An der Vaporettostation Sacca Fisola steigen kaum jemals Touristen aus. Stattdessen ältere Arbeiter und kleine Angestellte, schwer mit Einkäufen beladene Hausfrauen, einige Schulkinder und Studenten, die zu den modernen Sportanlagen auf der benachbarten Insel eilen. Die meisten Menschen aber kommen müde entweder von der Arbeit auf der Hotelinsel Lido oder von der Piazzale Roma, jenem quirligen Verkehrsknotenpunkt, an dem die Autostraße und die Straßenbahn vom Festland aus Venedig erreichen.

Nichts ist hier, am südlichsten Ende der Giudecca-Inselgruppe, zu spüren vom Glamour der Paläste am Canal Grande. Dennoch sieht man den etwas angemoderten, kantigen Sozialbauten mit gegen die Sonne dichtgeschlossenen Fensterläden noch die Hoffnung an, eine Alternative zum traditionellen venezianischen Kontrast zwischen reichem Palazzo und finsterer Mietskaserne zu finden. Viel Grün liegt zwischen den Häusern, ein kleiner Spielplatz, helles Travertingestein um einige Blumenbeete, ein offener Platz mit modernistisch geschwungener Kirche. Sie erinnert vage an Bauten des Brasilianers Oscar Niemeyer, der damals zum Helden einer eleganten, südlichen Moderne wurde.

Verstopfte Verkehrswege

Aber die Kirche ist seit Jahren verschlossen, Wäscheleinen schwingen oft leer über die Gassen. Obwohl es billige Wohnungen gibt, ist auch hier der Niedergang des venezianischen Alltagslebens zu spüren. Kürzlich griff sogar die Unesco ein: Bis Februar 2017 müssen der italienische Staat, die Region Veneto und vor allem die venezianischen Stadtgewaltigen endlich Pläne vorlegen, wie die Flucht der Einwohner gestoppt, möglichst sogar umgekehrt werden kann. Ein Venedig ohne Venezianer kann kein Welterbe sein.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Rettung des venezianischen Alltags versucht wird. Noch in den 1960er-Jahren hatte die Altstadt etwa 130 000 Einwohner. Inzwischen sind es höchstens noch 55 000 – mit sinkender Tendenz. Venedig ist teuer und kompliziert. Jede Toilettenpapierrolle muss per Boot transportiert werden, die Touristen – manchmal mehr als 150 000 am Tag! – verstopfen inzwischen alle Verkehrswege.

Vor allem aber sind die Wohnungsmieten exorbitant. Ferienwohnungen und Hostels versprechen eine derart hohe Rendite, dass jeder Lokalpatriotismus besiegt wird, oft lohnt es sich wegen der irrwitzigen italienischen Steuergesetze sogar, Häuser total verfallen zu lassen. Auch deswegen begann in den 1980er-Jahren ein bis heute international viel bewundertes Wohnungsbauprogramm. Zwar nur in den Randgebieten der Altstadt, aber immerhin. Dazu gehören auch die Siedlungen auf der Giudecca, diesem traditionellen Kleine-Leute-Quartier.

Manches, etwa das 2002 eingeweihte Viertel Junghans, wirkt wie eine schlechte Filmkulisse: Irgendwie malerisch verteilte Gebäude mit unterschiedlichen Fassadenmaterialien, hier ein Kanälchen à la veneziana, dort ein Plätzchen, sogar eine nachgemachte Gasleuchte. Der Begriff Städtebaukitsch fällt hier schnell ein. Im Kontrast dazu steht – man muss zurück zur Fondamenta mit dem prachtvollen Blick auf die Innenstadt mit ihren Kuppeln gehen und dann wieder ins Dunkel der Gassen eintauchen – der ästhetisch superharte Campo di Marte: Drei Wohnblöcke entwarfen hier zu Beginn der 1980er-Jahre die sonst so grandiosen Architekten Alvaro Siza und Aldo Rossi sowie Carlo Aymonino. Das Resultat ist nicht nur ästhetisch, sondern auch sozial ein Desaster. Obwohl die historischen Kleinhäuser dieses traditionellen Arme-Leute-Bezirks damals schnell abgerissen worden waren, wurde der bisher letzte Bauabschnitt der Neubauten erst 2008 übergeben. Da waren die ersten Neubauten schon wieder so verdreckt, dass mancher Besucher sie nun für Altbauten hält.

Ziegeldächer und luftige Loggien

Nur Katzen und die Besucher des portugiesischen Pavillons der diesjährigen Architekturbiennale streunen durch dieses architekturtheoretische Traktat, das keinerlei Rücksicht auf die Geschichte oder die Menschen nimmt. Der Pavillon ist übrigens die einzige Installation der Biennale, der sich auch mit der Stadt Venedig beschäftigt. Der verschmierte Bauzaun um den Campo di Marte wurde von den Ausstellungsmachern demontiert und in einer Bauruine wieder aufgestellt. In dieser Kulisse werden nun Sozialbauten etwa in Berlin, Paris oder London gezeigt. Und die Bewohner des Viertels können endlich einmal ihre Wut los- werden über eine Stadtverwaltung, die jahrzehntelang nichts tut und jetzt, wo Besucher aus aller Welt das Desaster besichtigen, plötzlich das Geld findet, um den Platz zu pflastern und das letzte Haus der Anlage doch noch zu bauen.

Ein gewisser Komfort

Die Menschen, so war die Hoffnung, würden die Anstrengungen des Lebens in Venedig eher ertragen, wenn ein gewisser Komfort geboten würde. So planten Iginio Cappai, Pietro Mainardi und Valeriano Pastor 1989 am Rand der Sacca Fiesola um einen idyllischen Hof angelegte Wohnungen, genannt Ex-Fregnan. Direkter Zugang zum Wasser, ockerorange verputzte Wände, flach geneigte Ziegeldächer, luftige Loggien – die traditionellen Formen werden ganz neu eingesetzt. Noch faszinierender ist einige Hundert Meter weiter, neben der alten Polizeistation, das IACP genannte, von Gino Valle und Giorgio Marcola entworfene Wohnviertel. Von der Kanalseite aus sieht es aus wie eine Burg mit dichtgestellten Türmen. Sie sind die Kopfbauten von langen Riegeln, zwischen denen schattige Gassen und Höfe eingebettet sind. Wer einmal einen venezianischen Sommer erlebt hat, weiß, was das wert ist.

Eine ältere Dame fegt in einem der Loggiengänge um eine etwas mickrige Palme herum. Nein, ihren Namen wolle sie lieber nicht lesen, hier seien sich doch alle irgendwie sehr nah. Und in den Wohnungen lebten viele „Professori“, die auch deutsche Zeitungen läsen. Als sie eingezogen sei, im Eröffnungsjahr 1986, hätten hier noch Kalksäcke herumgelegen. Was für ein Genuss nach der Mietskaserne aus dem Mittelalter in Cannaregio. Da käme sie nämlich eigentlich her. Endlich hätte es anständige Bäder und Küchen gegeben. Und dichte Fenster. Aus der ganzen Welt seien die Architekten gekommen. Sie lacht: „Wahrscheinlich bin ich auf Hunderten von Fotos zu sehen.“ Das habe sich allerdings doch sehr beruhigt. Schade eigentlich: „Hier kann man so schön wohnen.“ Nur, es fehlten die Kinder. Viel zu ruhig sei es. Sie lacht schon wieder und fegt auch noch das letzte Staubkorn weg.