Günter Höhne richtet ein Schmuckstück: handgeschliffenes Schüssel-in-Schüssel-Set „Rosales“ von Marlies Ameling.
Foto: BLZ / Sabine Gudath 

BerlinAlles begann mit einem Stuhl. Sitzfläche und Lehne bezogen mit grauem Kunststoff, die hölzerne Silhouette elegant geschwungen, so stand er inmitten einer ganze Herde weiterer grauer Stühle auf einem staubigen Tanzboden im Thüringischen. Bei einer Feier hatten wir sie zufällig entdeckt: vergessen und ausrangiert. Die Besitzer verkauften uns sechs Stück für wenig Geld. Der Rest sollte irgendwann entsorgt werden. In unserer Berliner Küche machen die Stühle, die in den 1950er oder 1960er Jahren in der DDR gefertigt wurden, eine späte Karriere – auch und gerade stilaffine Essensgäste zeigen sich entzückt davon. 

DDR-Design ist in Mode. Neugierige Besucher setzen sich fast ehrfürchtig auf unsere Fundstücke. Und gestehen dann, dass sie selbst schon einmal im Internet recherchiert haben, ob Omas Schränkchen oder die Mitropa-Kaffeekanne eigentlich schon als Klassiker gilt und auf Ebay für ein nettes Sümmchen zu verkaufen wäre.

Mitdreißiger oder Menschen in ihren Vierzigern, die heiß auf Ostware sind? Keine Seltenheit, sagt Günter Höhne, der mehrmals im Monat Anfragen von Interessierten bekommt.

Der 77-Jährige ist eine Instanz in Sachen DDR-Design. In den 1980ern war er Chefredakteur der Zeitschrift Form+Zweck, die das Amt für Industrielle Formgestaltung herausgab. Jetzt pflegt der Autor mehrerer Standardwerke zu DDR-Design akribisch die Webseite „Industrieform-DDR“ , das womöglich umfassendste Archiv zum Thema. Neben mehr als 1000 kommentierten Fotos durch alle Disziplinen der industriellen Gestaltungs-, Verpackungs- und Gebrauchsgrafikkultur versammelt Höhne hier seine Expertise zum Thema.

Die Menschen, die Höhne schreiben, tun dies immer mit der Hoffnung, sie hätten eine seltene Entdeckung gemacht, ein Unikat vor der Schrottpresse gerettet. Ein junger Mann, so erzählt Höhne, hätte erst kürzlich eine Variante des bekannten Huhn-Eierbechers aus dem VEB Presswerk Wolkenstein entdeckt. Einen Hahn statt einer Henne hatte er identifiziert; war dies etwa ein seltener Prototyp, ein Werksmuster? Höhne musste den Sammler enttäuschen: Der Hahn stammte aus bulgarischer Produktion. Im Rahmen des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe war festgelegt worden, wer in den sozialistischen Ländern was produziert. „Bulgarien übernahm die Hühnereierbecher, und irgendwer dort hat sich den Hahn ausgedacht“, sagt Höhne.

Poppige Plaste: Der Eierbecher aus dem VEB Wolkenstein ist ein DDR-Designklassiker. 
Foto: BLZ / Sabine Gudath 

Besucht man Günter Höhne und seine Frau Claudia in ihrer Pankower Wohnung, kann man gewiss sein, dass die beiden wieder einen Treffer auf einem Flohmarkt zu vermelden haben. Diesmal ist es ein Staubsauger der Marke Omega aus dem VEB Elektrowärme Altenburg – originalverpackt, unbenutzt, aus den 1970er Jahren –, den Günter Höhne zeigt. Er könnte stundenlang über seine Funde erzählen. Über die Menschen dahinter und über die Zeit, in der sie entwickelt wurden. „Mit Schönheit gestaltet“, schwärmt er. Selbst ein schnöder Staubsauger sei ein Kulturbotschafter. Besonders, wenn er so elegant und leicht zu handhaben sei.

Bei Günter Höhne gibt es allerhand DDR-Design zu bestaunen. Sein neuester Fund ist dieser Omega-Staubsauger.
Foto: BLZ / Sabine Gudath

Vorsichtig hebt Höhne nun mit weißen Handschuhen ein Set aus fünf Glasschüsseln, das den Namen „Rosales“ trägt, aus der Vitrine. Die Gestalterin selbst, Marlies Ameling, eine Absolventin der  Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle, schenkte es ihm, eine Rarität. „Die Burg“ war bis 1989 eine wichtige Ausbildungsstätte für Designer und Künstler in der DDR, ausschlaggebend für das solide Fundament des Kunsthandwerks in der DDR.  Ameling galt in den 1980er Jahren als führende Glas-Designerin der DDR. (Wer, bitte, kennt heute den Namen irgendeines Glasdesigners? Seltsam, dass die Dinge, die uns täglich umgeben, oft von Unbekannten sind.) 

Das Vermüllen der gegenständlichen Umwelt 

„Wir leben in einer Zeit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne“, sagt Günter Höhne, während er die Schüsseln sorgsam ausrichtet. Dieser Flut von „Mist aus China, dem regelrechten Vermüllen der gegenständlichen Umwelt“, dem hat er etwas entgegenzusetzen. „Unsere Klassiker waren bescheiden und zur Nutzung freigegeben“, sagt er. „Gestaltet für den Volksbedarf.“ DDR-Design, das offiziell industrielle Formgestaltung genannt wurde, war geprägt von Funktionalität und formaler Reduktion. Nicht zuletzt durch die Rohstoffknappheit und Planwirtschaft waren Langlebigkeit und zeitlose Schönheit eine Grundforderung an die Gestalter.

Parallelen zum ebenfalls pragmatischen skandinavischen Design aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das derzeit ebenso gefragt ist, sind offensichtlich. Der finnische Designer  Tapio Wirkkala, der mit seinen Entwürfen für die Glasfabrik Iittala bekannt wurde, sagte schon in den Sechzigerjahren, dass  man die beste Design-Ausbildung der Welt auf Burg Giebichenstein bekomme. „Danish Design“ und DDR stehen heute bei Ebay oft nebeneinander. 

Günter Höhnes Interesse an der Form galt längst nicht immer dem, was in der DDR produziert wurde.  Seine Sammelleidenschaft begann mit  Stücken aus dem Jugendstil:„Das war für uns damals versunkene Welt, da haben wir Schätze gehoben und bewahrt. Wie die damals Naturmotive in Gebrauchsgegenstände integriert haben, das hat uns fasziniert.“ Die heute Interessierten schauen ebenfalls wieder vierzig bis fünfzig Jahre zurück und landen dann beim Design der 1950er bis 1970er Jahre. Vielleicht ist ein halbes Jahrhundert der zeitliche Abstand, den es braucht, um Klassiker herauszubilden.

Echtes Interesse, keine flache Ostalgie 

Die Menschen, die sich heute für funktionale Stühle aus 29 Lagen verleimten Furnierschichtholzes interessieren und für den sogenannten Menzel-Stuhl 1000 Euro hinblättern oder ähnliche Summen für ein Mid-Century-Sideboard von Franz Ehrlich bezahlen, haben die DDR zum Teil gar nicht mehr erlebt. Doch sie erkennen, dass die Stücke dauerhaft sind. „In Zeiten zunehmender Beliebigkeit und Marktschreierei hat man gern Dinge um sich, die Geschichten erzählen können“, sagt Günter Höhne. DDR-Design habe bestimmte Stilmerkmale und das Interesse echter Sammler daran habe mit Ostalgie nichts zu tun. Vielmehr mit dem Wert des Geschaffenen, den man nun erkennt und sich mit leisem Stolz in die Wohnung stellt. 

Jetzt, in Zeiten von Krisen und schwindenden Ressourcen, kommt die Renaissance für die deutsche Designepoche mit Bauhauswurzeln gerade recht. Man kann sich was abgucken vom Rationell-Kännchen und seinen geistigen Verwandten. Langlebigkeit, Reduktion, Effizienz und Schönheit sind Werte, die es heute wieder zu etwas bringen könnten. Bringen sollten. Aus Stroh Gold machen, nennt Höhne den Umgang mit begrenzten Mitteln, wie er in der DDR üblich war. Eine Fähigkeit mit Zukunftspotenzial. 

Braucht das DDR-Design ein Museum?

Neben  Anstößen für die Zukunft gilt es aber auch, die Essenzen des DDR-Designs zu bewahren und auszuerzählen. Museen müssten die Aufgabe übernehmen, Geschichten und Gestalter vor dem Vergessen zu bewahren. Bisher hätten gerade die Berliner Museen das Thema ziemlich verschlafen, doch das ändere sich zum Glück, sagt Höhne. Das Museum für Kunstgewerbe sei interessiert, wolle mehr DDR-Stücke zeigen. Spätes Interesse gebe es auch in Dresden.

Diesen Holzstuhl hat Höhne in seiner Sammlung und weiß (noch) nichts über seine Entstehung. 
Foto: BLZ / Sabine Gudath 

Aber immer nur Sonderausstellungen und Themenräume, nur ein größeres DDR-Design-Museum in Eisenhüttenstadt: Brauchen wir nicht endlich auch ein prominentes Museum zu dem Thema in Deutschland? „Bloß nicht!“, sagt Günter Höhne. Viel besser wäre doch ein Deutsches Designmuseum des 20. Jahrhunderts, wo zusammenkommen könnte, was zusammengehörte: die Produktkulturen von BRD und DDR.

Vom Werkbund über das Bauhaus, das Dritte Reich, die beiden Deutschlands danach, bis hoch zur Jahrtausendwende mit Globalisierung und digitaler Revolution. Für Höhne wäre das „ein abgeschlossenes Sammelgebiet“. Die Geschichte der deutschen Alltagskultur zwischen 1900 und 2000.