Alle um einen Tisch: Wenn die Generationen sich mischen, entsteht ein stabileres Lebensgefühl.
Foto: imago images

Neue Wohnformen machen es möglich, im Alter selbstständig zu leben und trotzdem nicht alleine zu sein, sollte mal Hilfe nötig sein. Mehrgenerationenhäuser oder moderne Seniorenstifte, so wie sie Walter Bühler und Gisela Ballauf* für sich gefunden haben, bieten solche Vorteile. Unser dritter Kandidat, Rainer Vetter, schweift lieber in die Ferne: Er verbringt seinen Ruhestand im Ausland.

Haus der Generationen: Alltag mit Familie und Freunden

Mein Berlin: Herr Bühler vor der Kirchstraße 22.
Foto:  Gerd Engelsmann

Wer wünscht sich das nicht? Unabhängig wohnen und die Kinder ganz in der Nähe haben, mitten in der Großstadt und doch emotional bestens verankert. Walter Bühler hat sich diesen Traum erfüllt. In seinem Haus in der Kirchstraße 22 in Berlin-Moabit ist alles so, wie er es sich immer erträumt hat. Genau genommen, wie seine Miteigentümer und er es sich erträumt haben, denn insgesamt sind es zwölf Personen, die aus dieser Adresse ein Zuhause gemacht haben.

Alles begann 1984. Damals kaufte die Gruppe, zu der Bühler gehört, das Haus. „Wir kannten uns aus der benachbarten Friedensinitiative“, berichtet er. Nach dem Kauf kam die Sanierung und dann ein halbes Leben. 35 Jahre später sitzt der pensionierte Lehrer in seiner Wohnung im fünften Stock am Stubentisch. An den Wänden hängen Familienfotos, in den Regalen stehen Schulbücher, Nachschlagewerke und Romane.

Die erste Generation der Käufer ist grau geworden. Die Kinder sind ausgezogen, doch nach einigen Jahren kehrten nicht wenige von ihnen zurück. Die Tochter der Bühlers lebt mit ihrem Kind im Haus. Auch Kinder der anderen Paare fanden mit ihren Familien eine Wohnung. Und im Erdgeschoss gibt es weiter den Kinderladen, den die Bewohner vor 35 Jahren gegründet haben. Aber es gab auch Krankheit und Tod. Bühler wird still, wenn die Sprache darauf kommt.

Die Menschen im Haus stehen ihm nah. Auf Socken geht er einen Stock tiefer zu seinem Freund Günter Hiddo Hidden, 71. Die beiden machen in der Küche ein Bier auf und erzählen von alten Zeiten. Als die Ehefrauen der beiden Männer und ein Nachbar aus dem Hinterhaus vorbeikommt, wird gelacht und gefrotzelt. Die Zeit verfliegt. „Wenn ich die Wohnung verlasse, finde ich immer jemanden, zu dem ich gehen kann. Das ist das Wichtigste“, sagt Bühler. Weihnachten wird zusammen gefeiert, Geburtstage sowieso. „Wenn Menschen Altersdepressionen bekommen, entstehen die meist durch Einsamkeit“, sagt er. Die Kirchstraße 22 lässt das nicht zu.

Seniorenstift: Freiwillig ins Altenheim

Ein neues Zuhause im Seniorenstift.
Foto: Sabine Gudath

Die Sanierung ihrer Wohnung gab den Ausschlag: Damals, vor zwei Jahren, entschied sich Gisela Ballauf*, 71, freiwillig in ein Seniorenstift zu ziehen. Wie hoch die Miete nach der Modernisierung sein würde, stand in den Sternen. Ballauf wollte der Unsicherheit ein Schnippchen schlagen. „Ich habe immer versucht, selbstbestimmt zu leben. Jetzt konnte ich den Umzug aus der Kraft heraus machen, nicht aus der Schwäche“, sagt sie. Das Seniorenstift in der Nachbarschaft war ganz neu fertiggestellt worden und ihre Mutter lebte zu der Zeit auch noch im angeschlossenen Pflegeheim.

Die ehemalige Bibliothekarin konnte so im vertrauten Kiez bleiben, wo sie seit 50 Jahren zuhause ist. Sie wohnt in zwei Zimmern, auf 53 Quadratmetern, im dritten Stock; vor ihrem Balkon liegt eine Grünfläche. Das Wohnmodell heißt Service-Wohnen und schließt Dienstleistungen ein: Mahlzeiten, Waschen von Kleidung, Wohnungsputz, Hausmeister-Dienste, kulturelle Veranstaltungen.

Ballauf lebt selbstbestimmt, ohne Pflege, mit freundlichen Nachbarn. Statt des Fahrstuhls benutzt sie meist die Treppe. Wer ihre Wohnung betritt, vergisst, dass er sich in einem Seniorenheim befindet: Designer-Sessel, die vom Bauhaus inspiriert sind, weiße Bücherregale, Kunst an den Wänden. Die bodenhohen Fenster machen die Räume groß und eröffnen einen weiten Blick.

„Der Umzug war für mich eine Möglichkeit, Ballast abzuwerfen. Es ist nicht leicht, sich von Dingen zu trennen. Man liebt sie, weil sie Geschichten erzählen“, erzählt sie. Aber sie hat es geschafft und ist ohne Wehmut. Ballauf findet ihr neues Leben entspannter, genauso fröhlich wie bisher, und weiß, dass sie Hilfe bekommt, wenn sie welche braucht. Jeden Morgen geht sie an die Rezeption und holt sich ihre Zeitung. Das gibt ihr immer noch ein bisschen das Gefühl von Urlaub. Und wenn sie sagt, sie wohne im Altersheim, ist das Koketterie und trotzdem die Wahrheit.

*Name von der Redaktion geändert.

Ausland: Ruhestand unter Palmen

Rainer Vetter und seine Frau leben heute in Havanna.
Foto: privat/BLZ

Die geplante Südamerikatour von Rainer Vetter endete in Havanna, der ersten Station, denn hier traf ihn die Liebe. Migdalia Contreras, 70, studierte zu DDR-Zeiten in Berlin und sprach gut Deutsch. Vetter und sie wurden ein Paar und der einstige Stuttgarter „blieb auf Kuba hängen“, wie er sagt. Das war 2013. Inzwischen sind die beiden schon seit vier Jahren verheiratet. Zunächst pendelten sie, seit Januar haben sie sich in Havanna eingerichtet. Zur Liebe kamen bei Vetter Abenteuerlust und der Wunsch nach Veränderung hinzu. Auch das Geld spielte eine Rolle. „Mit 1000 Euro Rente ist es in Deutschland schwierig“, sagt der 73-Jährige.

Der Neuanfang glückte. In Havanna kann der ehemalige Versicherungsmitarbeiter von seiner Rente gut leben. Das Geld hebt er mit der Visa-Karte am Automaten ab. Aber ist es tatsächlich ein Traum, auf der Karibik-Insel zu wohnen? „Klar gehe ich zum Meer und genieße das gute Wetter“, sagt Vetter und lacht. Doch der Alltag stellt auch Anforderungen. Auf den Fotos, die er von seinem Zuhause schickt, ist eine gemütliche Wohnung zu sehen, die nicht viel anders anmutet als eine Wohnung in Deutschland. Um alles so einzurichten, musste Vetter sich bemühen. Auch heute noch besorgt er für kleine Renovierungen immer wieder Farben oder Baumaterial. „Manchmal suche ich im Baumarkt Sachen, die es gar nicht gibt“, sagt er.

In seiner Freizeit fertigt Vetter Keramiken, trifft die Familie seiner Frau oder Freunde. Zweimal in der Woche kommt eine Spanischlehrerin, denn die Sprache beherrscht er noch nicht sehr gut. Dennoch: Er will bleiben. Da ist er sich sicher.
Denn Heimweh hat Vetter keins. „Höchstens Äpfel fehlen mir“, sagt er.

In Deutschland vermisse ihn fast niemand, sagt er, nur seine ehemalige Vermieterin freut sich, ihm ab und an ein Care-Paket mit Büchern und Bratensoßen zu schicken. Die medizinische Versorgung auf Kuba bereitet ihm allerdings Sorgen. „Die Untersuchungsmethoden sind aus der Steinzeit“, sagt Vetter. Zum Sterben, fügt er hinzu, werde er wohl nach Deutschland kommen. „Dort gibt es Palliativmedizin.“