Immer schön sich selbst optimieren. Trizeps nicht vergessen.
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BerlinIn Mitte hängt eine große Werbung für personalisiertes Fitnesstraining, ästhetisch erinnert sie an Werbung der Bundeswehr. Die Botschaft ist mit einer Frau im Tanktop illustriert, allein steht sie vor einer weißen Wand. Darunter der englische Text: „Strong mind, strong body, strong mom“. Auf Deutsch erinnert das ein bisschen an die DDR, oder an noch früher: „Starker Geist, starker Körper, starke Mama.“ Schon klar, Mütter müssen stark sein für all die Aufgaben, die von ihnen erwartet werden. Die britische Schriftstellerin Deborah Levy schreibt: „Die moderne Frau ist passiv, aber auch ambitioniert, sie ist mütterlich, aber auch sexy, sie opfert sich auf für ihre Kinder, bleibt aber auch für ihren Partner eine anregende Gesprächspartnerin.“ Und wenn sie aus dem Haus geht, muss sie immer aufpassen, dass die Wimperntusche nicht verschmiert ist.

Tausend Jahre Wut

Es ist oft nach der Ankunft des ersten Kindes, dass die Frau zu begreifen beginnt, wie unfair das alles ist. Die Frau fragt sich, warum ihre Zeit so viel weniger wert sein soll. Warum ausgerechnet von ihr erwartet wird, dass sie zurücksteckt. Warum von ihr erwartet wird, dass sie sich kümmert. Um Kindergeburtstage, den Kita-Spendenlauf, das Weihnachtsbasteln, die Pakete für die Obdachlosen, die Geschenke für die Schwiegereltern, die neue Babysitterin. Sie fragt sich, warum die Kita zuerst bei ihr am Arbeitsplatz anruft, wenn das Kind krank ist. Sie fragt sich, warum alle Mütter, die sie kennt, wie Zombies herumrennen. Sie fragt sich, warum sie um jedes zehnminütige Alleinsein kämpfen muss.

Und wen bekämpft man da? Man bekämpft sich selbst und tausend Jahre Wut.

Wenn man zwei Kinder hat, wird alles noch komplizierter. Die Kinder, die Arbeit, der Alltag absorbieren alle Energie, und selbst der enthusiastischste Vater wendet sich ab, kommt nicht mehr mit. Wenn die Frau Pech hat, wird sie mit Mitte vierzig durch eine jüngere Frau ersetzt.

AKKs Kleidungsnote: mangelhaft 

Die Frau muss sich rechtfertigen, warum sie keine Kinder hat. Hat sie Kinder, muss sie sich rechtfertigen, warum sie so viel arbeitet. Oder so wenig arbeitet. Sie muss stets aufpassen, was sie sagt. Die Frau gilt schnell als zu schrill, zu aggressiv, zu emotional. Und sie muss aufpassen, was sie anzieht. „Annegret Kramp-Karrenbauer fällt … beständig mit Patzern bei der Kleidung auf“, schreibt der Tagesspiegel in einem Artikel, der bemängelt, dass die CDU-Chefin nicht staatsfraulich genug aussähe.

Ein Mann, der extrem viel arbeitet und nachts noch Kuchen für die Kita der Tochter bäckt, würde als Spitzenvater des Jahres gefeiert. Handelt es sich um eine Frau, gilt sie als egoistische Karrieristin, die sich zerreißt. Nochmal Deborah Levy: „Frauen haben immer ein schlechtes Gewissen, meist ohne zu wissen warum.“

Nach unzähligen MeToo-Debatten macht der Frau nun keiner mehr Komplimente über ihre Blusen. Aber sie verdient immer noch weniger als ein Mann, wird seltener befördert, hat im Alter weniger Geld, leidet laut Statistik häufiger an Depressionen, Burnout und Alzheimer. 2018 wurden in Deutschland 122 Frauen von ihren Partnern getötet.

Jemand hat mal gesagt, ein Frauenleben ist wie ein Wandeln auf einem schmalen Grat, links und rechts lauert der Abgrund. Ein falscher Schritt und alles — Familie, Job, Partnerschaft — bricht zusammen.

Vulva, Vagina, Muttermund

„Frau“, das ist auch ein Schimpfwort. „Ich kann mit der Frau nicht mehr zusammenarbeiten“, schnaubte der CSU-Chef Horst Seehofer im Flüchtlingsstreit 2018 und jeder wusste, wer gemeint war. Auch der Körper der Frau ist etwas, wofür man sich schämen muss. Vulva, Vagina, Muttermund, Brustwarze, das alles sind Worte, die als eklig und grob gelten. Eigentlich ist der gesamte weibliche Körper eine einzige Unverschämtheit, die bearbeitet werden muss.

Frauen arbeiten dauernd an sich, weil sie so, wie sie sind, nicht genug sind. Das kommt aus der christlichen Tradition. Laut deren Schöpfungsgeschichte ist die Frau eine nicht ganz so gute Variante des Mannes, sie ist schwach, sie ist schuld an der Vertreibung aus dem Paradies.

Die moderne Frau muss nicht mehr unterdrückt werden, sie macht das alles selbst. Und oft sogar mit Begeisterung. Früher hießen die Werkzeuge dafür Aerobic und Diät, heute Yoga und Achtsamkeit. Und auch wenn dauernd das Ende des weißen, alten Mannes beschworen wird: Er füllt immer noch Talkshows, Parlamente, Bühnen und Bestsellerlisten.

Nach über vier Jahrzehnten als Frau denke ich manchmal, dass ich gerne ein Mann wäre. Und zwar nicht im Sinne einer Operation oder einer Hormontherapie, sondern im Sinne einer Reklamation, eines rückwirkenden Umtausches. Der Wunsch, ein Mann zu sein: wahrscheinlich auch wieder ein zutiefst patriarchaler Gedanke.

Sabine Rennefanz liest am 22. Januar 2020 um 20 Uhr im Pfefferberg Theater. Mehr Infos: Literatur-Live-Berlin.de