Nur noch Take-away gibt es zurzeit beim Restaurant Estelle Dining. Aber die Sauerteig-Pizza mit knusprigem Grünkohl schmeckt auch zuhause oder in der Praxis fantastisch.  
Foto:  Tina Hüttl

Berlin„Anderer Modus. Aber das Leben geht weiter“, schrieb die Köchin eines meiner Lieblingsrestaurants, des koreanischen NaNum, gerade in ihrem Newsletter. Genau das richtige Motto für diese bewegten Zeiten, finde ich. Viele geschlossene Restaurants führen uns in diesen Tagen vor, was wir schon immer wussten: Krisen machen erfinderisch, und zwar nicht nur aus der Not heraus, selbst überleben zu wollen. Sondern weil Untätigkeit in solchen Situationen einfach unerträglich ist.

Gratismenus für Ärzte und Supermarkt-Personal 

Tatsache ist: Viele Berliner Köche wollen helfen. Sie wollen ihre Mitarbeiter und ihre Gäste nicht im Stich lassen, eine großstädtische Grundversorgung sicherstellen und den Menschen, die gerade in diesen bewegten Tagen nicht selbst kochen können, ein warmes Essen bieten.

Vielleicht haben Sie von dem Projekt #KochenfürHelden gehört, das es mittlerweile in fünf deutschen Städten gibt. Der Koch und Gastronom Max Strohe und sein Team vom Berliner Sterne-Restaurant Tulus Lotrek haben es ins Leben gerufen, viele Kollegen haben gleichgezogen. Sie alle brutzeln ihre Kühlhäuser leer und machen in Riesentöpfen Gulasch, Nudeln oder ein Curry, das sich Ärzte, Supermarkt-Kassiererinnen oder Mitglieder der Feuerwehr, also Menschen in systemrelevanten Berufen, umsonst abholen können. Wo? Dazu reicht ein Blick auf den Website „Kochen für Helden“, auf dem sich alle Restaurants finden, bei denen man sich melden kann.

Damit die Lebensmittel nicht verderben und die Lieferanten nicht Pleite gehen, hat sich das Sterne-Restaurant Ernst etwas anderes ausgedacht: die Gourmetbox zum Abholen. Vergangene Woche gab es darin verschiedene Fische, Venusmuscheln, Austern von Fischern von der französischen Insel Noirmoutier sowie Halbfertig-Produkte wie das japanische Dashi, auf dem etwa die Miso-Suppe basiert. Alles von Kochstar Dylan Watson-Brawn selbst gemacht. Für Benachrichtigung, was sich gerade Leckeres zusammenbraut in Watson-Brawns Küche, kann man sich hier eintragen.

Wer der eigenen Kochkunst nicht traut, setzt seine Hoffnungen seit jeher auf den Lieferservice. Dass der nicht bei Pizza oder Sushi aufhören muss, lernen wir jetzt. Das NaNum etwa, das ich eingangs erwähnt habe, arbeitet neben dem mittäglichen Take-away gerade daran, so einen aufzubauen. Der wird dann, wie sie schreiben, „gegen häusliche Gewalt beim Kochen“ tolle Abendmenüs vorbeibringen.

Sie sehen also, der kulinarische Schaffensdrang ist noch lange nicht versiegt, nur weil die Berliner Gastronomie durch den Covid-19-Virus in den zeitweiligen Zwangsruhestand versetzt worden ist. Ich halte Sie in den nächsten Wochen auf dem Laufenden hierzu.

Anrufen und 15 Minuten später abholen: Klappt doch! 

Heute will ich Ihnen aber noch das Take-away des Estelle Dining in Prenzlauer Berg vorstellen. Nicht nur, weil die dortigen Sauerteig-Pizzen hervorragend sind, sondern auch, weil die beiden Betreiber ein bisschen Werbung gut gebrauchen können. Rebecca und Jared Bassoff, ein deutsch-amerikanisches Paar mit zwei Kindern, haben nach langer Ideen- und Renovierungsphase ihr erstes eigenes Lokal eröffnet. Und das erst vor ein paar Wochen – am 2. Februar. Damals wütete das Coronavirus bereits, aber die chinesische Provinz Wuhan war weit weg. Für uns alle. Mein Mann und ich waren vor Kurzem noch mit einem befreundeten Paar dort essen – und begeistert.

Jared Bassof ist gelernter Koch mit einigen eindrucksvollen internationalen Stationen, so etwa das Atelier Joel Robuchon des Hotels Four Seasons New York. Zuletzt hat er in der Küche des Restaurants The Store im Soho House gekocht. Sein Stil ist nicht leicht zu umreißen. Ich würde sagen, er macht ein ziemlich gesundes Essen mit viel Geschmack, der jedoch weniger vom Fleisch als vom Gemüse herrührt – von gebranntem Brokkoli, roten Zwiebeln, geröstetem Knoblauch, Bohnen und Linsen. Oft unterstützen Zugaben wie Liebstöckel, Koriander, Zitrone, Sesam, Mandeln oder auch mal eine Pilzcreme seine aromakräftigen Gerichte. Herzstück der Karte sind dabei einige sehr ungewöhnlich belegte Sauerteig-Pizzen. Diese gibt es derzeit, neben einem wechselnden Tagesgericht, auch zum Mitnehmen.

Das zu organisieren geht ganz einfach, ich habe mich überzeugt: Auf dem Website einfach auf Take Out klicken, dann anrufen oder mailen. Bereits 15 Minuten später kann man sein Essen durch einen Spalt in der geöffneten Terrassentür abholen. Ich habe die Pizza mit Grünkohl und Topinambur bestellt – der Beweis, dass eine Pizza auch ohne Tomaten und Käse saftig sein kann. Natürlich ist es schade, diesen wunderbaren Sauerteigboden mit Brandblasen nicht sofort und heiß an Ort und Stelle essen zu können. Doch er schmeckt auch noch ein wenig runtergekühlt. Die karamellisierten Zwiebeln und der nussige Topinambur sorgen für genügend Schmelz, frittierter junger Grünkohl für Knusprigkeit und Meerettich für den geschmacklichen Kick.

Wer im Homeoffice hockt, braucht Abwechslung doppelt

50 Gerichte pro Tag müssen abgeholt werden, damit das Paar wenigstens seine Fixkosten wie die Miete tragen kann. Dafür arbeiten die beiden fast rund um die Uhr zu zweit. Ihre vier festangestellten Mitarbeiter haben sie auf Kurzarbeit Null gestellt, hoffen aber, sie bald wenigstens zeitweise wieder beschäftigen zu können. Vielleicht auch, um Essen dann auszuliefern. An manchen Tagen läuft das Geschäft schon ganz gut, doch wir alle können helfen – und bekommen dafür eine wunderbare Abwechslung in die mitunter drögen Tage im Homeoffice. Mal abgesehen von der erfrischenden Radtour beim Abholen: Eine so fantastische Pizza bekommt niemand zu Hause hin.