Der Eyeliner sei das Schwierigste, sagt Susanne Emmermann. „Es gibt blinde Frauen, die kriegen das hin, aber ich gehöre definitiv nicht dazu.“ Also verzichtet sie auf die feinen schwarzen Linien um die Augen – ist aber ansonsten rundum gut geschminkt. Das hat Emmermann nicht nur dem Berliner Star-Visagisten René Koch, sondern auch einem eigenen genialen Einfall zu verdanken.

„Ich habe René Koch auf die Idee gebracht, einen Schminkkurs für stark sehbehinderte oder blinde Frauen anzubieten“, erzählt die Sachbearbeiterin bei der BVG, die durch eine sogenannte Retinitis pigmentosa, eine fortschreitende Degeneration der Netzhaut, mit 32 Jahren ihr Augenlicht verlor. Sie habe dem bekannten Make-up-Künstler einfach eine schmissige Mail geschrieben: „Wollen Sie nicht ein bisschen Farbe in unser Leben bringen?“, fragte sie darin. Und: „Wir können zwar nicht sehen, aber wir wollen gesehen werden.“

Koch, der in seiner Karriere schon Marlene Dietrich und Hildegard Knef aufhübschte, meldete sich umgehend zurück – ein paar Jahre später erfreut sich sein kostenloser Kurs „Das ertastbare Schminken“ längst großer Beliebtheit. In seinen Workshops, etwa zum deutschlandweiten Sehbehindertentag am heutigen 6. Juni, gibt Koch seinen Teilnehmerinnen nicht nur eine Führung durch das Lippenstiftmuseum, das er in seiner Wohnung führt. Auch eine Farbberatung gehört zum Programm; darüber hinaus gibt Koch hilfreiche Tipps, wie sich all die schönen Töne auftragen lassen. „Erst mal geht es darum, das zusammen auszuprobieren“, sagt Susanne Emmermann, „und dann kommt es auf die Übung an.“

René Koch
Volles Haus: Seit Jahren sind René Kochs Workshops „Das ertastbare Schminken“ überaus beliebt.

Da sie selbst nicht von Geburt an blind gewesen ist, hat Susanne Emmermann eine Vorstellung davon, wie die aufgetragene Schminke aussieht und wirkt, was die Sache ein wenig vereinfacht. Bei Hannah Reuter ist das anders. Sie kam bereits schwer sehbehindert zur Welt, kann im Grunde nur Hell-Dunkel-Kontraste ganz schwach wahrnehmen. Wie Emmermann hat auch sie die Kurse René Kochs besucht – und geht nun gar nicht mehr ohne Make-up aus dem Haus. Dabei setzt Reuter auf das komplette Programm aus Foundation, Lidschatten und Mascara, Lippenstift und Rouge. Im Workshop hat sie wie die anderen Teilnehmerinnen gelernt, sich dem Schminken tastend zu nähern. „Viel machen wir mit den Fingern, weil wir so eine bessere Kontrolle haben als mit einem Pinsel“, sagt Reuter. „Außerdem ist unser Tastsinn ja ohnehin sehr gut geschult.“

Mascara statisch halten und mit den Wimpern darüberklimpern

Lippenstift und Rouge etwa ließen sich hervorragend mit den Fingern auftragen, wenn die Lippenkonturen und Wangenknochen vorher sorgfältig ebenso mit den Fingern erforscht worden seien. „Und was den Mascara angeht, hat uns René Koch einen großartigen Trick verraten“, erzählt Reuter: „Die Bürste statisch halten und mit den Wimpern darüberklimpern.“

Aya Schamoni
Ihr kam die Idee zu dem Schminkkurs: Susanne Emmermann, die auch die Maulwürfe on Tour gegründet hat.

Außerdem hat der Visagist ein Foundation-Puder im Salzstreuer parat, sodass die Kursteilnehmerinnen wissen: Ein ordentlicher Schuss aus dem Streuer, und in der Hand häuft sich die perfekte Menge der deckenden Farbe. Für ihr schlichtes Tages-Make-up, so die promovierte Sprachwissenschaftlerin, die heute die Öffentlichkeitsarbeit bei dem gemeinnützigen Verein Allianz für Assistenzhunde – Pfotenpiloten verantwortet, brauche sie mittlerweile gerade einmal fünf Minuten.

Verschiedenfarbige Stifte mit unterschiedlich vielen Klebepunkten versehen

Susanne Emmermann, die sich mit mehreren anderen sehbehinderten und blinden Menschen in der Gruppe Maulwürfe on Tour organisiert, erzählt indes, dass sie nach dem Verlust ihrer Sehkraft erst einmal ganz aufgehört hatte, sich zu schminken. „Ich hatte ja erst mal keine Erfahrung, wie das funktionieren könnte, und wollte auch nicht unbedingt grotesk aussehen“, sagt sie. Aber wenn man mal weggehen und sich schön zurechtmachen wolle, wie viele sehende Frauen, gehöre ein gutes Make-up einfach dazu. Überhaupt: „Die Lust, mich zurechtzumachen, war eigentlich nie weg“, sagt Emmermann, die zu Kochs Schminkkursen oft mit der ganzen Truppe von Maulwürfe on Tour anrückt.

René Koch
Visagist und Kursteilnehmerin: Über ihr Leben mit einer sehenden Tochter schrieb Hannah Reuter ein Buch.

Auch Hannah Reuter hat sich, bevor sie an den Star-Visagisten geraten ist, überhaupt nicht geschminkt. „Mir wurde damals sogar von vielen Leuten davon abgeraten“, erzählt sie. „Lass das mal lieber“, hätten die anderen gesagt, „du kannst ja gar nicht sehen, wenn mal was verwischt.“ Erst mit 28 Jahren habe sie sich doch getraut. Für viele sehbehinderte oder blinde Menschen habe das Make-up, und überhaupt die eigene Aufmachung, vielleicht eine untergeordnete Bedeutung, sagt sie. „Aber wir bewegen uns ja in derselben Welt wie die Sehenden, und ich hatte lange das Gefühl, ohne Make-up fehlt mir etwas.“

Heute weiß sie selbst, welche Farben ihr ausgezeichnet stehen: verschiedene Grüntöne über den Augen, auf den Lippen ein Korallenrot am Tage oder ein tiefes Bordeaux für den Abend. Ihre Lippenstifte kann Reuter, die Mutter einer sehenden Tochter ist und über ihren Alltag das Buch „Blind mit Kind“ geschrieben hat, übrigens erriechen. „Der korallenrote riecht fruchtiger, der bordeauxrote passenderweise ein bisschen herber und schwerer“, sagt sie. Ansonsten müsse man eben gut Ordnung halten im eigenen Schminkkästchen, damit auch immer die richtige Farbe im Gesicht lande; unterschiedliche Stifte mit unterschiedlich vielen Klebepunkten versehen, zum Beispiel. Schiefgehen könne natürlich trotzdem immer mal was, sagt Hannah Reuter – „genau wie bei jeder sehenden Frau“.