An das gepolstertes Haupt dieses Traumbetts lehnt man sich auch tagsüber gern: „Someday“ entwarf Hanne Willmann für die deutsche Möbelmanufaktur Schramm.
Foto: Merk & Mark/© Schramm Werkstätten

BerlinDie Designerin arbeitet sehr nah an der Scheibe. So bekommt sie viel Tageslicht ab. Aber Hanne Willmann sitzt dadurch auch wie in einem Schaufenster, eingekeilt zwischen orientalischen Imbissen und Start-up-Büros nahe der U-Bahnstation Eberswalder Straße. „Ich bin es gewohnt, auf kleinem Raum klarzukommen“, sagt sie, während sie hereinbittet in das „Studio Hanne Willmann“, ein erdgeschossiges Zimmer von knapp 20 Quadratmetern, das sie sich sonst mit zwei Mitarbeiterinnen teilt.

Das Lächeln der 31-Jährigen verrät: Sie ist es gewohnt, dass ihre Besucher in diesem Prenzlauer-Berg-Umfeld etwas anderes erwarten. Also mindestens ein Loftambiente im aufmöblierten Industrie-Chic, das sich im Hinterhof auftut. So etwas gibt es hier nicht, nur einen Lagerraum im Keller. Dort, sagt Willmann, „veranstalten wir auch manchmal unser Kreativ-Chaos. Ansonsten räumen wir die Computer von unseren Tischen, wenn wir mehr Platz benötigen, um an neuen Formen zu arbeiten.“

Mit Chichi muss man ihr nicht kommen: Hanne Willmann. 
Foto: Merk und Mark

Diese Frau kann zupacken. Und es gehört offensichtlich zu ihren herausragenden Charakterzügen, den Blick fürs Wesentliche zu bewahren, wenn andere Formprofis sich verzetteln oder sich in gedanklichen Ausschweifungen verlieren. Es liegt gerade einmal fünf Jahre zurück, dass Hanne Willmann ihr Studium an der Berliner Universität der Künste abgeschlossen hat. Sie hat sich danach unmittelbar als Produktdesignerin selbstständig gemacht, in ihrem jetzigen, eigentlich längst viel zu kleinen Studio.

Bei der Möbelmesse „imm cologne“ Anfang des Jahres in Köln präsentierte Willmann gleich sechs Neuheiten und untermauerte damit ihren Status als weiblicher Star der deutschen Produktdesign-Szene, die ansonsten von Männern wie Konstantin Grcic, Stefan Diez oder Sebastian Herkner dominiert wird. Schon 2017 wurde die in der niedersächsischen Kleinstadt Friesoythe aufgewachsene Ingenieurstochter mit dem „German Design Award“ ausgezeichnet. Seitdem verläuft ihre Karriere steil nach oben.

Hanne Willmann entwirft Lampen, Geschirr, Stühle, Regale, Betten oder Bad-Accessoires. Sie arbeitet als Kreativ-Direktorin für das bekannte Unternehmen Interlübke, ihr Repertoire erweitert sich mit imposantem Tempo.

Willmanns Garderobe „Levi“ für Interlübke: Die Spiegelfront ist verschiebbar, die Box dahinter gibt es auch mit Regalfächern. 
Foto: Thomas Wiuf Schwartz/ © Interlübke

Ein viel beachteter Blickfang beim Kölner Branchentreffen war die Liege mit dem Namen „Charpai“, die Willmann für die Marke Schönbuch entwickelt hat. Als Charpais bezeichnet man in Indien flache längliche Gestelle, die in vielen Häusern zum alltäglichen Inventar gehören. Sie sind schnell zu verrücken, werden zum Ausruhen benutzt, dienen aber auch als Abstellfläche. Hanne Willmann hat diese leichtfüßige Flexibilität in eine eigene Ästhetik transformiert. Entstanden ist ein Tagesbett (ohnehin eine hochaktuelle Möbelform), das durch besondere puristische Eleganz besticht. Die flachen, strapazierfähigen Kissen, farblich variabel und individuell zusammenstellbar, machen im Handumdrehen aus einem Schlaflager eine Sitzreihe oder eine Bücherablage nebst Leseplatz.

Ihr Design sei „vor allem sehr clean“, sagt Willmann. „Ich strebe eine große Klarheit an und setzte sie mit viel Leidenschaft im Detail um. Im Idealfall wirken meine Produkte sehr harmonisch, während auf dem zweiten Blick dann kleine, positive Irritationen eine Rolle spielen.“ Dazu passt, dass die sichtbar auch modisch versierte Designerin gerne Overalls trägt; bei unserem Treffen ist es eine schwarze Variante aus elegant fallendem Stoff, die Hosenbeine weit geschnitten. Es ist die Symbiose aus Arbeitskleidung, klug gesteuerter Außenwirkung und sensiblem Stilempfinden.

Farbe, aber bitte mit Finesse: die 70 cm breite Liege „Charpai“ von Hanne Willmann für Schönbuch. Das Gestell ist aus Massivholz, die Bezüge gibt es aus Kvadrat-Stoffen oder Leder.
Foto: Thomas Wiuf Schwartz/© Schönbuch

Im Regal neben Willmanns Schreibtisch steht eine Vase, die Aufmerksamkeit erregt, weil das wuchtige Betongefäß auf einem fragilen Glassockel fußt. Das lässt den verwendeten Beton geradezu schwebend vom Boden abheben. Hanne Willmann fertigte das Objekt noch während des Studiums und weckte damit die Neugierde des dänischen Labels Menu. Die Vase steht somit auch für ihren Frühstart ins Unternehmerische: „Wenn ich etwas Schönes schaffe, möchte ich auch darüber reden, es letztlich vermarkten“, sagt sie. „Zudem hatte ich das Glück, dass es im deutschsprachigen Raum immer noch kaum eigenständige weibliche Produkt-Designer gibt. So haben sich auch die Medien von Anfang an stark für mich interessiert.“

Die Zusammenarbeit mit den Dänen trug dazu bei, dass den Willmann-Produkten anfangs oft das Etikett „Nordic Style“ angehängt wurde. Doch ihre klare Formsprache und ihre Vorliebe für Naturmaterialien verdichten sich zu einem eigenen Stil, der sicher von ihren norddeutschen Wurzeln, aber genauso stark vom Bauhaus und der Moderne der 1920er-Jahre geprägt ist. Vor allem erweitert Willmanns Design stetig sein Vokabular. Sie sagt selbst: „Anfangs war ich minimalistischer. Doch ich habe das Gefühl, dass meine Entwürfe gerade etwas verspielter, opulenter und auch bunter werden. Es gibt ein gewachsenes Selbstvertrauen, jetzt noch mehr das abzurufen, was in mir steckt.“

Willmanns allererster Profi-Entwurf: die „Willmann Vase“ aus Beton und Glas für die dänische Einrichtungsmarke Menu.
Foto: Thomas Wiuf Schwartz/©Menu

Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit waren bei Hanne Willmann früh ausgeprägt. Sie erzählt von ihren Erfahrungen im Designstudium, das mehrheitlich Frauen abschließen, die sich auf dem Markt dann aber weniger durchsetzen können als ihre männlichen Kollegen: „Während sich die meisten anderen Studentinnen eher aufs Aktzeichnen freuten, habe ich damals das Hauptseminar ,Technologie und Konstruktion‘ gewählt – eine klare Männerdomäne.“

Holz stemmen, flexen, handfeste Mechanik – das habe sie „als Kraftanstrengung, aber auch als große Bereicherung“ empfunden. Frauen seien technisch nicht weniger talentiert, davon ist Willmann überzeugt. „Aber man muss sich auch trauen, Klischees zu überwinden.“

Dass Hanne Willmann schon als Kind solche Barrieren nicht kannte, lag stark am Elternhaus. „Als Ingenieur für Anlagentechnik hat mein Vater alle seine Kinder gleichermaßen gefördert“, erinnert sie sich. „Wenn meine Brüder mit Legosteinen ihre Schiffe bauten, habe ich selbstverständlich mitgemacht.“ Lächelnd fügt sie an: „Allerdings habe ich auch schon gerne die Kajüten eingerichtet.“ Ihrer kunstaffinen Mutter half sie beim Restaurieren alter Möbel: „Insofern führe ich meine Begabungen heute wohl ganz gut zusammen.“

Endlich eine zeitgenössische Vitrine, die nicht peinlich aussieht: Willmanns „S4 Cabinet“ für Tecta aus Holz und Glas ist von der Architektur des Dessauer Bauhaus-Gebäudes inspiriert.
Foto: Thomas Wiuf Schwartz/ © Tecta

Während in Skandinavien Produkt-Designerinnen im Premiumsegment eine Selbstverständlichkeit sind, ist Hanne Willmann im deutschen Markt noch immer die große Ausnahme. Das habe ihr zweifelsfrei geholfen, sich durchzusetzen. Willmann nennt zwei Frauen, die sie stark gefördert hätten: Carolin Sangha, die Kreativ-Chefin von Schönbuch, und Angela Schramm, die mit ihrem Mann Axel den Mittelständler Schramm zum internationalen Player in der Möbelbranche ausbaute. Als Jung-Designerin habe sie einen Entwurf an den Bettenhersteller geschickt: „Angela Schramm hat nach zwei Stunden geantwortet: ,Das finden wir gut und wollen es mit ihnen machen.‘ Hieraus ist schließlich unsere sehr fruchtbare Zusammenarbeit erwachsen.“

Im Tablett „Kaede“ für Schönbuch verbindet Hanne Willmann japanische und skandinavische Ästhetik auf (auch im wörtlichen Sinn) spannende Art. In zwei Größen, neben Ahorn (Foto) auch in dunkel geöltem Nussbaum. 
Foto: Thomas Wiuf/© Schönbuch

Weibliches Design? Es ist ein Attribut, das für Hanne Willmann keine Relevanz hat. „Natürlich gibt es Unterschiede im Gestaltungsprozess, beispielsweise wuchtig und massiv im Gegensatz zu einer feineren Gestaltung“, sagt sie. „Doch es stört mich, dass meiner Arbeit das Attribut feminin meistens dann zugeschrieben wird, wenn der Betrachter weiß, dass es eine Frau gemacht hat. Genau das möchte ich gerne aufbrechen.“

In einem Vorstellungsgespräch bei einem Kunden sei sie vor Jahren einmal mit dem Satz konfrontiert worden: „Wie wäre es denn, wenn Sie erst mal mit einem Accessoire anfangen?“ Willmanns Reaktion war ebenfalls eine Frage: „Ist das bei Ihnen generell so, dass die Männer fürs Große zuständig sind, und die Frauen die Vasen gestalten?“

Neben ihrem Computer liegen mehrere Bücher, die frisch eingekaufte Lektüre fürs Wochenende. Obenauf liegt der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. „Am Kamin lesen, meditieren, gut essen, mit meinem Mann Zeit verbringen – das brauche ich als Ausgleich“, sagt Willmann. „Sonst würde ich im Job am Rad drehen.“ Ein Buch über Design findet sich nicht in dem Stapel.

Studio Hanne Willmann, Pappelallee 10, 10437 Berlin.  Adresse für Projektanfragen: mail@hannewillmann.com