Drei Kinder und was sie in einer Woche essen: Cricketeer Chetan Menge aus Indien, flankiert von Hank Segal aus Kalifornien (li.) und Kawakanih Yawalapiti aus Brasilien. 
Fotos:   Gregg Segal/Gabriel bei Thienemann-Esslinger

Dieses Buch macht Appetit. Jedes einzelne Foto darin lädt ein, die Speisen zu deuten, die auf Tellern, Schüsseln und Pappen um die porträtierten Kinder versammelt sind. Obst und Schokoriegel, prächtige Gemüse und bunte Spieße reizen die Vorstellungskraft. Doch das sind nur die ersten Eindrücke beim Blättern durch Gregg Segals Bildband „Über den Tellerrand“. Dann beginnt man zu vergleichen, schaut genauer auf die kleinen Menschen und ihren Speiseplan.

Der Amerikaner Segal bat mehr als fünfzig Kinder aus neun Ländern, eine Woche lang zu notieren, was sie essen – sie allein, nicht ihre Familien. Dann hat er seine Protagonisten mit genau diesen Nahrungsmitteln und Knabbereien aus der Vogelperspektive fotografiert. Im Buch sind die Bilder mit kleinen Texten kombiniert, die Auskunft geben über die jeweilige Lebenssituation.

Kawakanih Yawalapiti aus Brasilien zum Beispiel gehört zum Stamm der Yawalapiti; ihre Muttersprache Arawaki sprechen nur noch ein Dutzend Menschen. Chetan Menge lebt in Indien auf beengtem Raum, wird oft nicht ganz satt, würde aber den Obdachlosen gern etwas abgeben. Die Hamburgerin June Grosser singt, tanzt und liest gern und hat sich durchgerungen, neben Schnitzel und Pommes auch Brokkoli zu mögen. Sie plant, einmal zum Mond zu reisen und passt damit zu Hank Segal aus der Nähe von Los Angeles, der Techniker bei der Nasa werden will. Gutes Essen ist seinen Eltern wichtig. Kein Wunder, er ist der Sohn des Fotografen.

Mit seinen 52 Bildern erzählt das Buch von der Ungleichheit in der Welt, von den Startbedingungen für junge Menschen in ein gesundes Leben oder dem Kampf, der für sie vorgezeichnet scheint. Einige Kinder haben sich schöne Kleider angezogen, andere tragen ihre Sportsachen. Es gibt Bilder, aus denen möchte man am liebsten die Chipstüten entfernen, weil sich deren Wirkung schon in der Statur der Porträtierten zeigt. Die optischen Eindrücke werden alsbald verdrängt von Gedanken an die Zukunft dieser Kinder. Denn im Zusammenspiel von Bildern und Texten erreicht der Fotograf mit diesem Glücksfall von Buch tatsächlich auch die Herzen der Betrachter.

Gregg Segal: Über den Tellerrand. Was Kinder hier und anderswo essen. Übersetzt von Ebi Naumann. Gabriel Imprint von Thienemann-Esslinger, Stuttgart 2020. Hardcover, 120 Seiten, 20 Euro.