Rundlicher Saurier: Jaime Hayons Dino von BD Barcelona, ges. bei Ruby Berlin ab 5300 Euro.
Foto: B.D.Barcelona

BerlinWie auf einer Insel im Raum, abgeschirmt und weich gepolstert, so fühlt man sich darin. Der Ohrensessel ist seit jeher ein Möbel der Vereinzelung, auf dem man sich selbstdarstellerisch niederlassen oder herrlich selbstvergessen fläzen kann. Um zu lesen oder Musik zu genießen, um auf dem Tablet zu spielen, zu streamen oder einfach nur in die Luft zu gucken.

Souveräne Qualität, die überall gut steht: Armchair 3543 Oxford von Svenskt Tenn, hier mit dem legendären  „Aralia“-Druckleinen von Josef Frank bezogen. Sessel ohne Bezugsstoff 2280 Euro.
Foto: Svenskt Tenn

Großzügig dimensioniert und gern auch mal eigenwillig geformt, war diese Sitzgelegenheit nie dazu gedacht, um zur braven Sitzgruppe arrangiert zu werden. Als Ohrensessel sich Ende des 17. Jahrhunderts zunächst in Frankreich, Holland und England, dann in Deutschland im wörtlichen Sinne breitmachten, ging es um Repräsentation, um individuellen Stolz auf Erreichtes – und um Komfort.

Das Barock war eine prosperierende Epoche. In Schlössern wie Herrenhäusern wurde der zügig anwachsende Wohlstand gern zur Schau gestellt und führte gleichzeitig zum Wunsch nach mehr Bequemlichkeit, erläutert Dr. Henriette Graf, Möbelhistorikerin und Kustodin bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. „Das A und O war schon damals der Komfort eines Sessels, also eine möglichst gekonnte Polsterung“, weiß die Expertin.

Scheuklappen wie früher in der Bahn: Frits Henningsens Ohrensofa Coupé von 1936, seit kurzem wieder erhältlich als Reedition von Carl Hansen & Søn, ab 7032 Euro.
Foto: Carl Hansen & Søn

Ein besonders findiger Polsterer muss es gewesen sein, der den ersten Ohrensessel erfand. Denn eine Erfindung war es, als er oder sie beschloss, die hohe Rückenlehne eines gepolsterten Barocksessels links und rechts mit schmäleren, stoffbespannten Holzpaneelen zu flankieren. Wie Scheuklappen oder schmale, gepolsterte Fensterläden hielten die jeden Luftzug vom Sitzenden ab. Daher stammt auch der englische Ausdruck für Ohrensessel: „Wing Chair“, also Flügelsessel.

Mit Nägeln fixierte Polster machten den Ohrensessel dann endgültig zum Statusgegenstand, ohne den ein aristokratischer Haushalt unkomplett war. Kein Material war den feinen Herrschaften zu teuer für ihren häuslichen Thronsessel, man verwendete Seidendamast, Brokat oder – damals Höhepunkt der Eleganz – Lampas, ein besonders aufwendig mit Metallfäden gewebtes Stöffchen. In Potsdam und Berlin kann man im Neuen Palais oder dem Schloss Charlottenburg wunderbare Exemplare aus friderizianischer Zeit entdecken; in Schloss Glienicke oder in Schinkels Neuem Pavillon finden sich klassizistische Beispiele.

Kapitonierte (so heißt die Knöpfung bei Möbeln) Kuhle: Frits Henningsens Heritage Chair. Den eleganten Entwurf von 1930 gibt es nach wie vor bei Carl Hansen & Søn, in Stoff ab 4010 Euro. 
Foto: Carl Hansen & Søn

Anders als die Chaiselongue ist der Ohrensessel seit dem 18. Jahrhundert nie mehr ganz aus der Mode gekommen. Zu gut passte seine aufrechte Gediegenheit zur biedermeierlichen bis gründerzeitlichen Selbstinszenierung von hohen Beamten, Gelehrten oder in Würde gealterten Militärs. Aus den höfischen Salons fand er so seinen Weg in die Wohnzimmer des wohlhabenden Bürgertums. Auch die gleichzeitig florierenden Gentlemen’s Clubs eroberte der Wing Chair im Sturm, vor allem in seiner Chesterfield-Variante, bei der das Bezugsleder rautenförmig mit Lederknöpfen festgezurrt wird. Nirgends ließen sich The Times oder die jüngsten Punch-Karikaturen komfortabler studieren. Splendid isolation indeed.

Zeitweilig hatte er vielleicht einen etwas altväterlichen Ruf. Aber spätestens mit Gio Pontis kubistischen Fauteuil-Experimenten oder dem Egg Chair von Arne Jacobsen von 1958 war er wieder ganz vorne mit dabei. Heute sind solche Midcentury-Klassiker ohne Frage kostspielige Statussymbole, und dabei nach wie vor höchst bequem. Damit haben sie Maßstäbe gesetzt: Es ist wohl nicht unfair, zu behaupten, dass alle Ohrensessel, die danach entworfen wurden, sich an diesen Design-Meilensteinen messen müssen.

Sitzen wie in der Sixties-Serie "Mad Men": Paul McCobbs Wingback von 1956, eine Reedition von De Padova. Sessel in Stoff ab 3500, in Leder ab 5400 Euro; Hocker von 1500 (Stoff) bis 2200 (Leder) Euro. Probesitzen kann man in Showrooms der Küchenmarke Boffi, in Berlin etwa am Kudamm nahe Olivaer Platz.
Foto: De Padova

Genau das ist eine Herausforderung, die aktuell viele Möbelmarken annehmen, das zeigen die großen Messen, allen voran der Salone del Mobile in Mailand. Wie sein cooler Cousin, der Lounge Chair, ist der Ohrensessel spannend für einen Gestalter. Denn:„Beide müssen als Objekte im Raum wirklich von allen Seiten prüfenden Blicken standhalten“, erklärt der Designer Werner Aisslinger.

In den letzten Jahren ist eine Vielzahl neuer Sessel in allen (aufwandsbedingt allerdings generell höheren) Preisklassen entstanden, die dazu einladen, es sich in ihnen gemütlich zu machen. Gerade im Winter eine Idee mit erheblicher Zugkraft.

Der Enkel von Arne Jacobsens Egg Chair: Drehsessel Caruzzo von Leolux, ges. bei Oliver Kuhlmey Berlin, in Stoff ab 3000 Euro.
Foto: Leolux

Während früher die hohen, gern sanft gekurvten Rückenlehnen mit den seitlichen Ausbuchtungen dazu dienten, Zug von hinten und den Seiten abzuhalten und vorne die Kaminwärme einzufangen, beschränken sich die namensgebenden Ohren heute eher aufs Atmosphärische: Sie schotten ab, halten störende Geräusche auf Distanz und helfen bei der Selbstbesinnung. Bei der Konstruktion moderner Ohrensessel werden Holz und Roßhaar auch mal durch Kunststoffschalen abgelöst, während die Füße gern mit Metall verstärkt werden oder ganz aus Metall sind. Beim Bezug haben Wollmohair, Samt oder Leder die Seidenstoffe von einst abgelöst.

Beim Kauf zu knausern, ist keine gute Idee, denn dies ist tatsächlich ein Möbel zum Vererben. Ohrensessel kommen nicht aus der Mode, weil sie ein zutiefst menschliches Bedürfnis erfüllen: Unter Leuten zu sein und trotzdem sein Ding machen zu können.

In den Sesseln von heute sitzt kein Opa mit Märchenbuch mehr, sondern der Kopfhörer tragende Weltbürger mit Laptop, sei es zu Hause oder in der Hotellobby. Und mitunter ist der Sessel auch ein Sofa. Das Setting hat sich verändert, die Emotion bleibt gleich. Geborgenheit liegt halt immer im Trend.