Was ein Picasso kann, kann vielleicht auch ein Chanel

Dass für Kunst der Moderne oft Rekordsummen gezahlt werden, wissen wir. Nun kommt auch die Mode berühmter Designer für immer mehr Geld unter den Hammer.

Vogue-Chefin Anna Wintour Anfang Dezember bei einem Dinner im Weißen Haus. Sie trägt einen Chanel-Look von Karl Lagerfeld aus dem Jahr 1983. 
Vogue-Chefin Anna Wintour Anfang Dezember bei einem Dinner im Weißen Haus. Sie trägt einen Chanel-Look von Karl Lagerfeld aus dem Jahr 1983. Imago

Vintage-Mode hat inzwischen bei vielen einen festen Platz in der Garderobe. Insgesamt ist sie viel etablierter als noch vor einigen Jahren, als man über derartige Einkäufe eher geschwiegen hat. Laut Expertenmeinung wird Vintage-Kleidung in den nächsten Jahren ein Drittel des Designermarktes ausmachen. Da die Anzahl gut erhaltener Stücke aus der Vergangenheit jedoch begrenzt ist, werden genauso auch alte Modelle  wieder neu aufgelegt, sogar bei den Haute-Couture-Häusern lässt sich das beobachten.

Als Anna Wintour Anfang Dezember bei einem Dinner im Weißen Haus ein Abendkleid aus Karl Lagerfelds erster Chanel-Couture-Kollektion aus dem Jahr 1983 trug, wusste man es: Vintage-Mode ist nicht nur arriviert, sondern sogar für Staatsbankette tauglich. Wenn die einflussreichste Modejournalistin der Welt es tut, werden es ihr Hunderttausende nachtun; auch wenn Frau Wintours Exemplar eine Neuanfertigung war, denn das Original des Kleides liegt wohlkonserviert im Chanel-Archiv. Doch längst nicht alle kostbaren Originale sind bereits in Schubladen oder Vitrinen – und wenn sie nicht im Museum sind, dann vielleicht nur, weil sie von der Nachwelt noch nicht entdeckt wurden.

Kofferfund: eine Chanel-Bluse aus den 20er-Jahren

Es kursieren in der Welt der Couture die gleichen Legenden wie in der Kunstszene, in denen jemand bei irgendeinem entlegenen Trödler stöbert und für kleines Geld einen verschollenen Picasso findet. Auch wenn das in Zeiten der globalen Vernetzung immer seltener wird, erlebt man dann Geschichten, die wie Fiktion anmuten.

So geschehen in diesem Sommer, als im renommierten Londoner Vintage-Mode-Auktionshaus Kerry Taylor ein Franzose anrief. In einem Sommerhaus in der Nähe von Grasse hatte er eine Tunikabluse in einem Koffer gefunden. Als er Fotos davon an das Auktionshaus mailte, traute die Expertin ihren Augen nicht.

Karl Lagerfeld umringt von Supermodels in 1996er-Looks von Chanel. Unten ganz rechts Kate Moss im kostbar bestickten blutroten Mantel, der jetzt für 230.000 Euro bei Christie's unter den Hammer kam.
Karl Lagerfeld umringt von Supermodels in 1996er-Looks von Chanel. Unten ganz rechts Kate Moss im kostbar bestickten blutroten Mantel, der jetzt für 230.000 Euro bei Christie's unter den Hammer kam.Guy Marineau/Imago

Jeder, der sich etwas mehr mit Gabrielle Chanel alias Coco Chanel auseinandergesetzt hat, kennt die Illustrationen ihrer russischen Tuniken, die in der Vogue im März 1922 veröffentlicht wurden. Doch in keinem Museum, in keiner Modesammlung tauchte zu irgendeiner Zeit je ein Original der Entwürfe auf. Hergestellt aus schwarzem Crêpe mit lebendig-farbiger Handstickerei aus Seide und Metallfäden, sind diese Blusen das Ergebnis von Gabrielles Zusammenarbeit mit der Großherzogin Marija Pawlowna Romanowa, der Schwester ihres damaligen Liebhabers Großherzog Dmitri Pawlowitsch. Er stellte die beiden Frauen 1921 einander vor. Pawlowna verstand sich auf traditionelle russische Handarbeit und sie gründete in Paris ein Stickerei-Atelier, in dem Emigrantinnen wie sie beschäftigt wurden. Die Rubaschkas (russische Blusen) mit diesen Stickereien gehören zu den begehrtesten aller Kleidungsstücke der modischen Moderne.

Sind Chanel-Kleider die neuen Picassos?

So wurde die Tunika, die der Franzose im Koffer fand, im November für eine Rekordsumme von 100.000 Euro versteigert (Hammerpreis ohne Aufschläge). Der Finder war von besonderem Glück gesegnet, weil er ein frühes Exemplar aus dem Jahr 1922 entdeckt hatte. Damals ließ die Großherzogin die Stickereien für Chanel in ihrem Atelier noch in reiner Handarbeit herstellen. Danach kamen nur noch halbautomatische Stickmaschinen zum Einsatz. Als Pawlowna 1925 begann, auch Aufträge anderer Modehäuser wie Lanvin anzunehmen, endete die Zusammenarbeit mit Chanel. Die Modeikone soll beleidigt gewesen sein und die Zusammenarbeit mit Kitmir, dem Atelier der Großherzogin, beendet haben. Die Tunika ist also ein ganz besonderes Stück jener Epoche, was den hohen Preis erklärt.

Ein anderer Chanel-Rekord wurde übrigens mit 230.000 Euro bei Christie’s erzielt, ebenfalls diesen November. Die National Gallery of Victoria im australischen Melbourne zahlte diese hohe Summe für einen Mantel von Karl Lagerfeld aus der Chanel-Winterkollektion 1996, der vom Pariser Stickatelier Maison Lesage mit den Motiven der chinesischen Koromandel-Wandschirme verziert worden war, die Coco Chanels Wohnung dekorierten. Auf dem Runway hatte Kate Moss den Mantel vorgeführt.

Was wir seit den 1950er-Jahren in der Kunst mit den Lucian Freuds, Picassos oder Warhols erleben, bahnt sich also jetzt auch für die Mode an. Denn was ein Picasso kann, kann vielleicht auch bald ein Chanel!