1,50 m Abstand, bitte!

Schreiben Sie nicht zu biedermeierlich, sagte die Kollegin und schaute flehentlich. Na schön, dann forsch voran. Was ist gut an diesen Wochen der ruinösen, lähmenden, frustrierenden Pandemie, die niemand gut findet? Meine kleine Wahrheit: Der neue Abstand ist es. Die 1,50-Meter-Schutzzone, die mich im Idealfall seit ein paar Monaten umgibt. Dieser Raum, der, wenn er gewährt wird, die Virenwanderung reduziert. Der Respekt andeutet, Fürsorge ausdrückt, Freiheit spendiert.

Ein Raum, der Begegnungen wahrhaftiger, ehrlicher machen kann. Kein fleischig-schwitziges Händeschütteln mehr mit Menschen, die man ohnehin nie kennenlernen wollte und nach wenigen Minuten vergessen hat. Stattdessen: ein freundliches Nicken, eine angedeutete Verbeugung vielleicht. Gut so, reicht doch. Keine verlogenen Bussi-Umarmungen mehr, begleitet von spitzen Schreien, die das Trommelfell an die Belastungsgrenze bringen. Keine verlegen-überlangen Small Talks, für deren Hohlheit man sich Stunden später noch schämt. Stattdessen: eine neue Sparsamkeit, eine neue Gelassenheit im Umgang.

An meinem Badspiegel hängt seit vielen Jahren ein kleiner Zeitungausschnitt, längst vergilbt, darauf sind ein paar Sätze des inzwischen verstorbenen Motörhead-Frontmanns Lemmy Kilmister zu lesen. Er wird nach einem Lebensprinzip gefragt, einer Grundregel, die er Freunden ans Herz lege. Der Musiker, ein Freund klarer Ansagen, antwortet: „Haltet euch fern von den Idioten.“ Und erläutert dann seine Acht-von-zehn-Regel: „Acht Idioten an einem guten Tag. Sonst: neun. An einem schlechten Tag triffst du zehn Leute und einer wie der andere ist ein kompletter Vollidiot.“ Sagen wir es so: Die Pandemieregeln erzwingen das Fernhalten; man darf das auch als Erleichterung empfinden. In Belgien ist in diesen Tagen und bis Mitte Dezember nur ein „Knuffelcontact“ pro Person erlaubt, Singles dürfen zwei haben. Der jeweilige „Knuffelcontact“ darf gedrückt und geherzt und zu Hause empfangen werden. Aber nur er oder sie. Eine Regel ganz in meinem Sinne. Bettina Cosack

Clevere Krähen beobachten 

Als notorischer Maskenträger in der Öffentlichkeit und also bekennender, überzeugter Maskenspießer stellt sich das allgemeine Pandemiegeschehen als Hindernislauf dar. Überall gilt es, die „sozialen Abstände“ zu wahren und auf die Hygiene-Etikette zu achten und dort, wo dies unmöglich ist, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Das ist einigermaßen anstrengend; vor allem dann, wenn beim Corona-Slalom auch noch ein siebenjähriges Kind nicht etwa nur im Schlepptau ist, sondern trotz des Ernstes der Lage, den ihm Eltern und Schule vermitteln, unbekümmert die Welt entdecken will.

In der Großstadt mit ihren vielen Menschen und noch mehr Verlockungen steht man da schnell als Spaßbremse da. Berlin bietet zum Glück eine luftige Alternative: Wir gehen in die Natur. Das fängt mit langen Spaziergängen in den etwas entlegeneren Parks an, geht weiter mit Zoobesuchen – der weitläufige Tierpark im Osten der Stadt bietet sich an – und hört nicht auf mit Fahrradtouren entlang der Panke, jenem schmalen Flüsschen, das nordöstlich Berlins auf dem Barnim in Bernau entspringt und in die Spree einmündet. Gerade hier bieten sich zahlreiche Möglichkeiten zum Spielen (Fußball und Frisbee sind immer dabei) und zur Naturbeobachtung. Ein klein-großes Abenteuer weitab der Menschenströme.

Interessant fürs Kind wird etwas ja auch, wenn die Eltern sich dafür interessieren. So lernen auch wir Pflanzen und Tiere kennen, die uns längst geläufig sein sollten. Wir haben schon schlaue Füchse schleichen sehen, die Regenwürmer aus dem Boden zogen oder sich über Obstreste auf dem Kompost hermachten. Kluge Krähen bei der Futtersuche, bei der sie mit einem dünnen Stöckchen im Schnabel eine löchrige Mauer nach Essbarem durchstöberten. Ameisen und immer wieder Ameisen, vor allem die angriffslustigen roten Waldameisen, die mit vorgestreckten Hinterleibern ihr „Wehrsekret“ verschießen. Einmal verfolgten wir einen Pillendreher auf dem langen, mühevollen Weg mit seiner Dungkugel durch den Wald. Bis es dunkel wurde. Überall krabbelt und sprießt es. Und das Virus ist weit weg. Christian Schlüter

Illustration: Stephanie F. Scholz
Kernfamilie als Auslaufmodell? Nicht, solange draußen ein Virus marodiert.

Von der Tochter fürs Leben lernen

Es sollte der Sommer ihres Lebens werden. „Es ist der einzige Sommer, in dem ich 16 bin“, sagt Magdalena an ihrem Geburtstag im Februar. Mit ihrer Party kommt sie gerade noch vor dem ersten Lockdown durchs Ziel. Dann der erste Wegschluss. Wochen später ein paar Lockerungen, als die Infektionszahlen wieder zurückgehen. Trotzdem gibt es bei jeder Verabredung eine Diskussion mit uns Eltern: Wo? Mit wem? Draußen, drinnen? Abstand halten!

Wir kamen bislang ganz gut und gesund durch die Corona-Zeit. Jetzt der zweite Beinahe-Lockdown. Das Zuhause-Herumsitzen sei nicht ganz so schlimm, sagt Magdalena. „Die anderen sind ja auch zu Hause, da hat man nicht das Gefühl, ständig eine Party zu verpassen.“ Und wenn man jemanden kennenlernt, entfällt die peinliche Situationen beim Begrüßen. Hand geben? Umarmen? Küsschen? Gibt’s nicht.

Man hat auch immer eine Ausrede. Keine Lust auf ein Treffen? Geht halt nicht wegen Corona, sorry. Und die Geschäfte sind leerer als sonst. Ist nicht alles schlecht in diesen Tagen. Jugendlicher Pragmatismus. Abends, wenn wir Eltern nach Hause kommen, ist der Gesprächsstau relativ groß. Die große Schwester ist im Sommer ausgezogen, die einsamen Stunden am Nachmittag ziehen sich. Die einzige Unterhaltung ist oft nur Vokabeln zu lernen, sagt sie. Manchmal kann sie abends gar nicht aufhören zu reden. Es ist wunderbar, das ganze Schulprogramm steht zur Debatte. Renaissance. Hexenverbrennung. Aufklärung, Kurvendiskussion (warum kann sie sowas?). Edgar Allan Poe.

Biden oder Trump? Was ist eigentlich schlecht, was ist gut? „Papa, du bist doch Katholik. Was hältst du vom Ablasshandel?“ Gibt es doch gar nicht mehr. Doch. Nein. Doch. Sie holt ihren Geschichtsordner, zeigt einen (ordentlich eingehefteten!) Artikel. Irgendwas mit Papst Franziskus, Jugendtreffen, Ablass per Twitter. Kein Witz. Ich durchleide argumentative Grenzerfahrungen. Neulich, als das Fernsehen mal wieder langweilig war, schlug sie vor, die Sherlock-Serie mit Benedict Cumberbatch zu schauen – im Original, ohne Untertitel. Soll sie ohnehin für den Englischunterricht machen, sagte sie. Und dann saß die Familie gemeinsam auf dem Sofa und machte Englisch-Hausaufgaben mit Holmes, Dr. Watson und Mycroft. Cool. Tobias Miller

Gemeinsamkeit zelebrieren

Neulich war er plötzlich da, dieser magische Moment. Ich saß in eine Decke gehüllt auf der Terrasse und genoss die Sonne an einem doch eher kühlen Tag. Eine Tasse Kaffee in der Hand, den Blick in die bunte Laubwelt im Garten gerichtet, schoss mir dieser Gedanke durch den Kopf: „Was für ein tolles Familienjahr.“ Umgehend hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich dachte mir, die Pandemie hat so viele schlimme Folgen für alle: die sich anstecken, die Angehörige verlieren, ihre Jobs, Geld, die körperliche Fitness. Das ist doch bedrückend. Auch für meine Teenagerkinder, die nicht oder nur sehr eingeschränkt tun können, was alle Menschen in ihrer Jugend machen: über die Stränge schlagen, neue Welten entdecken, sich abnabeln.

Und doch, für mich als Mutter ist dieses Jahr auch ein Gewinn. Es ist dieses Kleine, Feine, Heimelige – ein Zusammenrücken. Oft habe ich in diesem Jahr von meinen Kindern Sätze gehört, die so anfangen: „Wollen wir heute Abend mal …“ oder so: „Am Wochenende habe ich nichts vor, wir könnten doch …“. Uns zusammen in der Küche einschließen zum Beispiel, und endlich mal dieses komplizierte französische Menü nachkochen aus dem kleinen Lokal an der Atlantikküste vor zwei Jahren. Eine große Torte zaubern. Zusammen die Wände im Badezimmer streichen in einer verrückten Farbe. Wir haben all das getan.

Wir haben auch wieder öfter zusammen Netflix-Serien angesehen, über Beziehungen gequatscht, die Politik und die Welt analysiert, darüber nachgedacht, wie sie war und wie sie sein sollte. Wir sind gereist an die Nordsee, nach Prag, nach Schweden. Wir waren paddeln mit Kanu und Zelt. Wir vier, Vater, Mutter und zwei Kinder, die eigentlich schon fast erwachsen sind. Corona hat mich in der Zeit zurückgeworfen, in ein Familienjahr mit einer Vielzahl an gemeinsamen Erlebnissen. Aber im Unterschied zu früher sind die Kinder nicht mehr klein und anstrengend. Sie sind auf Augenhöhe.

Und das Beste daran: Ich habe den Eindruck, es ist ihnen genauso gegangen wie mir. Natürlich haben sie auf viel verzichtet, vor allem die Ältere, aufs Knutschen mit Fremden, auf die lang geplante Interrailtour, aufs Tanzen im Club. Aber sie weiß, das kann sie immer noch tun. Dieses Jahr ist das letzte, bevor sie ausziehen wird. Es ist kostbar. Julia Haak