen hinzu und ist eine modische Antwort auf den Schock durch Corona. Nur wer erkennt, warum just die Katzenaugen-Brille die gerundete Sonnenbrille der Hipster-Fraktion ablösen musste, wird das Phänomen in seiner eruptiven Aussagekraft verstehen.

Schöne Zeiten, als die Hipster noch optimistisch in die Zukunft schauten: Runde Sonnenbrillen waren ein Ausdruck dessen.
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Einsicht in die Begrenztheit der Lebensplanung

Die runde Sonnenbrille, ob mit oder ohne Spiegeleffekt, ist das Symbol der Prä-Corona-Zeit, als der Hipster offenen Auges in eine mühelose Zukunft blickte. Mark Greif hat in seinem Buch „Hipster“ (Suhrkamp) die „dicke Brille“ als das Erkennungssymbol einer Zeit definiert, die für ironische Lässigkeit stand. Die Städte blühten, der Rollkoffer-Sound prägte die gentrifizierten Bezirke der Metropolen. Coole Brunch-Spots und Yoga-Studios öffneten im Monatsrhythmus und verkündeten das Versprechen einer sich immer weiterdrehenden Spätmoderne. Die große runde Sonnenbrille war die Spiegelung einer Ära, in der alles „ganz okay“ erschien.

Das hat sich seit Corona geändert. In einem egalitären Aufwaschen hat die Pandemie alle Teile der Gesellschaft und alle Altersklassen zum Umdenken bewogen. Die Gewissheit, das eigene Leben zu kontrollieren, ist durch den Schockeffekt der Pandemie tief erschüttert worden. Die Jungen um die 25 wurden erstmals mit einer Kleist'schen Wirklichkeit konfrontiert, in der das Husten einer Fledermaus in Wuhan die ganze Weltgeschichte aus der Bahn werfen kann. Die Einsicht in die Begrenztheit der Individualmacht, in die Kontingenz der Weltläufe ist ein Schockerlebnis, das man für gewöhnlich nur schleichend und erst ab 60 hat. Wer dieses Alter erreicht, weiß harte Schicksalsschläge einzuschätzen und sieht sich in seinem Allwissenheitsanspruch korrigiert. Der Blick verengt sich, er wird bescheiden. Nicht ganz zufällig tragen ältere Menschen schmale Lesebrillen, um ihren Blick auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Die Cat-Eye-Sonnenbrille, hier an Influencerin Martina Ritter, signalisiert Stoik.
Foto: imago images/Valentina Ranieri

Das Accessoire zur Zeitstimmung

Es sollte nun klar geworden sein, worauf diese Analyse hinaus will: Die Cat-Eye-Sonnenbrille kann, ja muss als Offenbarung einer jungen Generation um die 25 verstanden werden, die sich seelisch verkatert eingesteht, von der Macht des blind wütenden Weltgeistes attackiert worden zu sein. Der Blick wird enger, er spitzt sich auf das Kleine, Greifbare, Lokale zu. Das Jet-Set-Leben ist vorbei, die Kurz-Trips nach Barcelona, die Konzertbesuche in London – all diese Unbekümmertheiten der globalisierten Wirklichkeit gehören (vorerst) der Vergangenheit an. Die junge, vitale, reiselustige und unerschütterliche Cool-Kids-Fraktion muss sich auf das lokale Späti-Bier oder den Ausflug nach Brandenburg beschränken und die Verringerung von Spaß- und Lebensmöglichkeiten akzeptieren. Der hoffnungsvolle Welpenblick, der in der runden Sonnenbrille seinen Ausdruck fand, hat sich in einen engen, skeptischen Katzenblick verwandelt.

Das macht die Cat-Eye-Brille zum Gegenstand der Stunde, dem Eingeständnis einer enger gewordenen Welt und als Abgesang auf eine Zeit, in der das Leben grenzenlos erschien. Die Cool Kids haben, um es mit Schiller zu sagen, den Zustand des Naiven verlassen und sind in den Modus des Sentimentalischen geworfen worden. Das Frappante daran: Einen Weg zurück ins naive Paradies gibt es nicht. Der Schockeffekt wird bleiben – das Cat-Eye als Symbol dafür auch.