Berlin - Eine wogende Flut brauner Korkenzieherlocken, engelsgleich und gut in Form gebracht – der Mann setzt Akzente beim Bundesligisten Hertha, wo ansonsten der so adrette wie dröge Undercut das kickerische Erscheinungsbild dominiert: Mattéo Guendouzi mit seinen schulterlangen Prachtlocken, die bei jedem Schuss bis in die Spitzen vibrieren, zeigt den anderen Bolzplatz-Boys, dass sie noch einiges zu tun haben. 

Nicht nur, was ihr Spiel anbelangt. Denn dank Corona hat sich der Stellenwert der Frisur eindeutig gesteigert, schließlich betrachten wir in Teams- und Zoomsitzungen nur eines: Gesichter und die dazugehörigen Frisuren. Und was sehen wir da neuerdings? Locken, Natur und sogar als Ergebnis die längst vergessen geglaubte Dauerwelle. Und das ausgerechnet bei den Männern. Die Pudellöckchen auf dem Oberkopf sind der Frisurentrend fürs zweite Corona-Jahr. Wer indes nicht über ein natürliches Lockenhaupt verfügt wie die Mittelfeldrakete Guendouzi, der legt selbst Hand ans Haupthaar oder lässt legen.

Foto: Imago Images /Prime Media Images/David Horn
Ein Traum für Lockenanbeter: Fußballstar Mattéo Guendouzi mit wilder Haarpracht auf dem Spielfeld.

So wie unsere charmante und selbst im Angesicht aller Krisen stets bombig gelaunte Stilikone Lukas Podolski, Profifußballer im sportlichen Abklingbecken, zurzeit beim türkischen Süper-Ligisten Antalyaspor unter Vertrag. Bei Instagram zeigt er sich neuerdings mit gelocktem Haupthaar, wo bis vor kurzem noch glatt Gestriegeltes das Bild dominierte.

Auf den ersten Blick sieht das gewöhnungsbedürftig aus, aber das taten Skinny-Jeans zur nackten Knöchelpartie auch, bevor sie den Mainstream eroberten. Wie Podolski in Corona-Zeiten an einen Friseur gekommen ist, soll hier bitteschön kein Thema sein. Selbst eingedreht wird er sich die Wickler eher nicht haben. Damit offenbart sich auch schon das Problem der Renaissance der Herrenwelle: Die Locken müssen regelmäßig chemisch onduliert werden und die rasierten Partien dürfen nicht älter als zwei Wochen sein, sonst geht die Frisur komplett den Bach runter.

Foto: Anadolu Agency
Lukas Podolski trägt aktuell eine Dauerwelle mit Undercut.

Künstlich gelocktes Haar muss man sich also leisten können, da stehen polnisch-stämmige Fußballer in einer Reihe mit französischen Königen. Denn die Locke ist eine Haartracht, für die man vor allen Dingen zweierlei braucht: Zeit. Und Geld. Beides war am französischen Hof meist vorhanden, und so beschäftigten Ludwig XIII. und sein Nachfolger Perückenmacher, die die Kahlheit der beiden Herrscher mit opulent getürmtem Kunsthaar zu kaschieren wussten – the higher the hair, the closer to god!

Ludwig XIV. soll, klein im Wuchs aber groß in der Pracht, nicht weniger als 48 Perückenmacher im „Haarstudio Sonnenkönig“ beschäftigt haben. Erst mit der französischen Revolution und der Industrialisierung verlor sich der Lockenstab als Style-Mittel für den Mann.

Bild: Imago Images/Design Pics/Ken Welsh
Ludwig XIV. war ein Fan der Locke. Wegen Kahlheit auf dem Kopf half er mit XXL-Perücke nach.

Im 20. Jahrhundert dominierte viele Jahrzehnte bei Männern das glatte kurze Haar, da einfach praktischer und wohl eher dem in der westlichen Welt protestantischen Arbeitsethos entsprechend. Ein schnörkelloser, maskuliner Look verdrängte alles Spielerische. So kräuselte sich das Herrenhaar in eine halbseidene Richtung. Männer und Locken, das war die Welt von Fußballern wie Rudi Völler, Paul Breitner und Dirk Hupe – Spieler, von denen außer ihrem Talent vor allem eines im Gedächtnis blieb: der Horror namens Minipli, einer besonders schrecklichen Version des hardcore gewellten Haupthaars, nah an der Struktur der private parts und so sehr aus der Mode gekommen wie Auslegeware in Berliner Wohnzimmern.

Männer und Locken, da dachte man an den faulen Glückspilz Gustav Gans, an Halbweltgrößen wie den Hamburger Nachtlebenkönig Kalle Schwensen oder den mittlerweile verstorbenen Musikproduzenten Phil Spector.

Foto: Imago Images/Runway Manhattan
Zarte Welle: Timothée Chalamet 2019 in Venedig.

Musik und Locken, das passt auch hierzulande und so quälte uns Thomas Anders als lockig getuffte Hälfe des Duos des Grauens, Modern Talking, stilistisch diametral zum blondierten Dieter Bohlen. Anders schepperte sich durch die Terror-Hits der Band, die Nora-Kette immer fest um den Hals, nur ab und an verdeckt von einer Kaskade brauner Haarwellen, die jeden Kiekser des Sängers stilistisch passend umrahmten.

Solche Wellen-Exzesse sind uns dieser Tage bislang erspart geblieben. Die „Locke 2021“, die Anti-Krisen-Frisur, wird getragen wie bei Lukas Podolski: scharf anrasiert und lässig gekringelt. Aber wer weiß, wenn der Lockdown noch länger dauert, kommt vielleicht auch die Langhaarvariante à la Mattéo Guendouzi zurück. Wachsen lassen kann man jetzt ja in aller Ruhe. Ein Friseurbesuch ist ohnehin nicht drin.