Ob Tasche (hier von Hermès und Marni), Kleid oder Armbanduhr: Ab einem Preis von 500 Euro bei Vestiaire Collective jedes Teil von Inhouse-Experten auf Echtheit geprüft. 
Foto: Vestiaire Collective

ParisGute Nachrichten aus der Modebranche sind derzeit eher selten. Maximilian Bittner, CEO von Vestiaire Collective, kann sich jedoch nicht beklagen. Während des Lockdowns gab das Unternehmen den Abschluss einer Finanzierungsrunde von 59 Millionen bekannt, nun steht die Expansion in Asien und den USA auf der To-Do-Liste. „Wir wachsen jetzt sogar noch schneller als vor der Krise,“ erklärt mir der sympathisch-bärtige Bittner bei einem Interview via Google Meet. „Anfang Mai hatten wir jeden Tag Rekordzahlen.“

Die französische Online-Plattform für Luxus-Secondhandmode gehört damit zu den wenigen Gewinnern der Corona-Krise. Und wenn man kurz darüber nachdenkt, liegt der Grund dafür eigentlich auf der Hand: Das Konzept basiert auf E-Commerce und Nachhaltigkeit. Zwei Phänomene, die gerade in Zeiten wie diesen der Schlüssel zum Erfolg sind. Und letztlich kam wohl auch die Ausgangssperre der Firma zugute: In ganz Europa saßen viele Menschen auf einmal zu Hause und hatten jede Menge Zeit, ihre Kleiderschränke auszumisten. Wer als Freiberufler Geldeinbußen durch Auftragsverluste hatte oder als Angestellter in Kurzarbeit war, konnte sich so ein bisschen Taschengeld dazu verdienen.

„Im Endeffekt ist unser Modell eine Monetisierung des Kleiderschranks,“ sagt Bittner, der 2012 den Onlinehandel Lazada gründete, bevor er zu Vestiaire Collective ging. Genau deshalb habe er sich von Anfang dafür eingesetzt, dass die Plattform auch während des Lockdowns operationsfähig blieb. „Es gab ja die ganze Diskussion darüber, was essenziell ist und was nicht. Ich behaupte natürlich nicht, dass es unbedingt notwendig ist, sich eine neue Secondhand-Gucci-Tasche zu kaufen. Aber es kann durchaus essenziell für jemanden sein, dass er oder sie etwas verkaufen kann.“

Shoppt und verkauft auch selber bei Vestiaire Collective: Maximilian Bittner, 40, der aus Deutschland stammende CEO der Plattform.
Foto: Vestiaire Collective

So sei es zu erklären, dass der Umsatz trotz Krise weiter gestiegen sei. Über genaue Zahlen kommuniziert das Unternehmen nicht, doch laut Bittner wurden im Mai 44 Prozent mehr Produkte auf der Seite hochgeladen als noch im Februar. „Gerade in Berlin liegt das Orderwachstum sogar bei 150 Prozent.“ Zu den Top-Sellern gehören nach wie vor Gucci, Balenciaga, Dior oder Louis Vuitton – Marken, die bereits seit der Gründung der Plattform im Jahr 2009 hoch im Wiederverkaufs-Kurs stehen.

Damals hatten die beiden Französinnen Sophie Hersan und Fanny Moizant zusammen mit vier anderen Freunden die geniale Idee, übervolle Schränke und ungetragene Kleidungsstücke zum Geschäftsmodell zu machen. Es ist die klassische Win-Win-Situation: Als Verkäufer kann man sich von Staubfängern trennen und verdient damit auch noch Geld; als Käufer kriegt man fast neue Luxusartikel zu Schnäppchenpreisen; und die Plattform bekommt für jedes verkaufte Teil eine Beteiligung.

Seit seiner Gründung ist Vestiaire Collective zu einer echten Referenz geworden für alle, die nach Luxusartikeln aus zweiter Hand suchen, ob das nun eine spezielle Céline-Hose aus der Zeit von Phoebe Philo ist, eine alte Rolex oder eine aktuelle Saddle Bag von Dior. „Bei uns gibt es Sachen, die es nirgendwo anders mehr gibt,“ sagt Bittner. „Das ist nicht nur eine Marketing-Story. Wir sehen es ja regelmäßig, dass sogar die großen Marken für ihre eigenen Archive bei uns einkaufen.“

Abgesehen von der starken Community, die über neun Millionen Mitglieder zählt, den rund 6000 Marken im Sortiment und dem riesigen ständigen Angebot von über 1,8 Millionen Produkten unterscheidet sich Vestiaire von der Konkurrenz vor allem durch exzellenten Kundenservice. Bis vor kurzem wurden alle Waren einer genauen Kontrolle unterzogen und auf ihre Authentizität geprüft, bevor sie an die Käufer weitergingen. Gerade für sehr teure Artikel ist das wichtig, weil es den Kunden Sicherheit gibt. Für Produkte unter 500 Euro hat Bittner diese Regelung nun allerdings etwas gelockert. „Es ist erstens teuer und auch nicht besonders nachhaltig, alles zweimal zu verschicken,“ erklärt er diesen Schritt hin zu mehr Effizienz.

Von High Fashion bis Hoodie: Die Secondhand-Plattform bietet das gesamte modische Spektrum.   
Foto: Vestiaire Collective

Nachhaltigkeit ist für den 40-jährigen Deutschen ein zentrales Thema. „Uns ist es wichtig, den Leuten beizubringen, dass es besser ist, langfristig haltbare Produkte zu kaufen, die ihren Wert nicht verlieren.“ Dass es auf seiner Seite auch Pelz und Krokoleder zu kaufen gibt, findet er in diesem Zusammenhang eher zweitrangig. „Mir ist es lieber, wenn Menschen Secondhand-Kroko kaufen, das schadet weniger als first-hand Fast Fashion“, wägt er ab. Das größte Problem seien für ihn ohnehin die CO2-Emissionen. Das Modell der zirkulären Mode, die weiter verkauft wird und somit keinen neuen Ressourcen verbraucht, sei in dieser Hinsicht die einzig wirksame Lösung.

Dass Bittner selbst aktives Mitglied bei Vestiaire Collective ist, versteht sich von selbst. Unter dem Namen @max kauft und verkauft er regelmäßig Kleidungsstücke. „Warum soll ich 1200 Euro für einen Loro Piana Pullover ausgeben, wenn ich ihn für 270 Euro bei Vestiaire Collective bekommen kann?“ fragt er in die Kamera und zeigt stolz auf seinen dunkelblauen Kaschmirpullover. Dazu trägt er unübersehbar einen Gucci-Gürtel, den er ebenfalls auf der Seite erstanden hat.

Am Ende ist es aber nicht nur der Preis, der diese Art von Shopping gerade so erfolgreich macht. Secondhand-Mode hat in den letzten Jahren tatsächlich ihr muffiges Image verloren. Vintage zu tragen, ist gesellschaftlich akzeptiert. Ja, es gehört inzwischen sogar zum guten Ton. 

„Ich war an Weihnachten in München und da haben mir Freundinnen meiner Mutter ganz stolz erzählt, dass sie jetzt auch ihre Hermès-Tücher verkaufen“, berichtet Bittner. „Oder sich Sachen kaufen, in die sie sich beim Scrollen verguckt haben. Das sind Leute, denen das vor drei, vier Jahren peinlich gewesen wäre. Da hat sich etwas dramatisch verändert, und es wird sich noch weiter ändern.“

Online-Shop zu finden unter: https://de.vestiairecollective.com/