Souverän schön: Die Kombi aus V-Pullover und Rollkragenlatz hilft beim Stillen; der Blazer aus Pure New Wool hat eine zweilagige Front und die Hosenweite lässt sich flexibel verstellen. Alle Teile aus der Nove-Launchkollektion.
Fotos: Nove

Berlin-KreuzbergDie Geburt von Nove ist in Janina Waschkowskis Studio ständig präsent. In den Raum in einem Kreuzberger Atelierhaus passen kaum die zwei vollbehängten Kleiderstangen, ein paar Regale und ein Schneidertisch. Einziger Schmuck: fünf Gipsabgüsse von Schwangerschaftsbäuchen, ein wie zufälliges Arrangement an der kargen Wand. Die Bäuche (auch der aus Waschkowskis achtem Schwangerschaftsmonat ist dabei) sind spitz, rund, breit und sehr unterschiedlich. Ganz praktisch gesehen sind sie eine Vorlage für die Schnitterstellung; aber vielmehr noch eine Erinnerung daran, dass sich Frauen in jeder Lebensphase gut gekleidet fühlen wollen.

Unternehmerisch: Janina Waschkowski in ihrem Atelier.
Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Diese  Erkenntnis hatte Waschkowski während ihrer ersten Schwangerschaft – als klar wurde, dass sie sich plötzlich nicht mehr so anziehen konnte, wie sie wollte. Die 29-Jährige, die mit ihrem Ehemann Julius inzwischen zwei Söhne hat, vier und anderthalb Jahre alt, arbeitete damals in Zürich in einer Managementposition. Ein Job, der viele Präsentationen beinhaltete. „Da war das Gefühl: Ich kann nicht mehr über meine Außenwirkung bestimmen, alle gucken mir auf den Bauch. Den betont normale Umstandskleidung extrem, oder man sieht aus wie ein Zelt. Ich fand es frustrierend, dass ich bei aller Veränderung auch noch meinen Stil ändern sollte.“

Mode für Schwangere: oft überteuert und niedlich

Wer schon einmal auf der Suche nach Umstandskleidung war, kann das nachempfinden. Das Angebot besteht vor allem aus Babydoll-Tops, Stretchhosen und Schlauchkleidern, betont elastisch oder ausgesprochen unförmig. Es gibt Ausnahmen wie das britische Label Isabella Oliver oder Hatch Collection aus New York, doch auch da ist vieles rüschig. Und die Teile kosten schnell so viel wie ein Mittelklasse-Kinderwagen.

Eine runde Sache: Abformungen der Schwangerschaftsbäuche von Freundinnen und ihr selbst helfen Waschkowski beim Musterteile-Test an der Kleiderpuppe. 
Foto: Nove

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Was, wenn es stattdessen Kleidung gäbe, die so variabel ist, dass man sie auch nach der Schwangerschaft weiter tragen möchte? Eine Bekannte, der Waschkowski von ihren Überlegungen erzählte, stimmte zu: Kleidung mit Spielraum – das wäre doch auch an Weihnachten nützlich. „Das war als Witz gemeint, aber es ist ja wirklich so, dass sich die Figur einer Frau durch eine neue Lebenssituation, eine Trennung oder das Alter verändern kann“, sagt sie. Sie spricht bei Nove daher nie von Umstandsmode – „das Wort schreckt jeden ab, der sich nicht gerade in dem Zustand befindet“. Sie wollte es allen Frauen ermöglichen, sich gut aufgehoben zu fühlen.

Die Umsetzung trägt sie beim Interview selbst: weißes Hemd aus Baumwolle mit Wickelfront über einem cremefarbenen Rollkrageneinsatz, dazu schwarze Wollhose. Das wirkt apart, elegant, unkompliziert. Was man nicht sieht, sind beispielsweise der elastische Einsatz am hinteren Hosenbund oder die Druckknöpfe, um die Bluse leicht zum Stillen zu öffnen.

Die erste Nove-Kollektion beschränkt sich auf elf Teile, jedes davon mit Spielraum geschnitten, drapiert und gebunden, dazu seidene Scrunchies und zarte, vergoldete Silberringe. Es ist nicht überraschend, wenn Waschkowski als ihre Leitfiguren Jil Sander und Phoebe Philo nennt – zwei Designerinnen, die zu Favoriten der unabhängigen, arbeitenden Frau wurden. Denn natürlich ist die Idee einer Garderobe, die es Frauen ermöglicht, im Alltag so unaufgeregt wie stilsicher aufzutreten, keine neue. Die hatte schon Donna Karan in den 1980er-Jahren mit ihrer capsule wardrobe aus wenigen, dabei wirklich edlen Teilen, die für alle Gelegenheiten rüsten sollte. Doch der Ansatz passt eben auch in die heutige Zeit, in der Überproduktion, verrücktes Trendkarussell und Wegwerf-Mentalität nicht mehr tragbar scheinen.

Nur Stoffe, die sich angenehmst tragen: Model Vera (zur Zeit der Aufnahmen tatsächlich schwanger) in der Baumwollbluse „Mata“ mit Wickelrock „Nene“ aus Schurwolle.
Foto: Nove

Seide aus Leipzig und Loden aus Bayern

Bezeichnenderweise war für Janina Waschkowski der erste Schritt – nachdem sie Nove mit ihrem neugeborenen zweiten Sohn in der Bauchtrage beim Notar registriert hatte –, ein Logo zu entwerfen. „Weil ich wusste: Ich baue eine ganze Marke auf, von der Kleidung eben ein Teil ist.“ Die Aufgeräumtheit, mit der sie über die Wichtigkeit einer Markenidentität spricht, zeigt sich auch in dem Entschluss, dass Nove nachhaltig sein soll. „Es war Fluch und Segen zugleich, dass ich nicht aus der Modebranche kam. Ich dachte: Ich gehe mal auf eine Messe, da gibt es dann Stände mit nachhaltigen Stoffen. Doch viele Hersteller sind zu klein für Messen oder haben keine Zertifikate, weil das Geld für die Prüfung fehlt.“

Mühsame Eigenrecherche führte sie schließlich zu einem Lieferanten für Peace-Seide aus Leipzig und zu einer Wollmanufaktur in Bayern, die ihre Loden sonst nur an Trachtenhersteller liefert. Für die Herstellung der Strickteile konnte sie eine Berliner Seniorin gewinnen, die Färberei ist in Italien, genäht wird in Bulgarien. „Ich möchte so nah und so nachhaltig wie möglich produzieren, aber ich muss mich immer wieder entscheiden. Für die Prototypen einer Bluse habe ich konventionelle Baumwolle verwendet, die sonst geschreddert worden wäre. Für die Kollektion selbst nehme ich Bio-Baumwolle.“ Die Qualität der Stoffe zeigt sich im Preis: Die Wollhose kostet 290 Euro, der Blazer 560 Euro, der schwarze Lodenmantel 1200 Euro. Viel Geld für eine noch unbekannte Marke, doch Waschkowski glaubt an Wertigkeit. „Meine Zielgruppe sind weniger die  Impulskäuferinnen, sondern Frauen, die sich bewusst entscheiden, für einen Mantel auch mal zu sparen. Die Entscheidung für Nove dauert vielleicht, dafür wird sie aktiv getroffen.“

Zur Nove-Kollektion gehört auch das elegante Allroundkleid „Mae“ aus Seide-Wolle-Mix. Wie zufällig ist es an der Schulter zu öffnen  – und damit ideal für stillende Jungmütter.  
Foto: Nove

Startkapital? 10.000 Euro Umsatzvorschuss aus dem Netz 

Ruft jemand mit einem Sonderwunsch an, hebt sie selbst ab. So wie sie auch sonst vieles übernimmt. Waschkowski arbeitet am Design, macht Presse, betreut Sales, bespielt Instagram, überblickt die Finanzen, putzt das Atelier. Was amateurhaft klingt, sieht für ihre Neukunden verblüffend professionell aus. Von den Hangtags über die Pressebilder bis zum Onlinestore hat alles eine ästhetische Qualität, die einen erfahrenen Geldgeber im Hintergrund vermuten lässt. Doch auch das stemmt Waschkowski allein: Nove finanziert sich aus ihrem eigenem Ersparten, einer kleinen Anleihe aus der Familie und einem Crowdfunding, bei dem 10.000 Euro an Vorbestellungen zusammenkamen – „also Umsatz, nicht Gewinn“.

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Das macht die junge Labelgründerin zu einer Ausnahmeerscheinung in Berlins Start-up-Branche. „Wenn man ein Unternehmen aufbaut, muss man alle Bereiche zumindest ein bisschen verstanden haben, da man es sonst nicht gut steuern kann,“ findet Waschkowski. Sie habe mit Absicht keinen Investor gesucht, weil sie an anderen Labels sah, dass es nicht guttut, fremdbestimmt zu sein. „Klar denke ich oft: Es wäre sehr viel einfacher, wenn ich nicht über jeden Euro nachdenken müsste, den ich ausgebe. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit aber auch: Schaffe ich es aus eigener Kraft?“

Vorn genug Weite, um ein Neugeborenes am Körper zu halten: Der Schurwoll-Loden für den Mantel „Majka“ stammt aus einer bayerischen Manufaktur, die Trachtenfirmen beliefert.
Foto: Nove

Was Janina Waschkowski mit Nove bisher erreicht hat, scheint vielversprechend: Im Dezember hat sie den Young Talent Award der Modemesse Premium gewonnen und ist bei Influencerinnen wie Marie Nasemann beliebt, die Nove auf der Berliner Fashion Week in diesem Januar ausführte. Das Feedback auf der Messe war hervorragend. Fünf Jahre nachdem in Janina Waschkowski eine Idee reifte, soll sie nun behutsam weiterwachsen. Für den Sommer wird es die frische weiße Wickelbluse auch als Kleid geben, die Wollhose aus Leinen. Und längst schon denkt sie über Swimwear nach. „Mein Traum ist, dass ich eine komplette Garderobe anbieten kann, die Frauen durchs ganze Leben begleitet.“