Am Sonntag, den 3. November, um 19 Uhr, liest Stephan Meurisch im Forum Factory aus seinem Buch „Ich geh dann mal nach Tibet"
Foto:  Daniela Noack 

MünchenStephan Meurisch ist ein glücklicher Mann. Wenn er von seinen Reisen erzählt, leuchten seine Augen. Stillstand kommt für den 38-Jährigen nicht mehr infrage. Alles begann im Jahr 2008 mit dem Jakobsweg. Damals waren die 800 Kilometer, die er zurücklegte, für den erfahrenen Marathonläufer eine rein sportliche Angelegenheit. Im Auge hatte er nur das Ziel, nicht den Weg. Trotzdem veränderte ihn diese Pilgerfahrt.

Ersparnisse hatte Stephan Meurisch keine

Der gebürtige Dessauer habe sich geheilt gefühlt, so erzählt er am Berliner Plötzensee, wo er auf der Outdoor-Survival-Veranstaltung „SurviDay“ einen Vortrag hält. Er sei gleichzeitig vom „Virus des Unterwegsseins infiziert“ worden. In ihm kam der Wunsch auf, eine längere Reise zu unternehmen. Warum nicht zu Fuß von seiner Wahlheimat München nach Tibet? Ersparnisse hatte er keine. Aber wie sollte das funktionieren? So unrealistisch die Idee auch schien, sie ließ ihn nicht mehr los. Er recherchierte im Internet und fand andere „Verrückte“, die das geschafft hatten. Etwa der Kanadier Jean Béliveau, der in elf Jahren 75.000 Kilometer zurücklegte und 64 Länder ohne Geld durchwanderte. Oder der Journalist Michael Wigge, der von Berlin bis in die Antarktis reiste. 35.000 Kilometer in 150 Tagen – so gut wie ohne Geld.

Das stimmt ihn hoffnungsvoll. Er setzt darauf, dass er auf dem Weg Menschen treffen wird, die ihn bei sich übernachten lassen, ihm Mahlzeiten spendieren und er vielleicht auch durch einfache Arbeiten mal etwas verdienen kann. „Zum Üben“ läuft er im Frühjahr 2010 erst einmal einige Wochen durch die kanadischen Rocky Mountains und absolviert mehrere Marathonläufe. Als er Max Semsch, der von München mit dem Fahrrad nach Singapur fuhr, nach einem Vortrag anspricht, macht der ihm Mut, seinen Plan umzusetzen. Stephan Meurisch erinnert sich an seine Worte: „Alles, was du brauchst, ergibt sich auf deinem Weg. Lass dich ein. Die Reise nimmt dich mit.“ Semsch gibt ihm noch einen Rat: „Wenn du die Reise wirklich machen möchtest, setz dir einen Starttermin!“ Die Wahl fällt auf den 11. März 2012. Ein Tag nach seinem 31. Geburtstag. Nun gibt es für ihn kein Zurück mehr. Davon sind bald auch seine zunächst skeptischen Freunde überzeugt.

Alles scheint sich zu fügen. Auch seine damalige Freundin unterstützt ihn. Unterwegs wollen sie sich regelmäßig treffen. Sein Arbeitgeber – ein Outdoor-Unternehmen – sponsert sogar die Ausrüstung. Trotzdem bleibt ein Risiko. „Man weiß nie, was schlimmer ist. Die Herausforderung, die man sich aufbürdet oder die Last des ungelebten Traums.“ Und so zieht er ohne Geld in der Tasche durch 13 Länder, darunter Österreich, die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Georgien und der Iran. Statt der geplanten zwei Jahre wird er doppelt so lange brauchen.

Follower seines Blogs bieten dem Backpacker Unterkunft oder Hilfe an

Gleich am ersten Tag wird er von einem Kamerateam begleitet. Immer wieder erscheinen Zeitungs- und Fernsehberichte über ihn. Zunächst habe er sich unwohl gefühlt mit so viel Aufmerksamkeit, erzählt er. Das ist schwer zu glauben, im Internet kann man sehen, wie er souverän und mit sichtlicher Freude Fernsehauftritte absolviert. Öffentlichkeit könne durchaus nützlich sein, gibt er zu. Sie hilft, dass sein Plan aufgeht: Menschen, die seine Geschichte in den Medien verfolgt haben und die Follower seines Blogs und seiner Facebook-Seite bieten dem Backpacker Unterkunft oder Hilfe an. Das schwere Zelt muss er in vier Jahren nur zwölfmal aufschlagen.

Aber schon in Istanbul droht das Projekt zu scheitern. Die Überquerung der Bosporusbrücke, die Europa mit Asien verbindet, ist für Fußgänger strengstens verboten. Das deutsche Konsulat vermittelt ihm einen Termin im Bürgermeisterbüro. Doch dieses lehnt eine Ausnahmegenehmigung ab. Daran ändert weder sein Dauerlächeln etwas, noch, dass er durch die Medien zur Lokalberühmtheit wird. Wochenlang muss er sich in der Millionenmetropole über Wasser halten, nicht wissend, wie seine Reise weitergehen wird. Meurisch, der nach seiner Rückkehr begonnen hat, auch als Motivationstrainer zu arbeiten, schafft es, optimistisch zu bleiben und bietet mitten in der Istanbuler Altstadt Umarmungen gegen einen Obolus an. Das sichert ihm den Lebensunterhalt, auch Übernachtungsmöglichkeiten ergeben sich. Er entwickelt eine große Überzeugungskraft, wenn es darum geht, um Hilfe zu bitten – Menschen zu überzeugen, scheint ihm Spaß zu machen, schließlich war er mal Versicherungsvertreter.

Seinen Plan, zu Fuß nach Asien zu gehen, hat er schon fast aufgegeben, da ergibt sich plötzlich doch eine Möglichkeit. Er darf den damals noch nicht eröffneten, 70 Meter unter dem Bosporus gelegenen Eisenbahntunnel durchqueren. Stephan Meurisch sagt, er glaube, dass es häufig Lösungen gibt – wir sie, wie den Tunnel, nur nicht sehen.

Gespräche bleiben aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oft an der Oberfläche

Als er Deutschland verlässt, wirken die Leute auf ihn „getrieben“. In der Ferne dagegen, vor allem da, wo die Lebensbedingungen einfach sind, erscheinen ihm die Menschen, die ihm begegnen, glücklicher, zufrieden mit dem, was sie haben. Ein Klischee, das sich zu bestätigen scheint. Er versucht, sich für die Hilfsbereitschaft erkenntlich zu zeigen: hackt Holz, hilft bei der Olivenernte oder macht Reparaturen. Häufig bekommt er dann zu hören: „Lass das, du bist doch bei uns zu Besuch!“ Die Gastfreundschaft geht einmal sogar so weit, dass ein türkischer Gastgeber darauf besteht, ihm die Füße zu waschen.

Auch wenn die Gespräche aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oft an der Oberfläche bleiben, sei es ihm häufig gelungen, tiefere Verbindungen zu den Menschen aufzubauen, sagt er. Sie erzählen ihm Privates, von Schicksalsschlägen auch. Manchmal bleibt er eine Weile an einem Ort, um die Reisekasse wieder zu füllen. Er arbeitet zum Beispiel als Englischlehrer. Ganz ohne Geld geht es eben doch nicht. Auch das Liebesleben eines Ewig-Reisenden ist mitunter schwierig. Einige Beziehungen bleiben unterwegs wortwörtlich auf der Strecke. Seine Münchner Freundin spielt irgendwann nicht mehr mit, weil es mit den versprochenen Treffen doch nicht klappt. Nach einem Vierteljahr ist Schluss mit seiner türkischen Freundin und nach einem knappen Jahr endet die Beziehung mit einer Iranerin.

Ursprünglich wollte er durch Pakistan reisen

Sein Ziel, Tibet, bleibt die Priorität. Ursprünglich wollte er durch Pakistan reisen. Doch dort gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen. Gegen Ende der Reise weicht er von seinem ursprünglichen Plan, nur zu Fuß zu gehen, ab und reist auch mit dem Flugzeug oder per Anhalter. Im Vorfeld hat er sich eigentlich kaum über die einzelnen Länder und ihre politische Situation informiert. Überhaupt sei er seine Reise sehr blauäugig angetreten, sagt er. Das kann man kritisieren, er sieht es aber nicht nur negativ. Rückwirkend sagt er, vielleicht hätte er sonst viel zu viel Angst gehabt.

Nach seiner Rückkehr läuft er noch einmal den Jakobsweg und verschiedene andere Touren. Derzeit ist der nächste Langzeittrip schon in der Planung. Nein, er laufe vor nichts weg. Aber er habe Angst davor, stehenzubleiben, sich nicht weiterzuentwickeln. Kann man nach solch mitunter extremen Erfahrungen überhaupt noch in ein normales Leben zurückkehren? „Was ist normal?“, fragt Stephan Meurisch zurück. Er kenne inzwischen viele Menschen, die so lebten wie er. „Wandern ohne Geld“ ist heute sein Beruf. Er schreibt Bücher darüber, hält Vorträge und arbeitet als Coach. Seit drei Jahren hat er auch wieder eine feste Bleibe, wenn er mal nicht unterwegs ist. Ein kleines Zimmer in der Nähe von Freising in Bayern.

Wie geht die Reise seines Lebens weiter? Bisher war er viel draußen unterwegs, inzwischen findet er die Reise nach innen aber mindestens genauso spannend. Die nächste Etappe steht schon fest: Er wird Vater. Im Februar kommt das Baby zur Welt, im Mai will er mit seiner Lebensgefährtin, die er auf einer seiner Vortragsveranstaltungen kennengelernt hat, zu einer mehrjährigen Reise nach Peru aufbrechen, mit dem Kind. Los geht es zunächst zu Fuß nach Gibraltar. Dann per Anhalter mit dem Segelschiff über den Atlantik nach Südamerika. Alles natürlich ohne Geld. Auf die Frage, was eigentlich mehr wehtut, Heimweh oder Fernweh, wird er ungewohnt nachdenklich: „Ich sehne mich immer nach dem, was ich nicht habe.“