„Die Läden brauchen Nachschub“: Martina Gaul und ihre Glanzstücke.
Berliner Zeitung / Markus Wächter

BerlinDie goldenen Kugeln auf violettem Untergrund sind an lila Schleifen aufgereiht; ob klein oder groß – die Kugeln sind identisch. Auf ihrer geriffelten Oberfläche bricht sich kreuzförmig ein Licht. Moment mal, das ist doch nicht etwa? Aber ja doch. Das Auge täuscht den erinnernden Verstand nur für wenige Sekunden. Auf dem Geschenkpapier glänzt kein Christbaumschmuck, sondern die Turmkugel des Fernsehturms am Alexanderplatz.

Die Designerin des verblüffenden Musters, Martina Gaul, steht in ihrem Haus in der Zehlendorfer Waldsiedlung und faltet einen Bogen mit den Alex-Kugeln präzise zusammen: Ecke auf Ecke, dann den Falz glatt gestrichen und den Bogen vorsichtig in eine transparente Zellophanhülle geschoben. „Die Läden brauchen dringend Nachschub“, sagt sie. Frau Gaul ist 62 Jahre alt und von großer Statur. Mit ihrem gestuften Pagenkopf und den fröhlichen Augen wirkt sie jugendlich.

Drei Jahre nach seiner Einführung ist das Weihnachtspapier aus und mit Berlin gefragt, die Alex-Kugeln oder auch der Erzgebirgsstern, der sich bei scharfem Hingucken als zwölffacher Funkturm herausstellt. Außerdem ein nachdenklicher Engel – in Wirklichkeit ein Foto des Schillerdenkmals am Gendarmenmarkt – und die Winterstimmung an der Museumsinsel.

Da gibt man gern die Kugel: der Berliner Fernsehturm als digitales Fotomuster.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

Jedes Mal wird der Betrachter gefoppt, wenn er das Papier ansieht und sich ein wohliges Gefühl einstellt, weil man eins der herkömmlichen Motive vor sich glaubt. Weihnachtliche Vorfreude und die Ikonen Berlins spielen miteinander Fangen, übrig bleibt ein Lächeln. Auch ein bisschen Hunger auf mehr: Gibt es noch weitere optische Tricks, mit denen Margalí, wie das Unternehmen sich nennt, die Käufer auf den Arm nimmt?

Fünf Hauptstadt-Kollektionen, zwei Dutzend Designs

Gibt es durchaus. Martina Gaul hat bislang fünf Hauptstadt-Kollektionen und rund zwei Dutzend weitere Designs entworfen. Da wird aus dem Mosaik auf dem „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz eine bunte Bordüre, aus einer Bank im Mauerpark ein Kaleidoskop. Andere Symbole wie das Brandenburger Tor, die Oberbaumbrücke oder die Viktoria auf der Siegessäule mutieren auf Papier – im Wechsel mit knallfarbigen Feldern  – zum Schachbrett. Oder Street-Art wird dupliziert und verbindet sich auf einem Bogen zum indisch anmutenden Farbfeuerwerk.

Nach so viel optischem Input ist ein Blick aus dem Fenster wohltuend. Das Wäldchen Vierling beginnt direkt hinterm Garten des Hauses. Winterlich liegt es da, ganz in Grün und Braun. Farbexplosion versus Monotonie: Solche Kontraste sind auch ein Motiv in Martina Gauls Leben. Sie hat immer viel gewechselt, ging von Job zu Job, von Land zu Land, fand immer Neues, das sie interessierte, und ließ es dann wieder hinter sich für andere, bessere Pläne.

Gelernt hat sie in den 80er-Jahren Fremdsprachenkorrespondentin, legte in Spanisch die Dolmetscherprüfung ab, arbeitete aber kaum in dem Beruf. Das Leben trieb sie mal hier- und mal dorthin: von Barcelona zurück in ihre Heimatstadt Berlin, von dort nach Meißen, Paris und auch mal nach Frankfurt an der Oder. Meistens arbeitete sie als Vorstandsassistenz in internationalen Start-up-Unternehmen. Sie nennt sich selbst scherzhaft eine „Start-up-Expertin“.

„Ich habe bestimmt in 15 Start-ups gearbeitet“, sagt sie, nicht ganz ohne Reue. Immer wieder bei null anfangen mit großen Hoffnungen, die nach und nach der Realität und ihren Fallstricken weichen: den Fehlplanungen, den Fehlinvestitionen, dem Personal, das nicht passt. Andererseits kommt der häufige Wechsel ihrem Temperament entgegen. „Ich brauche viel Veränderung“, sagt sie. „Den Kontakt zu anderen Kulturen finde ich läuternd.“ Er helfe dabei, die eigene Kultur aufzuklappen und mit frischem Blick draufzugucken.

Der neue Blick auf das Bekannte – da sind wir wieder beim Geschenkpapier. Die Idee dazu hatte sie, als sie sich 2015 beruflich coachen ließ. „Ich wollte gern etwas mit den Händen machen“, erinnert sie sich. Seit langem fotografiert sie. Sie sagt, sie sähe „Sachen, die andere nicht sehen“. Details, wie die besondere Spiegelung einer Jacht in einem Hafen. Oder Boxershorts, die in den Bergen einsam an einer Wäscheleine am Wegesrand baumeln.

Leise rieselt der Ringelreihn: Für die Sterne gruppierte Gaul den Berliner Funkturm im Kreis. 
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

„SchenkPapier“ –  Martina Gauls Lebenspartner fand den Namen und dichtete kleine Sprüche für den Website wie „Ist dein Geschenk ein alter Hut, mit SchenkPapier wird alles gut“. Ein Neffe stiftete seine Fotos, eine Freundin ihren Hund als Fotomodell für ein Papiermotiv. Ein Rechtsanwalt klärte Fragen zum Urheberrecht, denn Abbildungen von Berliner Wahrzeichen dürfen nicht einfach so vervielfältigt und verkauft werden. Martina Gaul suchte und fand Druckereien, die ihr Papier in ordentlicher Qualität herstellten. Und sie entwarf Beschriftungen und Banderolen, die mit in die Zellophantüten wandern, wenn diese gepackt werden.

Viele Hundert Schritte ergaben den Weg zum eigenen Papier, das inzwischen in rund zwei Dutzend Berliner Läden, aber auch vereinzelt in Köln oder Leipzig zu kaufen ist. Eine Collagemappe mit vier Bögen und passenden Karten kostet 9,90 Euro, ein Set mit vier Bögen 6,90 Euro. Auch die Geschäfte, vom Künstlerbedarf Boesner über Hugendubel bis zu Museumsläden, akquirierte Martina Gaul selbst und versorgt sie persönlich mit Nachschub. Dann fährt sie in ihrem kleinen Chevy von Zehlendorf in alle Ecken Berlins und füllt diverse Aufsteller auf, schreibt Lieferscheine und plaudert mit den Geschäftsinhabern, damit diese ihr wohlgesonnen bleiben.

Die Begeisterung der Kunden will sie miterleben

Was mühsam klingt, ist ihr eine Freude, denn das Geschenkpapier ist ihr Baby, das sie hegt und pflegt. Am liebsten sind ihr die Kunden, die einfach anrufen oder sie anmailen, um bei ihr direkt einzukaufen. Wie Monika Tiedig zum Beispiel, die an diesem Morgen vorbeigekommen ist und für 100 Euro Bögen einkauft. „Ich verschenke das Geschenkpapier an meine Freunde“, sagt sie. Es ist ja auch wirklich fast zu schade, es bloß zum Einwickeln zu benutzen.

„Bei den Kunden kommt immer so viel Begeisterung rüber“, sagt Gaul, „und mir ist es wichtig, diese Freude abzubekommen. Das ist für mich die treibende Kraft.“ Sich vergrößern, einen Online-Shop einrichten, versuchen ins Sortiment der großen Papieranbieter zu kommen – das ist derzeit nichts für sie. Zumindest momentan wolle sie den Verkauf nicht anonymisieren und automatisieren.

Zurzeit hat sie noch einen 20-Stunden-Job in einem Start-up in Mitte, das sie in einer Umstrukturierungsphase begleitet. Ideen für neue Berlin-Papiere hat sie auch. Nach Weihnachten setzt sie sich dran. Die Mosaike der Stadt – vom Kino International bis zum Gripstheater – will sie auf Papier bannen. Und noch mehr Street-Art verarbeiten. Aber Eile hat das nicht. „Ich will es langsam haben“, sagt sie. Schließlich muss auch noch genug Zeit bleiben, die eigenen Weihnachtsgaben in „SchenkPapier“ zu verpacken. Soviel Eigenwerbung muss sein.