Zumindest einmal sollte Heidi Klum im Mode-Kontext recht behalten. Schließlich hat die Frau, die sich seit Jahren erfolglos auf die Suche nach einem echten Topmodel aus Germany macht, bereits 2003 mit Birkenstock kooperiert. Damals entwickelten die Model-Despotin und der Schlappen-Hersteller eine gemeinsame Kollektion – Sandalen mit Glitzersteinen, Sandalen mit Nieten, Sandalen mit Denim-Fransen und all so was.

Wie weit die Klum ihrer Zeit voraus war, konnte damals niemand ahnen. Denn 2003 waren die Modelle der Traditionsfirma mit Hauptsitz in Linz am Rhein noch kein echtes Mode-Thema. Sie gehörten eher zur vestimentären Grundausstattung verschrobener Biologie-Lehrerinnen mit kecken Holzschmuckketten und asymmetrischem Kurzhaarschnitt – und noch nicht zur globalen Hipster-Uniform. Knapp 20 Jahre später hat sich das extrem verändert.

Ja, auch Biologie-Lehrerinnen betten ihre Füße noch immer gern in ihre bequemen Birkis. Längst sind die Schlappen-Modelle mit Namen wie „Arizona“, „Gizeh“ oder „Madrid“ aber auch unter einer jungen, hippen Fan-Gemeinde beliebt geworden; genau wie bei so ziemlich jedem, der im Sommer ein bisschen Frischluftzufuhr im Fußbereich genießt. Alle tragen sie – Birkenstocks sind zur Volks-Sandale avanciert. Und zum Statussymbol.

Hat ein bisschen was von Dalmatiner: „Manolo Blahnik for Birkenstock“-Pantoffeln für 395 Euro das Paar.
Manolo Blahnik x Birkenstock
Hat ein bisschen was von Dalmatiner: „Manolo Blahnik for Birkenstock“-Pantoffeln für 395 Euro das Paar.

Stars und Sternchen zeigen sich mit ihnen auf Instagram, im „Sex and the City“-Prequel „And just like that“ trug selbst Hauptfigur und Stiletto-Süchtling Carrie Bradshaw unlängst flache Birkenstocks. Einige internationale Designerinnen und Designer haben bereits mit dem Hersteller aus Rheinland-Pfalz kooperiert, darunter Rick Owens, Jil Sander oder Proenza Schouler.

Selbst Stiletto-König Manolo Blahnik macht jetzt in Schlappen

Im März dieses Jahres wurde dann die erste Kollektion „Manolo Blahnik for Birkenstock“ vorgestellt: die deutsche Gesundheitslatsche, getüncht in die noblen Farben des im britischen Bath residierenden Schuhdesigners, versehen mit seinen verspielten Details und Ornamenten. Die tatsächlich überaus gelungenen Modelle des Schuhvirtuosen, der zuvor schon einmal als Birkenstock-Werbegesicht fungierte, waren binnen kürzester Zeit ausverkauft.

Nur echt mit der Holzsohle: Scholl-Slides, hier in der Ganni-Version für 175 Euro, sollen überaus bequem sein.
Scholl/Ganni
Nur echt mit der Holzsohle: Scholl-Slides, hier in der Ganni-Version für 175 Euro, sollen überaus bequem sein.

Nun legen Blahnik und Birkenstock mit einer zweiten gemeinsamen Kollektion nach: Seit Mai gibt es Sandalen mit transparenten Riemen oder Pantoffeln mit Polkadots für bis zu 395 Euro das Paar – im Onlineshop beider Marken, wohlgemerkt. Noch ein bisschen tiefer muss in die Tasche greifen, wer sich bald Sandalen der Kollektion „Dior by Birkenstock“ gönnen will. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen dem Pariser Haute-Couture-Haus und dem rheinischen Sandalen-Hersteller kosten 960 Euro. Davon, dass die teuren Treter ungeliebte Ladenhüter werden, ist trotz des stolzen Preises kaum auszugehen.

Holzsohlen sind jetzt auch ein Thema beim Scandi-Label Ganni

Das legen nicht zuletzt ähnliche Kooperationen einschlägiger Birkenstock-Konkurrenten nahe. Auch bei Scholl und Crocs hat man erkannt, welchen Erfolg ein Stelldichein mit High-End-Labels verspricht. Die Marke Scholl, bereits 1906 von dem Podologen William Scholl als Firma für orthopädisches Schuhwerk in Chicago gegründet und mittlerweile in Mailand ansässig, tat sich unlängst mit Ganni zusammen. Die dänische Modemarke gilt als Liebling skandinavischer Influencerinnen und hat für den Hersteller Slides mit Blumen und bunten Mustern zu je 175 Euro entwickelt.

Das Wichtigste fast griffbereit: Gummischuhe von „MCM x Crocs“ für 360 Euro samt anheftbarer Gürteltasche.
MCM x Crocs
Das Wichtigste fast griffbereit: Gummischuhe von „MCM x Crocs“ für 360 Euro samt anheftbarer Gürteltasche.

Vor wenigen Wochen wurde dann eine weitere Kooperation bekannt gegeben, dieses Mal nicht mit einer noblen Modemarke, sondern einem griechischen Luxus-Ressort: Die „Scholl Iconic x Daios Cove“-Sandaletten kosten 130 Euro und kommen in Türkis sowie Beige daher, was dem Privatpool der herrschaftlichen Anlage auf Kreta und dem Sand des nahen Strandes entsprechen soll – die ikonische Scholl-Holzsohle ist den Sandalen in beiden Beispielen geblieben.

Endlich gibt’s die MCM-Gürteltasche auch für den Knöchel

US-Hersteller Crocs – sowieso bekannt für Kooperationen aller Couleur – macht’s indes mit MCM. Die geschmacklich nicht unumstrittene Gummi-Latsche wurde mit dem ikonischen Monogramm des einstigen Gepäck-Herstellers und heutigen Modelabels mit Taschen-Schwerpunkt versehen; es gibt Nieten aus 24-karätigem Gold zum Anheften sowie eine anbringbare Miniatur-Gürteltasche für alles, was man in Fußnähe eben so aufbewahren will. Zwischen 300 und 360 Euro kosten die Modelle der Sonderlinie.

Untenrum urlaubsreif: Die „Scholl x Daios Cove“-Sandale für 130 Euro in der Farbe des Meeres vor Griechenland.
Scholl x Daios Cove
Untenrum urlaubsreif: Die „Scholl x Daios Cove“-Sandale für 130 Euro in der Farbe des Meeres vor Griechenland.

Interessant zu beobachten ist, dass die grundsätzliche Schuhform bei allen Beispielen geblieben ist – Birkenstocks Doppelriemen, Scholls Holzsohle, Crocs’ gelöcherte Gummi-Kappe. Und vor allem: das bequeme Fußbett. In Zeiten, in denen der fußfreundliche Sneaker dem waghalsigen Stiletto den Rang als beliebtes, schuhgewordenes Sammlerobjekt abgelaufen hat, müssen auch die Luxusmarken auf den gesteigerten Wunsch nach Komfort und Praktikabilität reagieren. Erst recht nach zwei Corona-Jahren, in denen sich dann wirklich niemand mehr in „eng und sexy“ zwängen wollte.

Manolo Blahnik und Christian Dior, Ganni und MCM bedienen sich gewissermaßen des Know-hows ihres jeweiligen orthopädisch geprägten Gegenübers – und geben Birkenstock, Scholl und Crocs im Gegenzug ein bisschen was von ihrem Glanz und Glamour ab. Heidi Klum wird’s vermutlich gefallen – verfolgt von Paparazzi schlappte sie vor wenigen Tagen erst in Birkis durch Manhattan. In ganz normalen „Arizonas“ allerdings.