Schlafen hilft natürlich auch.
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BerlinShaughnessy Bishop-Stall kann sich noch sehr gut an seinen ersten Kater erinnern. Mit 15 Jahren ist er mit Freunden ans Meer gefahren und hat literweise Labatt-Blue-Bier weggebechert. Es gab eigentlich keinen Grund zum Feiern, ganz im Gegenteil, er wollte vielmehr seinen Kummer in Alkohol ertränken. Seine Freundin hatte an dem Tag Schluss mit ihm gemacht und angekündigt, dass sie nach Frankreich ziehen würde. Als er nach dem Trinken nach Hause kam und seine Mutter ihm die Tür öffnete, musste er sich auf der Veranda übergeben. Der Tag danach war schlimm – seiner Mutter schaute er nicht mal in die Augen.

Zu dem Zeitpunkt konnte der junge Kanadier nicht wissen, dass er eines Tages ein Kater-Experte sein würde. Dass er sogar ein Buch über dieses gesellschaftliche Leidensthema schreiben würde: „Verkatert: Der Morgen danach“, heißt es. Es ist eine Sache, sich heftig zu betrinken und die Kopfschmerzen plus Übelkeit in Kauf zu nehmen. Es ist eine völlig andere Sache, sich wissenschaftlich und mit großer Freude und Absicht an die Sache heranzutasten, um herauszufinden, warum es noch kein Heilmittel gegen den Kater gibt.

Jede Menge „Kater-Kuren“ wurden getestet

Für sein Buch bringt sich Shaughnessy Bishop-Stall in die verrücktesten Situationen, um endlich ein effektives Heilmittel zu finden. Er nimmt am „Polar Bear Plunge“ teil, bei dem sich tollkühne Schwimmer in sehr, sehr kaltes Wasser stürzen. Er steigt in einem Kampfjet über der Wüste von Las Vegas auf. Und er springt – natürlich mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen – aus 260 Metern Höhe vom Dach eines Hotels. Klarerweise testet er auch etwas weniger extravagante Methoden wie Olivenöl, Rollmops oder Konterbier. All das, wirklich alles, im verkaterten Zustand.

Um mit Bishop-Stall über dieses Buch und vor allem über sein abenteuerreiches Leben zu sprechen, kann man den Autor zurzeit nur per Skype erreichen. Er ist mal wieder „on the road“, wie er sagt, aber diesmal ist es eine Reise gemeinsam mit seinem 9-jährigen Sohn.

Wird er da inzwischen auch von wildfremden Leuten auf das Buch angesprochen? „Ja, das kommt ständig vor. Für sie bin ich eben ein Experte. Womit sie durchaus recht haben, schließlich habe ich zehn Jahre an diesem Buch gearbeitet, und wenn ich mich da nicht gut auskennen würde, dann hätten wir ein Problem. Trotzdem sind solche Begegnungen etwas befremdlich für mich. Denn als Journalist bin normalerweise ich der Typ, der die Fragen stellt. Jetzt werde ich ständig von Menschen gefragt, ob ich ihnen nicht weiterhelfen kann.“

Neben B-Vitaminen und Magnesium zählt auch die Mariendistel zu Bishop-Stalls persönlicher Kater-Abwehrartillerie. Die Stachelpflanze gilt seit dem Mittelalter als leberstärkend.   
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Reichlich Alkohol im Spiel

Wie das Buch überhaupt zustande kam, verdient ein Buch für sich. Auch hier war reichlich Alkohol im Spiel, wie könnte es anders sein.

Nach der Veröffentlichung seines letzten Buches war Bishop-Stall auf einer Party. Dort traf er eine alte Freundin, die seit kurzem arbeitslos war, und gemeinsam überlegten sie, was die Freundin als nächstes tun könnte. Bishop-Stall schlug ihr vor, sogenannte „Hangover-Kits“ an Studenten zu verkaufen, also kleine Täschchen mit Wasser und Aspirin, weil man die an der Uni immer gut gebrauchen könne.

„Nach ein paar Tagen bekomme ich einen Anruf von einem PR-Typen", erzählt Bishop-Stall. "Er fragt mich, ob ich zur Party seines Verlages kommen möchte. Ich weiß, dass es Wein und Käse geben wird, also gehe ich hin. Es stellt sich heraus, dass dieser Mann unser Gespräch über das Hangover-Kit belauscht hatte, und mir vorschlagen will, doch ein Buch zum Thema Kater zu schreiben. Klarerweise sagte ich zuerst Nein, weil das eine vollkommen dumme Idee ist. Ein ganzes Buch über den Brummschädel am Morgen danach zu schreiben, was soll das? Aber je mehr wir an diesem Abend tranken, desto besser wurde die Idee in meinem Kopf. Wie das eben so ist. Und nach zwei Tagen hatte ich einen Buchvertrag.“

Für ein derart verbreitetes Problem ist es erstaunlich, dass es noch keine grundlegende medizinische Lösung für den Kater gibt. Das war einer der Hauptgründe, warum Bishop-Stall dieses Buch dann doch noch schreiben wollte. „Es scheint fast, als ob wir uns mit Absicht nicht damit befassen möchten. Wir glauben fest daran, als Menschen jedes Problem irgendwann lösen zu können. Außer den Kater. Bei dem Thema wird plötzlich alles extra kompliziert. So, als hätten wir uns damit abgefunden, als würde dabei ein fixes Programm ablaufen. Dabei sollte es nicht so sein, es ist ein fundamentales Problem, das viele betrifft. Ein Heilmittel gegen den Kater sollte nicht zum Heiligen Gral der Selbstversorgung werden.“

Das nicht ganz einfache Kater-Heilmittel

In seinem Buch hat Bishop-Stall jenen „Heiligen Gral“ offenbar gefunden – zumindest für sich persönlich. Es ist eine Formel, die er nach jahrelanger Recherche selbst ausgeknobelt hat. Sie hilft ihm regelmäßig, und viele seiner Freunde profitieren auch davon. Bislang hat sich noch niemand bei ihm gemeldet und sich darüber beschwert, dass es nicht funktionieren würde.

Im Grunde handelt es sich um eine Mischung aus Vitaminen und Kräutern, die man als Tabletten nach dem Trinken und vor dem Schlafengehen einnimmt. Genauer gesagt: die Vitamine B1, B6 und B12, Mariendistel, N-Acetylcystein, Magnesium und Weihrauch. Gelegentlich experimentiert der Autor auch mit Cannabidiol (CBD). Und siehe da: Egal, wie viel er trinkt, er wacht unversehrt auf. Das einzige Problem dabei ist, dass Bishop-Stall manchmal viel zu dicht ist, um an die Tabletten zu denken. „Dieser Part kann etwas knifflig sein. Wenn man viel trinkt, kommt es gelegentlich vor, dass man zu betrunken ist und das Wesentliche vergisst.“

Magnesium-Tabletten. Am besten, man platziert sie schon vor dem Ausgehen mit einer Wasserflasche neben dem Bett.
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Nach der zu Anfang erwähnten Herzschmerz-Eskapade gab es einige weitere Momente, in denen Bishop-Stalls Alkoholkonsum ausartete und ihm Probleme machte. Wie fast jeder Jugendliche hatte auch er eine rebellische Phase, in der er ständig feierte. Doch weil ihm das Trinken nie verboten wurde, normalisierte sich das Ganze ziemlich schnell. Seine Eltern, sie eine katholische Irin, er ein polnischer Jude, waren beide trinkfeste Journalisten, und das prägte ihn gewissermaßen in der Kindheit. Wenn er heute zurückdenkt, dann waren Familienessen immer die schönsten Erlebnisse für ihn. „Es gab jedesmal sehr viel Wein. Und das habe ich viel mehr genossen, als mit meinen Freunden saufen zu gehen. Diese Abendessen zuhause haben mich möglicherweise vor Schlimmerem bewahrt.“

Als Kanadier ohne Papiere in Berlin

Nun ist Bishop-Stall begeistert, dass sein Buch auf Deutsch übersetzt wurde. Mit Deutschland verbinden er nämlich besonders feucht-fröhliche Erinnerungen. „Als ich 2014 auf dem Oktoberfest war, das bleibt unvergesslich. Ich war in einem dieser großen Bierzelte mit meiner Maß und Federhut, als plötzlich Arnold Schwarzenegger auftauchte. Irgendwie war ich nicht sicher, ob ich das nur träumte oder ob es wirklich einer der vielen bizarren Momente in meinem Leben war. Aber es gibt sogar einen Fotobeweis! Arnold Schwarzenegger steht zehn Meter entfernt von mir und dirigiert. Die Musiker hören alle auf ihn. Und er verschüttet überall Bier. Überall im Bierzelt. Das war mein Oktoberfest-Highlight.“

Bishop-Stalls Buch ist voll mit solchen Momenten. Als Journalist macht er regelrecht Jagd auf sie. Sonst wäre „Verkatert“ – mangels eines besseren Ausdrucks – auch eine recht trockene Angelegenheit geblieben. Und um sich während dieses Zeitraums von knapp zehn Jahren über Wasser zu halten, nahm er ständig Aufträge an, die er gut mit seinem Buchprojekt verbinden konnte. Als Reisejournalist für verschiedene Zeitschriften gelang ihm das auch bestens. Musste er mal eine Rezension über ein neues Hotel schreiben, dann konnte er einfach das lokale Kater-Heilmittel in der jeweiligen Stadt ausprobieren, nachdem er sich aus der Mini-Bar bedient hatte. Sollte er über Erlebnisse schreiben, bei denen er sich ohnehin betrinken musste, beispielsweise eine Weintour oder ein Whiskey-Tasting, dann war es ohnehin eine Win-win-Situation für ihn.

So geschehen auf dem „Bar Convent“ in Berlin, einer Barkeeper-Messe. „Es ist wie Disneyland für Alkoholiker. Alle Getränke sind gratis. Die besten Barkeeper kommen nach Berlin und mixen dir jedes Getränk zusammen, jede Mischung, nach der du fragst. Ich hatte eine wahnsinnig gute Zeit, obwohl ich meinen Pass und meinen Geldbeutel verloren hatte und eine Woche lang auf der Straße leben musste. Aber es war Berlin, deshalb machte es mir nichts aus. Was für eine großartige Stadt!“

Man glaubt ihm das gerne. Jeder normale Mensch wäre in so einer Situation in Panik ausgebrochen, Bishop-Stall ist anders drauf: Er ist der Kanadier ohne Papiere in Berlin. Mit Drink in der Hand. Und der Gewissheit, am nächsten Tag kein Schädelbrummen zu haben.

Der Autor, absolut nüchtern. Foto: Imago/Zuma Press
Shaughnessy Bishop-Stall: Verkatert.

Übersetzung von Stephan Kleinert. 416 Seiten, Verlag DuMont, 2019. Hardcover 22 Euro