Noblesse oblige: Great Dixter in East Sussex ist einer der schönsten Gärten der Welt. Und einer der tierisch artenreichsten, wie Forscher nun feststellten.
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East Sussex/UckermarkEine der von mir ungeliebtesten Ideen für einen privaten Garten ist es, wenn „alle Pflanzen doch möglichst einheimisch sein“ sollen. Denn wo, bitte schön, wollen wir da eigentlich anfangen? Nehmen wir nur, was schon vor Christoph Kolumbus bei uns gewachsen ist? Also fast keine Rosen, keinen Flieder, kaum blühende Stauden und natürlich auch keine Kartoffeln? Tja.

Traditionell beäugen sich Ökologen und Gärtner bei uns ja eher kritisch. Das geht auf die Zeiten zurück, in denen chemische Unkrautvernichter und Kunstdünger en masse eingesetzt wurden und manche Gärtner in der Natur bloßen Wildwuchs sahen, den es zackig zu disziplinieren galt. Da hat sich mittlerweile viel geändert. Was es mir wiederum ermöglicht, auf den eingangs erwähnten (Alp-)Traum von absoluter Regionalität mit dem Stichwort „Biodiversität“ zu kontern. Denn seit längerem belegen Studien, dass eine möglichst hohe Durchmischung der Arten für Flora wie Fauna das weitaus Beste ist.

Freut die Vögel: Das flache Wasserbecken im Garten des Ferienhauses „Die kleine Acht“ spiegelt den Brandenburgischen Himmel und ist gerade im Hochsommer eine beliebte Tiertränke.
Foto: Rainer Elstermann

In England erschien gerade eine eindrucksvolle Untersuchung zu dem Thema am Beispiel eines der bekanntesten Gärten der Welt: Great Dixter in East Sussex. Das von Christopher Lloyd über vier Jahrzehnte hinweg gestaltete Anwesen ist zweifellos der einflussreichste englische Garten der Jahrtausendwende. Um seine Besonderheiten auch als Deutscher zu verstehen, muss man kurz in die Geschichte zurückgehen: Lloyd erbte von seinen Eltern ein 1912 vom genialen Architekten Sir Edwin Lutyens gestaltetes Country House auf einem Anwesen, das durch alte Formschnittgehölze und riesige Hecken gegliedert war. Damit fand er ein stabiles Gerüst vor, das dem Garten – auch und besonders im Winter – Struktur und visuellen Halt gibt. Und es ihm erlaubte, innerhalb dieser Hecken spielerisch seine Vorstellungen umzusetzen.

Drei Entscheidungen, die Lloyd danach traf, machten Great Dixter schließlich zu dem, was es heute ist. Zuerst einmal wandte er sich ab von der traditionellen englischen Ästhetik, die auf subtilen Farbkombinationen beruht: etwa neben Graublau ein helles Blau zu setzen, dahinter ein sattes Blauviolett und daneben zartes Gelb. Auf geradezu schrebergartenhafte Art und Weise (hierzulande scheint die Devise ja oft „Hauptsache bunt“ zu sein) pflanzte er Shocking-Pink direkt neben Senfgelb und Blutrot.

Farbiger Mix: Echinacea purpurea (links) trifft auf Blaunesseln „Blue Fortune“ und „Black Adder“.
Foto: Rainer Elstermann

Seine zweite Entscheidung: Wildwiesen entstehen zu lassen. Während dies schon unter seiner Mutter anfing, war es der Moment, als das Gras um die Formschnittgehölze nicht mehr gemäht wurde, der jedes Jahr mehr Wildblumen (und viel Aufmerksamkeit in internationalen Gärtnerkreisen) brachte. Die dritte Entscheidung, den Rosengarten durch einen tropischen Garten samt Bananenstauden zu ersetzen, löste im konservativen England blankes Entsetzen aus, sehr zur Freude von Christopher Lloyd.

Seit dessen Tod 2006 wird das Anwesen vorbildlich innovativ von Fergus Garrett geleitet, der vorher lange mit Christopher Lloyd zusammengearbeitet hat. Es war Garrett, der auf chemischen Dünger und Pestizide zu verzichten begann und – nachdem dies nun seit mehr als einer Dekade gelebte Praxis ist – anregte, den Garten von einer Gruppe von Wissenschaftlern von 2017 bis 2019 auf seine Biodiversität untersuchen zu lassen. Das Ergebnis, nun vorgestellt auf dem Website des Landsitzes (https://www.greatdixter.co.uk/house-and-estate/biodiversity/) sowie in einem Special des renommierten Magazins Gardens Illustrated (Nr. 288), ist erstaunlich und macht Hoffnung.

Überrascht hat die Forscher zum einen, wie enorm viele Insekten, Vögel und kleine Säugetiere, die als selten und schützenswert gelten, sich auf dem Landsitz tummelten. Wie erwartet, gab es in den Wildwiesen eine große Population von Spinnen, Libellen und seltenen Bienen. Womit jedoch niemand gerechnet hatte: Die allerhöchste Biodiversität fand sich im traditionellen Teil des Gartens, in den Beeten und Rabatten, wo seit Jahrzehnten durchgängig gegärtnert wird.

Uckermärkischer Dschungel an der Gartengrenze der „Kleinen Acht“: links Phlomis tuberosa und in der Mitte der bis zwei Meter hoch wachsende Alant.
Foto: Rainer Elstermann

Dadurch, dass am selben Ort zu jeder Jahreszeit völlig unterschiedliche Pflanzen wachsen und blühen, wird offenbar Insekten und Nagern durchgängig Nahrung geboten. In den Wildwiesen hingegen ist die jährliche Periode begrenzt, in der es reichlich Futter und Sichtschutz vor Fressfeinden gibt.

Was wir in Brandenburg daraus lernen können? Am besten eine große Auswahl möglichst verschiedener Pflanzen, egal woher sie stammen, über einen möglichst langen Zeitraum im Jahr verteilen. Um mit der Gärtnerikone Karl Förster zu sprechen: Es wird durchgeblüht!

In dem Garten, den ich für das bekannte Miet-Ferienhaus „Die kleine Acht“ (diekleineacht.de) angelegt habe, funktioniert das zum Beispiel so: Winterblühende Gehölze werden mit Frühlingsblühern unterpflanzt, die neben Zwiebeln wie Tulpen wieder verschwinden, wenn die Frühsommerpflanzen hochkommen. Danach erheben sich die Gräser und Stauden der Sommermitte, bis auch sie ab August von den Präriepflanzen des Spätsommers überragt werden.

Nicht zu vergessen das flache Wasserbecken im Garten der „Kleinen Acht“. Ursprünglich als reflection pool, also als rein dekorativer Spiegel des Wolkenhimmels, gedacht, dient es nun den Vögeln und Kleintieren als Tränke. Erst am gestrigen Abend konnte ich dort die Schwalben beobachten. Ihre Freude am erfrischenden Nass war meine.


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung