Meine Therapeutin sagte mir, sie fände es gut, wenn ich mal ein paar neue Abenteuer erleben würde. Ich dachte mir: Ok, na dann ab auf Grindr. Dabei habe ich eigentlich ein durchmischtes Verhältnis zu spontanen Sexdates. Auf der einen Seite kann spontaner Sex mit einer fremden Person richtig hot sein. Auf der anderen Seite bin ich vorsichtig, was neue sexuelle Erfahrungen angeht, denn ich habe in der Vergangenheit sexualisierte Gewalt erfahren.

Von einer fremden Person getriggert werden, das ist halt wortwörtlich ungeil. Ich kann diese Art Situationen navigieren, aber sie sind emotionale Arbeit, wenn mir doch eigentlich von den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, Fun versprochen wird. Angespornt vom Vorschlag meiner Therapeutin, dachte ich, ich sei stabil genug. Auf Grindr begegnete mir ein Typus von Profil, den ich in der Vergangenheit immer neugierig beäugte, aber nie wirklich in Betracht zog.

Da war „cumslut4you“ (Profilname von der Redaktion geändert). Nennen wir ihn mal Herr C. Dieser Herr C. hatte folgenden Serviervorschlag für ein mögliches Sexdate: Er wartet auf seinem Bett kniend mit der Poppersflasche an der Nase und will ganz ohne Umschweife durchgenommen werden. Den Vorschlag unterbreitete er bereits in der Profilbeschreibung; wir kamen also ins Gespräch, und es war tatsächlich ziemlich lustig. Wir machten dumme Witze, handelten die Geschäftsbedingungen und Wünsche für das Date aus und machten einen Deal. Er zog einen Jockstrap an, und ich setzte mich in ein Uber und fuhr in seinen Kiez. Etwa 10 Euro ärmer und 15 Minuten später klingelte ich bei ihm.

Ein sexy Serviervorschlag für Herrn C.

Herr C. war nicht die erste Person, der ich auf diese Art begegnete. Das erste Sexdate aus dem gleichen Genre hatte ich ein paar Wochen vorher im Kiez. Der Typ hatte kein Profilbild, auch keine expliziten Wünsche im Profil, aber er schrieb mich an und machte sofort klar, worauf er Bock habe. Seine Selbstdarstellung war weniger durchdacht, sein Profilname klang weniger nach YouPorn, aber das Prinzip war dennoch das gleiche: Jockstrap, hinknien und die Frage: „Stört es dich, wenn ich am Poppers rieche?“ Meine Antwort: „Gar nicht.“ Ich will aber, dass du schon mit Gleitgel eingeschmiert bist, wenn ich hereinkomme. Und nur mit Gummi.

Eigentlich finde ich konkrete Absprachen vor Sexdates gar nicht so sexy, ich will, dass sich Dinge spontan ergeben, und bis zu einem gewissen Punkt ist diese Spontanität auch eine Form von Kontrolle: Denn wenn die andere Person keine expliziten Erwartungen an mich hat, fällt es mir auch leichter, mich wieder abzugrenzen und bei Bedarf auch zu gehen. Wenn die Person aber schon mit eingeschmierter Situation auf dem Bett kniet, naja, dann ist da eben doch eine sehr konkrete Erwartungshaltung im Raum. Kann ich sie erfüllen? Will ich sie erfüllen?

Wir basteln uns ein überraschend heißes Sex-Narrativ

Zurück zu Herrn C. Ich fand es überraschend heiß, in ein Zimmer zu kommen und zum Erfüllungsgehilfen der sexuellen Fantasien einer völlig fremden Person zu werden. Ich fand es auch überraschend heiß, einfach nur die Hose herunterzuziehen, vielleicht noch die Socken (Sex mit Socken kann ich irgendwie nicht) und dann langsam, aber bestimmt loszulegen. Ich fand es auch überraschend heiß, dass mir jemand so sehr vertraute.

Es gab mir ein Gefühl von Selbstermächtigung, dass die Person komplett passiv vor mir lag und ich dabei die Handlungsmacht über meinen Körper behielt. Das heißt nicht, dass ich die andere Person kontrolliere, aber mein Körper wird nicht angefasst, nur er fasst an, und ganz ehrlich: Der sexuell passive Teil der Konstellation hatte dabei viel mehr Kontrolle als ich. Herr C. machte einen Vorschlag, ich ging darauf ein. Alles war eine Geschichte: Da kniet der unterwürfige bottom und lässt sich von einem dom top durchnehmen.

Der Top kommt extra vorbei, nur für dich, und bedient sich an dir. Ein bisschen wie ein Rollenspiel war diese Art von Sexdate. Klar war ich in dieser Absprache dominant, aber ich fand es auch hot, dass ich gerade gebraucht wurde. Ich fand es hot, jemandem etwas zu geben, was er sich wünschte. Und darin steckte auch etwas liebevolle Care-Arbeit. Deswegen würde ich mich selbst auf der Top-bottom-Skala auch eher bei sensitive dom top einordnen.

Herr C. und ich führten nach dem Sex sogar noch ein kleines Gespräch. Er bot mir ein Glas Wasser an, ich wusch mir die Hände. Beide etwas mehr angezogen, tauschten wir höfliche Zärtlichkeiten aus und kamen ins Gespräch. Was machst du so, was treibt dich um, wieso findest du diese Art von Sex gut? Mir rutschte der Satz raus: „Ich finde es spannend, wenn Menschen ihre Sexualität so ausleben“ – und Herr C. antwortete: „Das ist nicht meine Sexualität, höchstens ein Teil davon.“

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr ich Herrn C. als Person ausgeblendet hatte, denn natürlich war seine Sexualität komplexer. Meine Sexualität ist auch komplexer, als wildfremde Typen ohne zu Küssen und ohne großen Körperkontakt am Jockstrap zu packen und loszulegen.

Oder doch ein anderes Abenteuer?

Meine halbseidene Karriere als einfühlsamer dom top fand nach ein paar dieser Dates letztlich wieder ein Ende. Zwar konnte ich mich in diesen Rollenspielen von einer Seite erleben, die ich sonst selten rauskehre, vielleicht in dieser Form sogar noch nie erlebt hatte. Aber erfüllend ist es auf Dauer dennoch nicht für mich. Es kommt doch immer wieder meine demi-sexuelle Diva durch – jener Teil von mir, der viel Vertrauen und eine intellektuelle Verbindung braucht, um wirklich befriedigende Sexualität zu erleben.

Ich will nicht sagen, dass ich Herrn C. und die anderen Vertreter seiner Praxis nicht wieder spontan in Jogginghose besuchen will – der Reiz ist da, aber wie Herr C. sagte: Es ist eben nur ein Teil meiner Sexualität. Ich bin also dankbar für den sexy Serviervorschlag und die notgeilen Narrative. Ich habe den größten Respekt vor dieser direkten Verhandlung von Sex.

Nennt mich verträumt, aber jetzt, wo Corona uns wieder weniger auf Distanz hält, wünsche ich mir mehr dieser spontanen Abenteuer. Abenteuer, bei denen ich nicht weiß, ob ich aktiv oder passiv sein werde, oder ob ich überhaupt Analsex will, heimlich hoffend, dass mehr als spontaner Sex daraus werden könnte. Bestimmt erzähle ich meiner Therapeutin von dieser abenteuerlichen Erkenntnis in unserer nächsten Sitzung.