Oft unerkannt am Wegesrand: Die Wilde Möhre (Daucus carota) mit ihren unterschiedlichen Blütenständen macht sich auch im Garten hervorragend.
Foto:  Rainer Elstermann

Berlin/UckermarkZum Herbstbeginn wird es höchste Zeit, sich über eine ganz bestimmte Pflanzengattung Gedanken zu machen: die Geophyten. Sie müssen jetzt gesteckt werden, um uns im nächsten Frühjahr und Sommer mit ihrer Blüte zu erfreuen. Geophyten (übersetzt „Erdgewächse“) sind Pflanzen, die ungünstige Zeiten wie Kälteperioden oder lange Trockenheit mittels unterirdischer Organe überdauern. Stauden schaffen das mit ihren Wurzeln, Geophyten hingegen besitzen dafür Rhizome, also Zwiebeln oder Knollen.

Das virginische Blauglöckchen (Mertensia virginica) gehört zu den Knollenpflanzen und ist einer meiner Frühlingsfavoriten. Da die Pflanze mir im Garten abhanden gekommen war, habe ich sie mir gerade neu bestellt. Zum Glück wusste ich schon, was dann auf mich zukam: Die Lieferung bestand aus kleinen Töpfen mit schwarzer nackter Erde – von einer Pflanze keine Spur. Beigelegt war ein Hinweis, der Neulingen erklärte, weshalb nichts zu sehen war. Die Pflanze zieht sich nämlich, so wie alle anständigen Frühlingsgeophyten, im Sommer komplett ein. Ein bisschen komisch kam ich mir dann aber schon vor, als ich die kleinen Haufen Erde einpflanzte, in der Hoffnung, dass darin auch wirklich ein Rhizom sein möge.

Auch Möhren sind Geophyten, da Rübenpflanzen mit ihren Knollen ebenfalls zu dieser Gattung zählen. Die Wilde Möhre (Daucus carota) ist eine Wegesrandpflanze, die sicher viele von uns schon einmal gesehen haben. Sie hat die allerschönsten Blüten. Ich benutze diesen Superlativ nicht oft, aber hier ist er wirklich angebracht: Die Blüte durchläuft eine interessante Metamorphose, während der sie in jedem Stadium schöner wird. Die erst nach unten gerichteten weißen Dolden krallen sich im Verlauf der mehrwöchigen Blütezeit nach oben hin zusammen, bis sie eine gelblich grüne Kugel bilden. Wegen ihrer verschiedenen Blühstadien gehört die Wilde Möhre zu den Pflanzen, die es in meinen eigenen Garten geschafft haben. Übrigens: Als zweijährige Pflanzen sammeln Wilde Möhren im ersten Jahr Kraft, um dann im zweiten Jahr ihre Blüte zu zeigen. Die meisten Zweijährigen machen ihrem Namen alle Ehre und kommen leider kein drittes Jahr, allerdings versamen sie sich recht willig. Mit ein bisschen Glück (das heißt, wenn der Standort passt) bleiben sie einem dadurch eben doch erhalten.

Die Wilde Möhre lässt unseren Gartenprofi nicht los. Hier porträtierte er sie mittig (mit gelber Schafgarbe ) in einem Tryptichon. Das Ölbild hängt aktuell in seinem Wohnzimmer.
Foto: Rainer Elstermann

Die bekanntesten sommerblühenden Geophyten sind die Lilien. Um es gleich zu sagen: Ich bin kein ausgesprochener Fan. Lilien gehören zu den wenigen Gartenpflanzen, die mir als Schnittblumen sogar lieber sind. Aber auch hier gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel die Türkenbundlilie (Lilium martagon), allen voran die geheimnisvoll dunkle Sorte „Claude Shride“. Der deutsche Name der wild aussehenden Türkenbundlilien geht übrigens auf ihre umgeklappten Blütenblätter zurück, deren Form die Menschen früher an Turbane erinnerte.

Die, im wahrsten Sinne des Wortes, Queen der Lilien ist die Lilium regale (Königslilie). Sie ist auch die Königin meines „Gartenherzens“. Dabei ist sie völlig unkapriziös, ganz im Gegensatz zu ihren plebejischeren Schwestern, die ununterbrochen umsorgt werden möchten. Von der Königslilie gibt es zwei Varianten, die gewöhnliche weiße mit rosaroten Enden und eine reinweiße. Beide blühen mit demselben schweren Vanilleduft, der im Sommer weithin die Gartenluft erfüllt.

Die Königslilie in voller Pracht: Wer die Zwiebeln rechtzeitig im Herbst steckt, kann sich im nächsten Sommer an einem betörend duftenden Garten erfreuen. 
Foto: Rainer Elstermann

Eine Gefahr für alle Lilien sind die Lilienkäfer, auch Lilienhähnchen genannt. Sie können enormen Schaden an den Pflanzen hinterlassen. Es hilft nur das Abstreifen, aber dabei muss man wissen, wie. Die kleinen roten Käfer sind nämlich raffiniert und merken, wenn sich eine Hand nähert. Dann lassen sie sich flugs so zu Boden fallen, dass sie mit dem Bauch nach oben landen. Dieser ist tiefschwarz wie die Erde und man findet sie nicht mehr. Um solche „Absprünge“ zu verhindern, sollte man sich von unten nähern und nach oben hin abstreifen.

Es gibt aber noch einen Trick – und da ich den selber erfunden habe, sollte ich ihn mir vielleicht patentieren lassen: Ich pflanze Schnittlauch ganz in die Nähe der Lilien. Auch Schnittlauch ist als Geophyt bei den Lilienkäfern heiß begehrt, und so tummeln sie sich auf dessen Halmen schon früh im Jahr, wenn die Lilien sich noch gar nicht erhoben haben. Et voilà: Von den glatten Schnittlauchstängeln kann man die Käfer nun ganz besonders gut abstreifen und ihnen den Garaus machen, noch bevor die Lilien erwacht sind.

Neben den Lilien gibt es auch viele Zierlauche, die im Sommer blühen; es kommen immer mehr davon auf den Markt. Eine Sorte, die zu den Präriestauden gehört, ist der zungenbrechende Allium sphaerocephalon, der in der Landwirtschaft früher als Signalpflanze (Anzeiger für Bodenbeschaffenheit) genutzt wurde. Im Englischen trägt er den schönen Namen Drumstick. Bei uns wird er irreführenderweise Kugellauch genannt, obwohl er ovale Blütenköpfe hat. In einer Gräserbepflanzung aus Stipa tenuissima oder auch Deschampsia cespitosa sieht er unerreicht schön aus. Hier gebe ich den Tipp (wie bei allen Zwiebelpflanzen), lieber Massen davon zu pflanzen als nur ein paar wenige Exemplare. Sie können sonst leicht verloren aussehen.

Schon in natura wie gemalt sieht die Tulpe „Belle Époque“ aus, hier vom Autor samt Schneckenbesuch fotografiert. 
Foto: Rainer Elstermann

Zuletzt möchte ich zu den Tulpen zurückkommen, über die ich schon in meiner Kolumne „Welche Blumenzwiebel die Stilprofis jetzt ordern“ ausführlich berichtet habe. Und zwar zu einer richtigen Schönheit, die aber das Kennerauge braucht – denn wahre Schönheit offenbart sich oft erst bei näherer Betrachtung.

So ist es auch bei dieser Tulpe. Versteckt man sie inmitten ihrer popfarbigen Artgenossen, besteht die Gefahr, dass sie untergeht. Erkennt man aber ihre koloristisches Raffinement und weiß sie mit subtilen Begleitfarben in Szene zu setzen, gibt es keine schönere im Garten. Die Rede ist von Tulipa „La Belle Époque“. Ihre cremebeige-cappuccinofarbene Blüte mit altrosa und kastanienbraunen bis weinroten Pinselstrichen ist einzigartig unter den Tulpen. In einer schlichten Vase vor monochromer Wand ist sie auch im Haus ein Höhepunkt des Gartenjahres.


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung