Der Star unter den Museen der deutschen Hauptstadt.
Foto: imago images/Reiner Zensen

Berlin-MitteSeit genau zehn Jahren ist es der Star unter den Berliner Museumsbauten: Das Neue Museum. Mehr als acht Millionen Besuche wurden seit der Wiedereröffnung für das Publikum gezählt. Es gibt praktisch keinen Architektur- oder Museumspreis, den dieses Projekt nicht erhalten hat. Hier nämlich kann etwas erlebt werden, was in der Museumswelt immer noch sehr selten ist: Das Selbstbewusstsein, auch die eigene Geschichte erlebbar zu halten, auch die Zerstörung in Folge des deutschen Weltkriegs.

Bis heute revolutionär

Ein Erfolg, der nicht vorhersehbar war. Noch Mitte der 1990er-Jahre wollten Direktoren der Staatlichen Museen das Neue Museum von allem mühsam durch die DDR-Jahre geretteten Dekor der 1850er-Jahre „befreien“. Nach dem Vorbild der Münchner Glyptothek sollte es „neutral“ gestaltet werden. Und viele Planer, die schon zu DDR-Zeiten an dem Projekt gearbeitet hatten, wollten die alte, zerstörte oder beschädigte Pracht nach dem Vorbild der Semper-Oper nachmalen lassen. Stattdessen entwickelten die Architekten, die damals noch sehr selbstbewusste Berliner Denkmalpflege, die Museumsleitungen, die sich zunehmend mit der Vielfalt des Baus anfreundeten, und die für die Durchführung zuständigen Bundesbauverwaltungen seit etwa 1996 ein Konzept, das bis heute revolutionär ist: Alles das, was aus der Vergangenheit erhalten ist, wurde so weit als möglich bewahrt und am historischen Ort wieder montiert.

Nur beschädigte Oberflächen wurden ästhetisch sorgfältig wieder in ihre Umgebung eingebunden, und das, was verloren war, in neuer Form aus Beton und Ziegelstein wieder errichtet. Nirgends gibt es hier aber den harten Kontrast zwischen Alt und Neu, der in den 1990ern noch die denkmalpflegerische Norm war. Wer in den Räumen des Ägyptischen Museums oder des Museums für Vor- und Frühgeschichte wandelt, erlebt also erstklassige Werke der alten Kunst.

Virtual Reality im Neuen Museum

Man kann sich aber auch begeistern für die Kunst des 19. Jahrhunderts, für Konstruktionsgeschichte, für eine vergleichsweise fein eingefügte moderne Architektur, kann sich im Treppenhaus neuerdings dank einer VR-Brille sogar die verlorenen Wandgemälde Wilhelm von Kaulbachs wenigstens im Ungefähren vorstellen.

Das Neue Museum zeigt also, und deswegen ist es den meisten seiner „Kollegen“ so überlegen, viele Geschichten. Hier finden fast alle etwas Interessantes.

Die sorgfältige Planung und Vorsicht im Bau hat sich nicht zuletzt finanziell gelohnt: Das Neue Museum kostete um die 200 Millionen Euro, wurde damit 20 Millionen billiger als die Kostenanschläge. Leider aber haben weder der Bund als Finanzier noch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder die Stadt Berlin aus dem Projekt gelernt. Das zeigen solche Radikal-Umbauten mit den entsprechend explodierenden Kosten wie die Alte Staatsbibliothek, das inzwischen auf fast eine halbe Milliarde Euro kalkulierte Pergamonmuseum, die Staatsoper oder jetzt auch das überaus umstrittene Projekt Museum der Moderne auf dem Kulturforum.

Kein Verdienst der Architekten

Dessen Kalkulationen sind, noch bevor der erste Baustein gelegt ist, bereits auf 450 Millionen Euro gestiegen, 125 Prozent mehr als zunächst geplant. Für private Bauherren wäre das ein Grund, das Projekt zu stoppen, zumal die Kritik der Fachwelt und der breiteren Öffentlichkeit an Standort und Architektursprache der „Scheine“ einhellig ist. Statt aber darauf einzugehen, wenigstens ein 1:1-Modell auf dem Kulturforum zu bauen, um die Kritik zu überprüfen, wird das Projekt vom Kulturstaatsministerium und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz derzeit durch die Gremien gepaukt. Alle hoffen, dass die Architekten schon irgendwie die konstruktiven Probleme lösen und den Preis einhalten werden.

Dabei zeigt das Neue Museum: Es sind nicht die Star-Architekten, die Probleme lösen. Sie kosten meistens nur sehr viel Geld. Chipperfield und seine Kollegen dagegen geben inzwischen selbstbewusst zu: Ohne die heftigen Debatten um ihr Projekt wäre dieses nicht so gut geworden. Es gab damals Demonstrationen und Petitionen, Kongresse und Kampfschriften, drei Wettbewerbe, wenigstens fünf ausgearbeitete Projekte, Podiumsdiskussionen, Universitätsseminare, Radiosendungen und Zeitungsartikel.

Die „Gesellschaft Historisches Berlin“ erregte mit ihrem populistischen „Alt aussehen genügt“ die Gemüter der Planer – aber auch sie zwang zu mehr Sorgfalt, genauerem Hinsehen, präziserer Planung, ohne ästhetisch ärmlich zu werden.

All dies und die breite öffentliche Debatte machten das Neue Museum zum Welterfolg. Leider blieb es bisher ein Ausnahmefall.