Schmeckt nach Meer: Muscheln mit Fenchel und Pinienkernen.
Foto: Manuel Krug

Berlin-MitteBis ganz oben auf meine Testliste hatte sich zuletzt das Bean hochgearbeitet. Ein Kollege pries den Laden als die „wunderbarste Weinbar der Stadt“, wo man nicht nur Champagner und Naturwein, sondern auch sensationelle portugiesisch-spanische Tapas bekommt. Dann kam Corona, und den Rest kennen Sie. Zeit also, den überfälligen Besuch nachzuholen.

Ganze 40 Quadratmeter klein ist das Bean, eingeklemmt zwischen Polizeiwache und Nagelstudio auf der Brunnenstraße, dort, wo früher in „Doris Bistro“ Dartspieler hinter grünen Jalousien ihre Pfeile verschossen. Es lohnt sich, den ersten Impuls zu unterdrücken und nicht über den Wandel der Brunnenstraße zu lamentieren. Besser ist es, genau hinzugucken, wie viele individuelle – ich nenne sie gern „Autorenläden“ – hier auf wenigen Metern geschaffen wurden. Das Bean zählt dazu, genau wie die wunderbare Buchhandlung Ocelot, in der ein kompetentes Team Lieblingsliteratur kuratiert, das winzige Restaurant Volk ebenso wie das Buck & Breck, 2015 mit den Mixology Bar Awards als „Beste Bar Deutschlands“ ausgezeichnet.

Letzteres wird übrigens vom selben Betreiber wie das Bean geführt. Er heißt Gonçalo de Sousa Monteiro, und wenn es einen Satz gibt, der ihn beschreibt, dann dieser: Wer genau das macht, was er liebt und beherrscht, wird seine Gäste begeistern, weil sie das spüren.

Im Bean darf man als Gast an drei, eigentlich vier, Leidenschaften von Gonçalo de Sousa Monteiro teilhaben: Champagner, Naturwein, Konserven – und Schallplatten. In der aufs Notwendige reduzierten, in warmen Rottönen gehaltenen Weinbar mit offener Küchennische und Metallhockern an Eiche-Marmor-Hochtischen dreht stets Vinyl auf dem Plattenspieler: Highlights aus de Sousa Monteiros Sammlung von Jazz- und Soulgöttern wie Chet Baker oder Ann Peebles, dazu auch mal der frühe Elton John oder French House.

Ich mag die Musik hier, aber von den drei anderen Leidenschaften verstehe ich mehr. Trotzdem würde ich sagen: Am besten lässt man den Gastgeber einfach machen. Ich empfehle, sich auf dem etwas durchgesessenen Ledersofa bedienen zu lassen. Es steht in der Fensterfront des Ladens, die im Sommer komplett geöffnet wird, sodass man drinnen und draußen zugleich sitzt und das Treiben auf der Brunnenstraße beobachten kann.

Drinnen und draußen zugleich: der Bean-Lieblingsplatz unserer Autorin.
Foto: Manuel Krug

Zum Beginn schenkt Monteiro ein Glas wirklich besonderen, ungefilterten Champagner ein: Jacquesson 742 aus einem kleinen Champagner-Haus mit langer Geschichte, der unter Verzicht auf Unkrautvernichter bionah ausgebaut wird und spontan auf der Feinhefe gärt. Seine Anklänge von Brioche und gerösteten Nüssen ergänzt der Gastgeber durch ein Schälchen Salzmandeln aus der Türkei. Dazu gibt es die fleischigsten grünen Oliven aus Sizilien, die ich je gegessen habe.

Die Tapas sind übersichtlich, aber mehr als das nur übliche Bar-Food. Im Mittelpunkt stehen Leckereien wie Anchovis, Sardinen, Oktopus und Muscheln, die aus ausgesuchten Konserven stammen. De Sousa Monteiro ist Portugiese und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die besten ausfindig zu machen und zu importieren. Mit frischen Kräutern und Gemüsen, plus Aromen von Zitrone und besonderen Olivenölen, aber gern auch mit Sherry werden diese Schätze verfeinert.

Die Köchin ist am Tag meines Besuchs krank. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das als Restaurantkritikerin jemals schreiben würde, aber so ist es: Ihre Abwesenheit tat dem Erlebnis kaum einen Abbruch. Zwar kann die am Herd eingesprungene Lebenspartnerin von de Sousa Monteiro nicht alles wie gewohnt zaubern, weshalb es diesmal keinen Bacalhau, also Stockfisch, und keine Blutwurst mit Rosenkohl und Bohnenpüree gibt. Aber das, was geht, schmeckt herrlich.

Zunächst gibt es mit viel Olivenöl angeröstetes Roggenbrot, auf dem eine perfekt gegrillte, enthäutete Paprika die angenehm salzigen und gar nicht kratzigen Anchovis süßlich ergänzt. Auf der anderen Scheibe lockt eine cremig schmelzende Dorschleber mit grobem Meersalz und leichter Rauchnote. De Sousa Monteiro bringt dazu einen knochentrockenen, aber spannenden Muskateller Naturwein vom österreichischen Winzer Loimer aus Langenlois. Auch die Meerscheidenmuscheln schmecken fantastisch dazu, sie werden hier von einem trockenen Manzanilla-Sherry und frischen Orangen- und Fenchelnoten umspielt. Zu den Polpette, also Fleischbällchen, in einem zimtigen Tomatensud wird mir dann noch ein georgischer Naturwein eingeschenkt. Es ist herrlich.

Ich könnte ewig auf dieser Couch sitzen und mich darüber freuen, in welche Richtung sich die Brunnenstraße entwickelt.

Preise: Snacks wie Oliven 1 bis 3 Euro, Fisch und Fleischgerichte 3,50 bis 8,50 Euro. Champagner Jacquesson 742 als Flasche 95 Euro, offener Champagner 9 Euro pro Glas, Weine 4,50 bis 8 Euro pro Glas.