Berlin/Paris - Eine fast einjährige Reise mit dem VW-Bus wurde für die Schmuckdesignerin Helge Hauptmann zum Aha-Erlebnis. Zehn Jahre lang hatte die 34-Jährige für große Unternehmen wie Fossil und Thomas Sabo gearbeitet, bis sie eine kleine Auszeit brauchte. Also nahm sie sich ihren Bulli und fuhr in Richtung Norden, immer weiter, bis an die Spitze des Nordkaps nach Norwegen. Dort angekommen, brachte sie das unvergleichliche Naturerlebnis zum Nachdenken: Sie merkte, dass sie etwas beitragen wollte, die Welt positiv zu verändern. Am liebsten mit dem, was ihr am Herzen lag, nämlich Schmuck.

So kam sie auf die Idee, ein eigenes, ganzheitlich nachhaltiges Label zu gründen, und nannte es nach ihrem zweiten Vornamen „Maren Jewellery“. Hauptmanns Interesse für Schmuck hatte sich bereits in Kindheitsjahren bemerkbar gemacht. Schon damals fand sie es faszinierend, wie eine Kette oder ein Ring den gesamten Habitus der Trägerin verändern konnte. „Vielen ist außerdem gar nicht bewusst, dass die Menschen Schmuck schon sehr viel länger tragen als Kleidung“, erzählt die Ulmer Designerin bei unserem Gespräch auf Zoom. Trotzdem hinkt die Schmuckindustrie inzwischen der Bekleidungsbranche hinterher, wenn es um Trends geht. Auch bei den gesamtgesellschaftlichen: Gerade in Sachen Nachhaltigkeit gibt es in ihrer Branche viel Nachholbedarf, glaubt Hauptmann, die sich seit einiger Zeit vegan ernährt, auf die Minimalismus-Predigerin Marie Kondo schwört und versucht, so wenig Müll wie möglich zu produzieren.

Foto: Anna Duschl Fotografie
Designt für die Generation „woke“: Helge Hauptmann, die Gründerin von Maren Jewellery aus Ulm.

„Ein Problem ist, dass nicht nachvollzogen werden kann, wo die Materialien herkommen. Nicht nur für Käuferinnen, sondern auch für mich als Schmuckdesignerin ist das schwierig“, erklärt Hauptmann. Im Supermarkt könne man an Siegeln erkennen, ob es sich um vegane oder Bio-zertifizierte Ware handelt. An der Kleidung geben Etiketten Aufschluss, wo diese produziert wurde. Woher jedoch das Gold eines Ringes stammt und wie es gefördert wurde, ist selten auf einem Schild zu finden. Auch bei einem Stück aus einem teuren Schmuckgeschäft nicht.

Dabei ist die Frage nach der Herkunft von Rohstoffen gerade in dieser Industrie wichtig. Denn wer möchte schon einen Blutdiamanten am Finger tragen? Also einen Diamanten, der in Konfliktgebieten oft illegal und unter Verletzung von Menschenrechten abgebaut wurde, nicht selten zur Finanzierung gewalttätiger Auseinandersetzungen. Hauptmann verwendet daher ausschließlich synthetische, im Labor gezüchtete Diamanten aus der Schweiz oder den USA. Rein optisch sind diese Stücke auch unter der Lupe von normalen Diamanten nicht zu unterscheiden. „Der einzige Nachteil ist meiner Meinung nach, dass der Herstellungsprozess sehr viel Energie verbraucht. Deswegen finde ich gut, was mein Lieferant aus den USA macht: Er kauft CO2-Zertifikate dazu, um klimaneutral zu sein.“

Natürlich können auch Fairtrade-Diamanten eine Lösung sein. Doch für die engagierte Designerin reicht das nicht unbedingt aus, denn es sei bei diesen Stücken trotzdem schwer nachzuvollziehen, wer sie unter welchen Bedingungen geschliffen habe. Die meisten Gold- und Silberminen findet sie ethisch fragwürdig. „Es gibt immer noch viele Kleinschürfer, die keine anderen Einkommensquellen sehen und Gold in illegalen Minen ausgraben. Die haben keine Ahnung von dem Metier, arbeiten mit giftigen Stoffen, verschmutzen die Umwelt und vergiften sich dabei auch selbst.“

Foto: Anna Duschl Fotografie
Schön erschwinglich und garantiert kein schlechtes Gewissen: Schmuck von Maren Jewellery. Ring „Wilderness Eternity“ mit laborgezüchteten Diamanten, um 1.990 Euro.

Ob nun legal oder illegal, der Abbau von Gold und Silber hat für die Umwelt gravierende Folgen. Für die Minen werden riesige Krater in die Landschaft gerissen, oft inmitten von Regenwaldgebieten. Gold ist in der Regel mit festem Gestein verbunden und muss aufwendig herausgelöst beziehungsweise ausgewaschen werden. Das geschieht mithilfe von Chemikalien, meist Natriumcyanid oder Quecksilber. Diese Stoffe vergiften die Böden in den Abbaugebieten und verseuchen das Trinkwasser. Laut Greenpeace spülen Goldsucher jährlich rund 100  Tonnen Quecksilber allein in den Amazonas. Einem Bericht des WWF zufolge sind dadurch entlang des Flusssystems bereits 1,5 Millionen Menschen  gesundheitlich betroffen. Umweltschutzorganisationen weisen seit Jahren auf die oft katastrophalen Bedingungen hin, die mit dem Abbau von Edelmetallen verbunden sind: schwere körperliche Arbeit, nicht ausreichende Sicherheitsvorkehrungen und kaum existenzsichernde Löhne für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Dazu kommen mitunter auch Kinderarbeit, Landraub, Zwangsprostitution oder Schmuggel.

Auf dem Datenportal Statista ist zu lesen, dass im Jahr 2020 weltweit rund 3200 Tonnen Gold gefördert wurden. Dabei ist gerade Gold ein Material, das ohne Verlust eingeschmolzen und somit immer wieder verwendet werden kann. Genauso wie Silber. Aus diesem Grund hat sich Hauptmann für sogenanntes Urban Mining entschieden – womit schlicht Recycling gemeint ist. Für ihr klares, minimalistisches Design verwendet sie also ausschließlich recyceltes Gold und Silber.

Beim Entwerfen achtet sie außerdem darauf, dass alle Stücke leicht veränderbar und später wiederverwertbar sind. „Ich plane langfristig, dass man Ware, die man bei mir gekauft hat, ganz einfach über den Onlineshop wieder zurückgeben kann. Dass man also beispielsweise den Essential Ring gegen ein anderes Stück von mir tauschen kann. So möchte ich eine echte Kreislaufwirtschaft schaffen.“ Durch die Verwendung von recycelten Edelmetallen sind die Probleme der Bergwerke natürlich nicht gelöst, dessen ist sich Hauptmann bewusst. „Selbstverständlich dürfen wir die Menschen nicht vergessen, die bisher die Rohstoffe für uns abgebaut haben“, sagt sie. Zusammen mit der Earthbeat Foundation, an die sie jedes Jahr drei Prozent ihres Umsatzes spendet, möchte sie deswegen Kleinschürfern helfen, neue Einnahmequellen zu finden. Die Organisation setzte beispielweise schon ein Projekt um, bei dem Bienenvölker für die Honigzucht gekauft und den Menschen vor Ort zur Verfügung gestellt wurden.

Foto: Ina Niehoff
Alles handgemacht und ökologisch durchdacht: Johanna Gauder vom gleichnamigen Label in ihrem Berliner Atelier.

Hauptmanns Bemühen um Nachhaltigkeit ist konsequent. Sie geht tatsächlich bis ins letzte Detail, angefangen beim veganen Kleber über recycelbare Verpackungen bis hin zur nachhaltig arbeitenden Bank, die sich um die Finanzen der Firma kümmert. Die Designerin gesteht selbst, dass die Umsetzung ihres Konzepts sehr viel Zeit und Recherchearbeit benötigte.

Ein so ganzheitliches Vorgehen können natürlich nur wenige Unternehmen vorweisen. Dennoch wird die Frage der Nachhaltigkeit auch für andere Schmuckmacher immer wichtiger. Die Berliner Designerin Johanna Gauder zum Beispiel konzentriert sich mit ihren modernen Unisex-Kollektionen ganz bewusst auf nachhaltigen Silberschmuck, dabei würde sie gerne auch mal mit Gold arbeiten: „Meine Kunden fragen mich oft danach, aber wenn ich dann den Preis für ein großflächiges Stück überschlage, sind sie oft überrascht. Er liegt ein Vielfaches über dem von Silber, und das ist tatsächlich nicht allen bewusst.“

Bei großem Goldschmuck, wie er derzeit in Mode ist, handelt es sich meist um Vergoldungen, sonst wäre er für viele unbezahlbar. Das aber kommt für die 36-Jährige nicht infrage. „Hochwertigen Schmuck anzubieten, ist für mich der Kern der Nachhaltigkeit. Ich möchte keinen Modeschmuck machen, der nach einem halben Jahr in der Schublade liegt, weil er nicht mehr schön aussieht und man ihn deswegen nicht mehr tragen möchte.“ Der Gedanke der Langlebigkeit gehe für sie bei der Vergoldung verloren, denn: „Selbst mit einer dicken Schicht kann sie niemals von Dauer sein.“

Foto: Johanna Gauder
Das Berliner Schmucklabel Johanna Gauder verarbeitet ausschließlich recyceltes Silber.

Hinzu kommt, dass vergoldete Schmuckstücke schlechter zu recyceln sind, da die Metalle erst voneinander getrennt werden müssen, bevor sie wieder verarbeitet werden können. Gauder, die ursprünglich aus der Nähe von Darmstadt kommt, hat ihren Beruf von der Pike auf gelernt. In einem klassischen Goldschmiedebetrieb, in dem das traditionelle Handwerk großgeschrieben wird. Die Frage der Nachhaltigkeit ergab sich für sie somit ganz von selbst. Ihren Schmuck in Indien oder China billig herstellen zu lassen, wäre für sie unvorstellbar: „Alles, was ich verkaufe, ist lokal handgemacht. Wenn nicht von mir selbst, dann von einem kleinen Goldschmiedebetrieb in Idar-Oberstein oder in Pforzheim.“

Große Firmen, die unvergleichlich größere Mengen herstellen und darüber hinaus schon länger existieren, haben es naturgemäß schwerer, sich auf Nachhaltigkeit umzustellen. „Sie haben Verantwortung ihren Herstellern gegenüber, mit denen sie seit Jahren zusammenarbeiten“, glaubt Helge Hauptmann. „Und auch das ist eine Form von Sustainability, dass man Sachen langsam verändert. Deswegen kam ich ja auf die Idee, ganz von vorne anzufangen – um mir ein Label so aufzubauen, wie ich es gerne hätte.“ Eins ist klar, in der Schmuckbranche wird in Zukunft ein Wandel stattfinden müssen. „Als ich mein Label 2015 gründete, haben die Leute sehr viel weniger nach der Herkunft von Materialien gefragt. Heute gehört das fast zum guten Ton“, so Gauder. Das Bewusstsein der Kunden habe sich also auch bezüglich des Schmuckes schon geändert, hin in die Richtung des „besseren“ Konsums. Kleine Marken wie Maren Jewellery und Johanna Gauder können heute schon davon profitieren.