Es führt ein Weg nach nirgendwo ... 
Foto: Ulf Soltau

BerlinEs gibt sie in jeder Eigenheimsiedlung: Gärten, die nicht aus Erde und Pflanzen, sondern aus geschottertem Granit, Quarz oder Kies bestehen. Zuweilen ragt aus der toten Materie ein akkurat geschnittener Buchsbaum, eine asiatisch anmutende Zierkiefer, ein einsames Grasbüschel oder ein Baumarkt-Buddha hervor. Dazu gibt es oft noch dekorative“ Betonelemente, wie vom Himmel gefallene Felsbrocken und natürlich auch funktional gepflasterte Bereiche.

Der Berliner Botaniker Ulf Soltau nennt dieses Phänomen schlicht Gartenmord. Er dokumentiert und kommentiert es auf der satirischen Facebook-Seite „Gärten des Grauens“; kürzlich ist das daraus hervorgegangene Buch erschienen. Der Erfolg seiner Aktivitäten zeigt, dass es viele Menschen erschüttert, was Schotterfreunde auf ihren Grundstücken anrichten. Offenbar ist Stein statt Grün ein ernst zu nehmender Trend, jedenfalls gibt es immer mehr solcher Gärten. Naturschützer schlagen Alarm, die Lokalpolitik überlegt, was sie gegen die Zerstörung privater Grünflächen anrichten kann. Erste Kommunen arbeiten sogar an Verboten.

Tschernobyl-Look: extra-karges Beispiel aus dem Buch "Gärten des Grauens".
Foto: Ulf Soltau

Es geht um Bequemlichkeit und Angst vor Kontrollverlust 

Die pflanzenfreie Gartengestaltung ist nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein ökologisches Problem. Denn Schottergärten funktionieren nur bei totaler Leblosigkeit. Ein Vlies oder eine Folie stoppt jedes Wachstum von unten, erstickt nicht nur Löwenzahn und Giersch, sondern auch im Boden lebende Mikroorganismen. Darauf breitet man eine dicke Schicht kleiner oder größerer Steine aus, in der Hoffnung auf eine möglichst „kohärente und klare“ Gesamtwirkung. Zuweilen werden solche Flächen als asiatisch angepriesen - was eine komplette Verkennung der alten, hoch komplexen Gartenkultur von Japan oder China darstellt. Dabei geht es um Monotonie und Ordnung, die jedoch unter freiem Himmel kaum aufrechtzuerhalten sind. Denn sobald sich ein Lüftchen regt, verteilt die Natur Blätter, Früchte, Samenkapseln, Pollen und Organisches aller Art auf jeder Fläche. Auch auf dem Schotter.

Da der nicht geharkt werden kann, wird das unerwünschte Material meist per Laubpuster beseitigt. Trotzdem erwischt man nie alles, in Zwischenräumen bildet sich Humus, aus dem unweigerlich neues Leben erwacht. Direkt an den Steinen siedeln sich außerdem Moos und Algen an, daher greifen viele Schottergärtner zu Gift und Hochdruckreiniger oder sie flämmen ihre Steine ab. Das ist eine öde Sisyphusarbeit und verhindert nicht, dass das Grau über kurz oder lang nicht mehr klinisch rein erstrahlt, ja womöglich schmuddelig wirkt. Nach drei bis zehn Jahren sollten die Steine erneuert werden, das meinen zumindest viele Gartenbauunternehmen. Die verdienen allerdings auch daran: Es ist nicht gerade billig, zentnerweise Steine zu kaufen, zu bewegen und zu verlegen.

Die deprimierende Wirkung belegt eine Schweizer Studie

Was treibt Menschen dazu, sich das anzutun? Ist es der Hass auf Pflanzen oder auf Nachbarn, die beim Blick über den Zaun traurig werden sollen? Die deprimierende Wirkung der grauen Gärten belegt eine Schweizer Studie, wie Autor Soltau in seinem Vorwort erwähnt. In seinem Buch sind Grundstücke mit bedrückender, gar beklemmend aggressiver Ausstrahlung zu sehen. In manchen steckt auch eine zwanghaft wirkende Mühe - da werden Muster und goldene Kanten gelegt oder hunderte Quadratmeter mit Steinen bedeckt.

Warum nur, warum? Das fragt sich der Autor Ulf Soltau bei solchem Anblick.
Foto: Ulf Soltau

Nicht alle Schottergärten sind ganz so bizarr. Das Buch zeigt auch die fast schon alltägliche Kieselöde in Reihenhaus-Vorgärten. Vermutlich wird so etwas aus durchaus nachvollziehbaren Motiven angelegt, etwa wenn Oma nicht mehr durchs Grün kriechen und jäten kann. Oder wenn Ehepaare mit Doppeljob und Kind zwar keine Zeit für den Garten haben, aber struppige Spontanvegetation vor der Haustür vermeiden wollen. Gartenbaufirmen und Baumärkte locken da mit Schlagworten wie Funktionalität, Komfort, Ästhetik. Natürlich informieren die Anbieter weniger vehement darüber, dass das adrette Kieselbeet regelmäßig gereinigt werden muss. Oder dass versiegelte und teilversiegelte Flächen (und als solche gelten Schottergärten) die Abwasserkosten erhöhen, dass die Steine die Umgebungstemperatur aufheizen und die Speicherung von CO2 im Boden verhindern. Und dass sie keinen Feinstaub aus der Luft filtern wie jedes noch so langweilige Blatt es tut.

Es ist sogar preiswerter, mit Pflanzen zu arbeiten

Ein Grund für das pflanzenfreie Design ist sicher auch, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie leicht ihr Wunsch nach einem pflegeleichten, klar strukturierten und ordentlichen Garten mit den Realitäten der Natur zu vereinbaren wäre. Dass es viel einfacher und preiswerter ist, mit als gegen diese zu arbeiten. Denn wo Pflanzen sich wirklich wohlfühlen, wachsen sie fast von allein und zwar so dicht, dass kaum Unkraut durchkommt.

Gärtnern ist keine Zauberei, solange man die Bedürfnisse des Grüns respektiert. Und die heißen zuallererst Licht und Wasser. Ist ein Beet sonnig oder schattig, ist es trocken oder feucht? Sobald das geklärt ist, können wir schon aussuchen und einbuddeln. Stauden eignen sich am besten, das sind langlebige Geschöpfe, manche werden Jahrzehnte alt. Der frühe Herbst ist die perfekte Zeit, um sie zu pflanzen, dann wurzeln sie noch vor dem Winter ein und legen im Frühling richtig los. Wer es puristisch mag, wählt nur eine einzige Art, die den Boden schlicht und niedrig bedeckt: Thymian, Mauerpfeffer und Wollziest fühlen sich in der Sonne wohl, während Haselwurz, Immergrün, Efeu oder Gelber Elfenspiegel im Schatten gedeihen, auch im trockenen. Walderdbeeren, die ruckzuck ganze Gärten erobern und außerdem hübsch blühen und leckere Früchte tragen, lieben Halbschatten.

Alle diese Pflanzen – und viele andere – sind langlebig, genügsam, winterhart, wintergrün und perfekt für Anfänger. Außerdem bieten sie Insekten Futter. Auch Gräser können hübsch aussehen, auch sie gibt es für jeden Standort. Gärtner und das Internet helfen bei der Auswahl der passenden Bodendecker.

Hilfe, holt mich hier raus! Selbst dem eisernen Kaktus ist es hier zu öde.
Foto: Ulf Soltau

Schicker als Schotter ist ein Präriegarten 

Nicht nur kompakte Blattflächen, auch kunterbunte, sich lässig im Wind wiegende Blütenmeere können sich, einmal gut eingewachsen, sozusagen selbst verwalten. In Amerika nennt man das Präriegärten oder New German Style; bekanntestes Beispiel: die Begrünung der High Line, einer stillgelegten New Yorker Hochbahnstrecke, durch den Niederländer Piet Oudolf. Inzwischen gibt es dafür sogar fertige Pflanzenmischungen in der Gärtnerei. Viele davon sind so unkompliziert, dass sie nicht nur im Privatgarten, sondern auch auf Verkehrsinseln oder Gewerbeflächen grünen und blühen.

Sich von einer Schotterkomposition am Haus zu trennen bzw. sie zu revitalisieren, das macht Mühe und Müll, keine Frage. Aber am Ende belohnt man sich selbst mit einem viel schöneren, lebendigeren und sogar pflegeleichteren Grundstück. Menschen und Tiere werden sich freuen. Während Unkrautvlies und Folie auf dem Restmüllhof landen, kann zumindest ein Teil der Steine in einer sonnigen Ecke ein zweites Leben als Haufen beginnen. Wer Naturnähe erträgt, wartet ab, was dort mit der Zeit alles keimt und wächst. Alle anderen pflanzen Steingewächse und Ziergräser, vielleicht auch ein paar robuste Kräuter. Wärmeliebende Insekten und Eidechsen werden den Schotter und größere Brocken schnell als Lebensraum entdecken.

Und wer akkuraten Stein wirklich gern mag, kann damit immer noch Wege, Treppen, Mauern oder eine Terrasse gestalten.

Ulf Soltau: Gärten des Grauens 2019, Eichborn-Verlag, 128 S., 14 Euro