Gebräunt, wo sie am Wok anklebten: delikat gefüllte Jiǎozi-Dumplings von Wok Show.
Foto: Sabine Gudath/Berliner Zeitung

BerlinSchrieb ich noch vor ein paar Wochen, dass ich meinen Job dank Internet, Take-out und Kochboxen gerade mindestens so spannend finde wie meine Ausflüge in die Restaurants dieser Stadt, muss ich nun zugeben: Meine Vorfreude ist riesig, dass ich demnächst wieder auswärts essen werde.

Langsam habe ich nicht nur von bestellten Menüs genug, sondern auch von meiner eigenen Küche. Ich koche passabel, doch nicht besonders experimentell. Mir fehlt schlicht die Zeit, neue Rezepte auszuprobieren, sage ich. Mein Mann sagt, mir fehle die Geduld. Ich sei einfach nicht der Typ, der Sauerteig ansetzt und dann fünf Tage wartet, bevor man damit sein eigenes Brot backen kann. Ebenso sei es mir zu aufwändig, Nudelteig selbst herzustellen und winzig kleine Ravioli daraus zu basteln, oder in Geschäften nach Kaffirblättern zu jagen, um am heimischen Herd thailändisch zu kochen.

Vielleicht hat er recht, ich werde ihm den Gegenbeweis nicht erbringen – das richtige Kochen überlasse ich gerne wieder den Berliner Profis. Bis dahin bringe ich mich jedoch noch einmal mit meinem neuen Expertentum ein, was Take-away-Essen angeht. Inzwischen weiß ich genau, welche Speisen dafür funktionieren: gebratene besser als frittierte, gedämpfte und gekochte am besten. Gut ist, wenn die Sauce von Fleisch/Fisch/Gemüse getrennt ist und der Transportweg maximal 15 Minuten beträgt, weil sonst auch perfekt verpacktes Essen geschmacklich leidet.

Weiters empfehle ich Ihnen, nur Gerichte zu bestellen, deren Zubereitung Sie selbst nicht beherrschen, weil sonst die Enttäuschung vorprogrammiert ist. Und vielleicht sollten Sie schnell nochmal das Take-away eines jener Restaurants ausprobieren, die vor dem Lockdown meist ausgebucht waren.

Meine Empfehlung diese Woche erfüllt gleich mehrere dieser Kriterien: In normalen Zeiten ist das Restaurant Wok Show in der Greifenhagener Straße immer voll. Obwohl es – wie so mancher Chinese in dieser Stadt - nicht eben durch Chic oder besonders gemütliche Atmosphäre besticht. Jedenfalls war ich noch nie dort essen, mehrere Leute haben es mir jedoch sehr empfohlen.
Die Spezialität des Hauses sind sogenannte Jiǎozi, handgefaltete Dumplings aus Teig, etwas schmaler als die bekannteren Dim Sums. Fast jede Kultur kennt Teigtaschen, weil man sie praktischerweise mit allen möglichen Essensresten füllen kann – wir haben Maultaschen, die Japaner nennen sie Gyosa, in osteuropäischen Ländern heißen sie Piroggen. In der kantonesischen Küche stehen Jiǎozi übersetzt, wie ich las, für „Familientreffen“. Sie sind ein Zeichen von Respekt und Freundschaft, weshalb sie vor allem in großen Runden aufgetischt werden.

Damit komme ich auch gleich zu einem Nachteil, wenn Sie nun welche bei Wok Show bestellen: Die kleinste Einheit sind 20 Stück. Wer also, wie ich, die verschiedenen Füllungen aus Meeresfrüchten, Lamm, Schwein, Rind oder Gemüse ausprobieren will, landet schnell bei 60 Stück. Zudem muss man sich zwischen gekochten oder gebratenen Teigtaschen entscheiden. Glücklicherweise ist der Preis wirklich fair, eine Portion kostet um die 10 Euro und entspricht locker einer Hauptmahlzeit.

Gern in großer Runde aufgetischt, gelten Jiǎozi als Zeichen von Respekt und Freundschaft.

Bei den gekochten Teigtaschen hatte ich mich für eine sehr würzige Füllung aus feinem Rinderhack mit Karotte entschieden. Der Teig aus Weizenmehl erinnert an italienische Nudeln, das Füllungsaroma von Ingwer, Sojasauce, Sesamöl und Reiswein ist unmissverständlich chinesisch. Von den drei Saucen, die in extra Schälchen geliefert werden, passt am besten die dunkle, sehr saure aus Reisessig dazu.

Die gebratenen Jiǎozi mit Schweinefleisch, Garnelen und Ei dagegen –auf der Seite knusprig, wo sie im Wok anklebten – harmonieren mit der ins Süße gehenden Sojasauce, die hier mit mehr Zucker als sonst versetzt schien. Richtig gut schmecken übrigens auch die vegetarischen Jiǎozi: Kleinstgehackter Chinakohl, Morcheln, Glasnudeln und Ei ergeben zusammen ein Umami, das Fleisch in nichts nachsteht. Sei es mangels Geduld oder Können, nie und nimmer hätte ich das zu Hause so lecker hingekriegt.

Eine Kritik habe ich allerdings doch noch, nämlich was die Take-out-Verpackung betrifft. Zwar geben Styropor-, Plastik- und Alubehälter wie in der Wok Show verwendet, auch bei längerem Transport keinerlei Geschmack an den Inhalt ab; sie sind jedoch extrem umweltunfreundlich. Verpackung aus Bambus oder Zuckerrohr wäre nachhaltiger und, das habe ich in den letzten Wochen gemerkt, funktioniert ebenso gut. Allerdings hoffe ich ohnehin, für die Berliner Restaurantszene wie für mein Bedürfnis nach Geselligkeit, dass verpacktes Essen demnächst wieder zur Ausnahme wird.

Wok Show, Greifenhagener Str. 31, 10437 Berlin, +49 30 43911857 

Jiǎozi 20 Stück zwischen 10 und 11,50 Euro, 40 Stück ab 18,50 Euro.
Andere Gerichte zwischen 11,50 und 16 Euro.