Rubin im Grünen: Die Knautia macedonica, besser bekannt als purpurfarbene Witwenblume, taucht gern überraschend auf.
Foto: Rainer Elstermann

Berlin/UckermarkDer souveränste Gärtner ist der Zufall. Vielleicht nicht immer, aber ziemlich häufig.

Der Zufall kann auch Probleme bringen, aber die lassen sich meistens leicht beheben. Ein typisches Beispiel für letzteren Fall ist eine neue Bepflanzung aus blassen Farben (Zitronengelb, Zartgrau, Hellblau, Puderrosa und Moosgrün), in die sich eine Klatschmohn-Blume verirrt hat. So schön diese Mohnblume auch sein mag, so sehr man sich spontan über sie freut, lenkt sie dennoch vom restlichen Bild ab und fokussiert den Blick des Betrachtes auf sich. Da hilft nur eins: Sie zu entfernen und das ist, auch wenn es schmerzt, leicht getan.

Sehr oft aber bringt uns der Zufall auf Ideen für neue Pflanzenkombinationen, auf die man alleine nicht gekommen wäre. Gestern Abend etwa war ich noch einmal auf einem kleinen Rundgang im Garten und dort, wo ich weißen Lavendel gepflanzt hatte (zusammen mit dem winterharten Rosmarin „Arp“) hatte sich eine Witwenblume, Knautia macedonica, selbst ausgesät. Das dunkle Rubinrot ihrer Blüte, das sehr selten im Garten ist, zusammen mit dem weißen Lavendel hat mir sehr gefallen. Von alleine wäre ich auf diese Idee nicht gekommen.

Blaues Gewoge, das sich ohne gärtnerisches Zutun aussät: Mannstreu im Garten des Autors.
Foto: Rainer Elstermann

Witwenblumen säen sich sehr gern aus und tauchen an immer wieder anderen Standorten auf. Manchmal überschwemmen sie auch ein Beet, aber lieber reiße ich ein halbes Dutzend im Frühsommer raus, als dass an gleicher Stelle der Boden kahl bleibt. (Wann immer ich die Wahl habe zwischen „bei Bedarf später entfernen“ und „nachträglich auffüllen“, tendiere ich zu ersterem. Ist wohl eine Form von Horror Vacui.)

Die Witwenblume kann sehr hoch werden und auf meinem Grundstück in der Uckermark – mit schwerem Tonboden – heißt das, dass sie nicht sehr standfest ist. (Auf trockenen Böden bleiben Pflanzen in der Regel kompakter und standfester.) Wenn mir die gekippten Stengel zu viel werden, schneide ich sie auf die Hälfte zurück und die Witwenblume treibt wieder neu aus. Es gibt von ihr auch eine kleinere Variante, die Knautia macedonica „Mars Midget“, aber deren Rot kommt mir weniger satt und glutvoll vor als die der normal hohen.

Generell sind Pflanzen, die sich selbst aussäen, unersetzlich im Garten. Spannenderweise gehören viele dazu, die als schwierig zu überwintern gelten, oder die generell nicht sehr langlebig sind. Bei diesen Pflanzen ist die Überlebensstrategie offenbar nicht, sich ausdauernd an einem Platz zu behaupten, sondern großzügig Samen zu verteilen. Dazu zählen Gaura lindheimeri und das Gras Stipa tenuissima, aber auch Akeleien verteilen sich selbstständig über den Garten. Wie Helleborus orientalis, die Lenzrose, haben sie noch einen weiteren Vorteil: Sie bilden regelmäßig neue Varianten, die sich farblich von den Eltern unterscheiden.

Die Echinacea purpurea, vulgo Scheinsonnenhut, ist nicht nur ein Insektenmagnet: Sie schließt beim Selbstaussäen auch erdige Pflanzlücken.
Foto: Rainer Elstermann

Hat man zum Beispiel eine reinweiße und eine blaue Akelei im Garten, so kann es vorkommen, dass im folgenden Jahr weiß-blaue Pflanzen erscheinen. Darauf kann man es anlegen, was aber bedeutet: Vorsicht bei der Auswahl. Bei Elternpflanzen, die farblich nicht zueinander passen, kann es nämlich dazu führen, dass alle Sämlinge „irgendwie zu bunt“ wirken. Darum setze ich bei selbst aussäenden Pflanzen nur Farben, die auf jeden Fall auch nebeneinander das Auge erfreuen würden. Gerade bei den Lenzrosen setzt man das Entstehen neuer Varianten gerne gezielt ein – eine dunkelrote neben eine grünliche gepflanzt produziert häufig subtile Muster aus beiden Farben.

Aber auch Pflanzen, die als „Unkräuter“ gelten (weil sie am un-passenden Standort wachsen oder zur falschen, zur Un-Zeit), können den Garten bereichern. Ich spreche hier nur von ästhetischen Gesichtspunkten, ökologisch gesehen haben bekanntermaßen auf jeden Fall eine wichtige Funktion.

Echinacea, einer der Signalpflanzen des Prärie-Staudengartens, säen sich bei mir ebenfalls gern alleine aus. So schließen sie überall Lücken, die dadurch entstanden sind, dass andere Pflanzen sich verabschiedet haben. Bei diesen „falschen Sonnenhüten“ muss man darauf achten, dass sie nicht zu dicht wachsen. Das tun Echinacea zwar, aber sie mögen es nicht und verkümmern dann zusehends. Sie brauchen etwas Platz um sich herum, um sich entfalten zu können.

Ein Garten-Nomade: die Prachtkerze (Gaura lindheimeri) wächst, wo sie will.
Foto: Rainer Elstermann

Immer willkommen, sich auszusäen und aufzutauchen, wo ich ihn nicht erwarte, ist bei mir der Mannstreu (Eryngium x. zabelii). Lieber lasse ich mir den Weg zu den Hochbeeten versperren und zerkratze mir die nackten Beine an den stacheligen Blättern, als dass ich auf die wogenblaue Blütenfülle verzichten würde, die meinen Garten im Hochsommer bereichert.

Das Gegenteil, nämlich eine regelrechte Plage, ist bei mir durch Kugeldisteln entstanden. Sie gehören zu den faszinierendsten Stauden, haben aber innerhalb kürzester Zeit ganze Beetbereiche in Beschlag genommen und alles neben sich verdrängt, jedes Jahr aufs Neue. Dieses Frühjahr war dann Schluss: Kurzerhand habe ich alle rausgerissen und verschenkt. Gestern nun fielen mir zwei neue Disteln auf, die ich beim Großreinemachen wohl übersehen hatte. Ob ich sie nun auch entferne? Ich zögere noch. Mal sehen, ob ich jetzt im Hochsommer noch einmal die gärtnerische Entschlossenheit aufbringe, meine ursprüngliche Planung kompromisslos zu verteidigen.

Am Sonnabend, den 8. August 2020 gibt unser Autor eine Führung durch einen von ihm umgestalteten Privatgarten in der Uckermark. Es geht dabei um die Schaffung eines blühenden Paradieses auf abschüssigem Terrain sowie um den zeitgemäß-nachhaltigen Umgang mit Unkraut. Anmeldung unter https://rauszeit-uckermark.de/workshops/standard-titel.


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung