Irish Toffee: das weltbekannte "Pint" von Guinness.
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Dublin119,5 Sekunden braucht ein Guinness, um trinkbereit zu sein. Da muss beim Zapfen der Neigungswinkel stimmen, der Punkt, an dem man das Glas in die Senkrechte stellt, exakt getroffen und die Menge exakt bemessen sein, die man dann noch kurz nachzapft, damit die Krone perfekt ist. „15 Millimeter hoch muss sie sein“, sagt Lee Walsh, der im Guinness Storehouse in Dublin, einer zur Erlebniswelt ausgebauten ehemaligen Fermentationsanlage der Brauerei, Zapfkurse gibt. Die sich aus Stickstoffblasen bildende Schaumkrone ist das Maß aller Dinge. 15 Millimeter! Da sind die Iren streng.

Und sie sind geduldig. „Touristen finden es oft schwer, so lange auf ihr Bier zu warten“, hat Walsh festgestellt. Dabei gehört das Warten auf das Bier gewissermaßen zur Guinness-Experience. Zu beobachten, wie sich der Stickstoff im Glas breitmacht und nach unten sackt, ehe er dann langsam wieder nach oben drängt, während das Bier von anfangs weiß immer dunkler wird, bis es seine typische schwarze Farbe und die sahnig weiße Schaumkrone hat: Das hat fast etwas Kontemplatives. „Guinness ist nicht schwarz“, verbessert Lee Walsh, noch ehe man „Sláinte“ gesagt und endlich das Glas angesetzt hat. „Es sieht nur schwarz aus, ist aber rubinrot.“ Das sei die Gerste, erklärt er, die bei 232 Grad geröstet wird. „Heißer, und sie würde Feuer fangen, weniger heiß, und das Bier würde weder so schmecken noch so aussehen, wie man es kennt.“

„Guinness is good for you“

Man sieht schon: Die Iren und ihr Bier, das ist eigentlich ein Fall fürs Wissenschaftsressort. Doch aus all dem Gesums, das in Dublin um das Guinness gemacht wird, erst recht in diesem Winter, da die Brauerei am St. James’s Gate ihren 260. Geburtstag begeht, spricht auch viel Nationalstolz. Auf ein echtes Weltprodukt.

Nicht dass Dublin einen Mangel hätte an Weltprodukten. Ein steingehauener Oscar Wilde fläzt am Eingang des Merrion Square, eines georgianischen Karrees im Stadtzentrum; Phil Lynott, der Sänger von Thin Lizzy, grüßt mitten in der Fußgängerzone, in der Harry Street, als lebensgroße Bronzestatue die Passanten; und U2 belegen einen kompletten Raum im Little Museum of Dublin, in dem die bewegte Geschichte der Stadt erzählt wird. Aber wer in Nigeria, dem größten Absatzmarkt von Guinness außerhalb der Britischen Inseln, kennt „Das Bildnis des Dorian Gray“? Wen in Malaysia, wo eine der fünf über den Globus verteilten Guinness-Brauereien steht, interessiert der „Sunday Bloody Sunday“?

Dafür werden jeden Tag auf der ganzen Welt zehn Millionen Gläser Guinness getrunken. Neben dem gutturalen Englisch, das die Iren erst nach Amerika exportiert haben und von dort rund um den Globus, ist es der „Black Stuff“, wie die Dubliner trotz besseren Wissens zu ihrem Bier sagen, auf den sich die Welt verständigt und der die Zeiten überdauert hat. 1959, zum 200. Geburtstag, ließ die Brauerei von den hauseigenen Transportschiffen 150 000 versiegelte Guinness-Flaschen mit einer Grußbotschaft und einer Weltkarte in den Sieben Meeren aussetzen. Über die Jahre wurde die gläserne Postsendung allerorten an Land gespült, vom Hafen von Liverpool bis zum Strand von Tahiti, die letzte erst 2017 in Nova Scotia an der kanadischen Ostküste. Eine Welt vereint vor einer Flasche.

Der Pachtvertrag läuft noch 8740 Jahre: die Guinness-Brauerei mit dem Guinness Storehouse in Dublin.
Foto: Guinness Storehouse©Rob Durston Photographer, Wikipedia

7,5 Prozent Alkohol sind übrigens drin, rund 198 Kalorien hat ein Pint von 0,56 Litern, das sind weniger als ein Glas Orangensaft. „Guinness is good for you“, lautete denn auch ein halbes Jahrhundert lang der Werbeslogan. Wegen des hohen Eisengehalts wurde bis in die 50er-Jahre auch Schwangeren und jungen Müttern das gelegentliche Glas Guinness verordnet. Und bis heute schwören irische Ärzte darauf, dass das Bier das Risiko von Herzattacken mindert. Seitdem die nüchternen Bürokraten der EU den Werbemarkt regulieren, müssen die Heilsbotschaften defensiver daherkommen. Zuletzt warb Guinness mit der Parole „Made of More“.

Ganz so viel ist da allerdings gar nicht: Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser sind die Zutaten, seitdem Arthur Guinness in Dublin anfing, Porter zu brauen. Am 31. Dezember 1759 übernahm er 34-jährig eine heruntergekommene alte Brauerei am St. James’s Gate. Die im Original erhaltene und als Kopie in den Boden des Guinness Storehouse eingelassene Pachturkunde sicherte ihm den Standort für unglaubliche 9000 Jahre. „Man weiß nicht genau, warum“, sagt Eibhlin Roche, die uns ins Archiv des Guinness Storehouse eingeladen hat. Möglicherweise tat er es aus der Panik heraus, die britische Kolonialmacht, die seinerzeit überall das Land von irischen Bauern raubte und es englischen Lords übertrug, könnte bald auch den Grund an der damaligen westlichen Stadtgrenze von Dublin einkassieren. „Er wollte irisches Land in irischer Hand halten“, vermutet Roche.

Von Alkoholikern zu ehrlichen Biertrinkern

Das von Mr. Guinness gebraute Bier wurde  binnen kurzer Zeit zum „communal drink“, wie Archivarin Roche erzählt. Schon allein deshalb, weil es frisches Wasser enthielt, ein damals unerreichbares Gut für die meisten Iren. Sie behalfen sich bis dahin weithin mit Whiskey, weshalb man mit gutem Gewissen sagen kann, dass Guinness ein Volk von Alkoholikern zu einem Volk von ehrlichen Biertrinkern umerzogen hat. Schon unter Arthur Guinness II, dem Sohn des Gründervaters, stieg Guinness zur größten Brauerei Irlands auf. Eine weitere Generation später wurden am St. James’s Gate immerhin 1,2 Millionen Fässer pro Jahr gezimmert und gefüllt – mehr als in jeder anderen Brauerei auf dem Planeten.

Das alles prägt die Stadt bis heute. Angefangen bei den Company Houses, die man im 19. Jahrhundert im Viertel The Liberties für die Arbeiter bauen ließ, die nebenher auch kostenlose Mahlzeiten, medizinische Versorgung und bezahlten Urlaub erhielten. Auch einen Betriebskindergarten unterhielt die Brauerei seit den frühen Tagen; gegenüber der Saint Patrick’s Cathedral ist das rote Backstein-Haus heute Sitz des Iveagh Trust, der sich daraus entwickelte: eine 1901 vom damaligen Firmenpatron Edward Cecil Guinness gegründete Stiftung, die Dubliner Bedürftigen würdiges Wohnen ermöglicht. Bereits zehn Jahre zuvor ließ die Brauereifamilie den an ihr Anwesen grenzenden Privatpark St. Stephen’s Green in öffentliches Grün umwandeln. Auch die südlich davon gelegenen Iveagh Gardens schenkten sie der Stadt.

Ob dort, auf den sich über zehn Hektar erstreckenden Wiesen im Herzen Dublins, oder, sollte das Wetter arg irisch sein, in der fünf Minuten vom Nordwestende des Doppelparks gelegenen „The Long Hall“, dem besten Pub der Stadt – die Dubliner feiern den Geburtstag des Hauses Guinness, wie es sich gehört: trinkend. Und mit einem Vers des irischen Nationaldichters Brian O’Nolan auf den Lippen: „When things go wrong and will not come right / Though you do the best you can / When life looks black as the hour of night / A pint of plain is your only man.“