Friedrich Liechtenstein im Hotel Das Stue im Berliner Tiergarten. Er checkt gern ein und aus, ohne Spuren zu hinterlassen, wie er in seinem Hotel-Podcast „Precious Exile“ erzählt.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinMit Zuckerbrot und Peitsche würde Friedrich Liechtenstein Berlin zur Räson rufen: So kann man es sich jedenfalls wunderbar ausmalen, wenn man ihn so top gestylt im noblen Hotel Das Stue sitzen sieht und über die Macken seiner Lieblingsstadt reden hört.

1959 in Eisenhüttenstadt geboren, kam Liechtenstein für sein Studium an der Ernst-Busch-Hochschule bereits in den 80er-Jahren nach Berlin. 1995 zog er dann endgültig um und tingelte schon durch die Stadt, als Mitte noch eine Scheibe war. Seine Bühnenauftritte waren geprägt von der grandiosen Stimme, einem referenziellen, ja sentimentalen Glamour und von einem Humor, der die eigene Insignifikanz im Menschheitsgetriebe aufs Unterhaltsamste relativierte.

Jedenfalls zeugten die Shows von einem Stilbewusstsein, das in Mitte kaum existierte. Zwar war er als Künstler damals nur in der Szene bekannt, doch die Figur Friedrich Liechtenstein funktionierte auch so. Auf der Straße, auf Partys, überall. Deswegen war es auch nicht der Supermarktspot von Edeka, der ihm zum Durchbruch verhalf. Sondern er, Friedrich Liechtenstein, machte Edeka berühmt. Heute stehen ihm viele Türen offen, auch internationale. 

In unserem Interview war nicht nur seine Expertise als Entertainer und meisterlicher Jongleur von Kleidungsstilen gefragt, sondern vor allem sein Urteil über Berlin.

Berliner Zeitung: Berlin ist für seine Subkultur bekannt und nicht gerade für elitäre Events oder eine Clubszene des Establishments. Die Jüngeren scheinen das Image der Stadt mehr zu prägen als die Älteren, die doch eigentlich, frei nach Bourdieu, das ökonomische und kulturelle Kapital dafür hätten, oder?

Friedrich Liechtenstein: Ja, Berlin ist eher so eine Berghain- oder Bar25-Stadt mit dieser bestimmten Art von Clubbing. Die einen sind schwarz gekleidet, die anderen bunt, alle drogenaffin, experimentierfreudig und offen in sexuellen Belangen. Die ganze Welt kommt hierher, um sich ein bisschen auszutoben. So was kann Berlin, aber für Elitensalons ist diese Stadt einfach nicht geeignet. Pläne dahingehend lösen sich immer in Wohlgefallen auf. Was man immer vorhat, nämlich so ein bisschen hamburgeresk zu werden, das klappt nicht so richtig. Aber das liegt auch an den Leuten selber, die langweilig sind.

Wer jetzt?

Zum Beispiel: Ich war gestern Abend in Charlottenburg essen, weil ich ja auch immer überlege, die Mitte der Stadt auch mal zu verlassen, weil ich schon immer hier lebe. Aber die Menschen, die da an den Tischen sitzen, sind ja alle uralt, so borniert und selbstgefällig und so laaaangweilig. Das ändert sich auch nicht mehr. Kein Vergleich zu Neukölln zum Beispiel, da trifft man viele verrückte Leute. Die kommen von außerhalb, sind in der Provinz aufgewachsen, sind ausgeruht, haben ganz viel Kraft und sagen: Jetzt gehe ich nach Berlin. Die wissen noch nicht, wie es dann immer hier endet, nämlich in der Mittelmäßigkeit. Aber egal.

Aber Sie sind ja auch keine 20 mehr und trotzdem nicht langweilig. Man kann doch Alter nicht mit Langweiligkeit gleichsetzen.

Nein, auf keinen Fall! Dafür sind Freunde wie Christoph Tophinke vom Chelsea Farmers Club oder eben ich gute Beispiele. Nein, ich bin ein großer Fan von alten Menschen. Ich glaube aber, dass solche hamburgeresken oder Münchener Konstrukte, so kleine Gesellschaften, die sich untereinander die Bälle zuspielen, in Berlin immer wieder gesprengt werden. Weil ständig diese frischen Leute reinkommen.

Vielleicht verlassen Menschen mit diesen hamburgeresken Absichten die Stadt dann auch immer wieder. Und dadurch können sich solche Formen von Anlaufstellen hier gar nicht richtig ausbilden.

Ach so, weil sie die Schnauze voll haben von diesem komischen Berlin, das nichts auf die Reihe kriegt?

Friedrich Liechtenstein ist bekannt für seine goldfolierten Fingernägel. Bei ihm passen sie zu Banker-Hosenträgern und Lacoste-Krokodil.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Ja, genau, weil sie mit dem steten Wandel nicht klarkommen. In Hamburg hingegen muss gar nichts mehr groß aus der Taufe gehoben werden. Und du weißt, wo du hinmusst, wenn du Geld hast.

Ich glaube allerdings, dass die in Hamburg mehr die Türen zuhalten als in Berlin. Aber ich liebe nun mal wohlhabende Leute mit Geschmack. Weil ich auch etwas nachzuholen habe, ich bin ja im Osten aufgewachsen. Trotzdem glaube ich nicht, dass sich in Berlin diese geschlossenen Zirkel in so einer Größenordnung bilden können wie in Hamburg oder München – das sind zumindest die Städte, die ich besser kenne. Frankfurt ist klein, in Düsseldorf war ich noch nicht. Wie ich höre, soll es dort ja ganz schlimm sein, was den Dünkel betrifft.

Vielleicht verändert sich das jetzt in Berlin mit Corona, es gibt momentan viele Geheimpartys. Sie sind viel unterwegs in der Stadt, wissen Sie davon?

Ja, das stimmt. Ja, ja.

Und?

Die sind ja geheim!

Auf einer Skala von eins bis zehn, wie viele Punkte würden Sie Berlin für seinen aktuellen Stil geben?

Da könnte ich guten Gewissens zwei Punkte geben.

Haha, warum das denn?

Zum Beispiel die BVG. Neulich war ich mit einem französischen Zug unterwegs, da riecht es schon ganz anders. Die Parfüms der Leute! Und die Menschen selbst, da sitzen lauter dunkelhäutige Männer in schicken Anzügen. Alles so gepflegt und schön, und die Farben! Und dann steigt man wieder aus in dieser mit Absicht grau gehaltenen Welt. Die Berliner geben sich keine Mühe. Die Berliner Verkehrsbetriebe gehen ja auch ganz offen damit um, dass sie nichts können, nichts wollen, dass sie dreckig sind, zu spät kommen. Einen an der Klatsche haben, unglaublich teuer für nix sind. Und dann sind die noch stolz drauf und sagen, so sind wir halt, und lachen. Und wer dann das Pech hat, in Berlin zu wohnen mit einem langen Arbeitsweg: Der hat das Pech, ein bis zwei Stunden seiner täglichen Lebenszeit diesen Verkehrsbetrieben anzuvertrauen. „Weil wir dich lieben“, die BGV!

Schön ist das nicht.

Ich habe ja auch mal eine Zeit lang in Wien gewohnt. Da sind die öffentlichen Verkehrsmittel so toll. Man denkt, man ist im Playmobil. Wenn man einsteigt, ist alles so sauber und cool. Und dazu auch noch billig. Man zahlt einen Euro pro Tag und kann mit allem fahren. Überhaupt ist alles in der Stadt so aufgeräumt, die Parks gepflegt und in der Donau kann man richtig schwimmen. Wenn man dagegen in Berlin ins Wasser steigt, hat man alle Krankheiten am Bein, die es gerade so gibt.

Schon rätselhaft, wo dieses Selbstbewusstsein der Stadt herkommt. Vernachlässigung als Impuls für Selbstbewusstsein. Hier wird Toleranz mit Ignoranz verwechselt. Das gibt natürlich ein großes Gefühl von Freiheit: Ich kann mit dem Schlafanzug auf die Straße gehen, ich kann zwischen zwei parkende Autos kacken, ich kann sagen, ich baue einen Flughafen, baue ihn dann doch nicht, oder Hochhäuser, wo irgendwelche Ziegel rausfallen. Alles egal.

Ist eigentlich gar nicht typisch deutsch, so larifari zu sein. Aber vielleicht ist Berlin auch nicht repräsentativ für Deutschland.

Berlin ist ja auch die Stadt, die Nehmen gelernt hat. West-Berlin hat sich von Westdeutschland pampern lassen, damit es umgeben von Feindesland bestehen konnte. Und Ost-Berlin war die Hauptstadt der DDR, da wurde dann auch mehr reingebuttert als woanders. Die Leute haben hier schon immer gern genommen, die Stadt saugt und saugt.

Uns hat sie ja auch angesaugt, wir nehmen wahrscheinlich auch gern … Ich habe Sie noch nie so viel schimpfen hören.

Ich kann jetzt direkt umschwenken und genauso viel Positives sagen.

Los geht’s!

Berlin ist wirklich die Stadt in Deutschland, die ich am meisten liebe. Ich habe Berlin so unglaublich viel zu verdanken. Was ich hier schon alles machen durfte, das wäre in keiner anderen Stadt möglich gewesen. Wenn ich in Hamburg bin, denke ich manchmal: Ach, Hamburg ist auch nicht schlecht. Aber sowie der Zug in Berlin einrollt und ich die Berliner Luft schnuppere, denke ich: Bin ich denn bescheuert? Berlin ist viel toller. Die Oma einer Freundin sagte mal, die Luft in Berlin prickelt wie Champagner. Ich konnte hier schon so viele unglaublich tolle Sachen machen, wie zum Beispiel den Mittagsschlafsaal.

Mittagsschlafsaal?

Ja, das war 2000. Da konnten die Leute für sechs Mark in den Sophiensälen Mittagsschlaf halten. Oder die Aktion mit dem Fernsehturm. Da haben wir während eines Konzerts oben Scheinwerfer aufgestellt, die wie eine Lichtorgel an meinen Sound gekoppelt waren und die Kugel von innen beleuchteten. Da war der Berliner Fernsehturm die größte Diskokugel der Welt. Außerdem bin ich Mitte-Fan, auch wenn die Leute über Mitte schimpfen.

Wie schnell nach dem Squash reingeschneit: Lässigkeit ist bei Liechtenstein die erste Bürgerpflicht.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Geht mir auch so. Wenn man schon immer in Mitte war, hat man einfach eine besondere Verbindung. Anfang der Neunziger war das hier ja überhaupt nicht schick. Und jetzt freut man sich, dass es bisschen ordentlicher geworden ist.

Ja, aber es gibt auch noch genug Freaks. Oder die allseits verhassten Hipster, die in Mitte rumlaufen. Aber das sind wenigstens Leute, die sich Mühe geben.

Jetzt kommen wir mal zu Ihrem Œuvre, das sich ja um sehr vieles dreht – zum Beispiel um Algen, Boccia oder Hotels. Das wirkt alles immer ein bisschen verzaubert und entrückt. Was ist der rote Faden?

Eskapismus ist bei mir ein ganz großes Thema, deswegen habe ich ja auch damals in der DDR eine Ausbildung zum Puppenspieler gemacht. Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, der Welt so ein bisschen zu entkommen und die Gesellschaft aus einer Außenposition heraus zu beschreiben. Gleichzeitig gibt es bei mir eine ziemlich große Affinität zum Trivialen. Wenn die Sachen ein bisschen schäbig sind, einen schlechten Ruf haben und wenn man über sie lacht, dann bin ich angefeuert und versuche, sie aufzuwerten.

Zum Beispiel?

Als der Fernsehsender Arte mich damals gefragt hat, was ich gern machen möchte, habe ich gesagt: Ich finde, Tankstellen sind die romantischsten Orte unserer Zeit. Eigentlich ein verpönter Ort, ein Nicht-Ort. Doch sie sind der Nippel der Moderne, hier geht alles los, womit wir uns jetzt herumschlagen, und hier wird auch alles enden, diese Phase der Verschwendung.

Oder der Kurort Bad Gastein, das war mal ein sehr ramponierter Ort. Er hatte den Ruf, einer der schäbigsten Kurorte Österreichs zu sein, mit ganz viel Leerstand. Da habe ich mich mit ihm beschäftigt, mit diesem Berliner Blick. Denn nirgendwo ist mehr Hoffnung als in Ruinen oder Leerstand. Man weiß ja, was in Berlin-Mitte damals alles losging, als da nur Ruinen waren. Das Tacheles oder das Gebäude, in dem jetzt das Soho House ist, das waren ja alles kaputte Häuser. Und noch ein Beispiel: Tele 5, der kleinste Fernsehsender Deutschlands, der hat am wenigsten Bums. Er hat überhaupt keine Bedeutung, das ist so rührend. Kai Blasberg hört ja jetzt leider auf als dortiger Senderchef. Ich konnte da ein paar Jahre lang schön unter dem Radar richtig tolle Sachen machen.

Das stimmt, bei Tele 5 sind viele künstlerisch wertvolle Projekte realisiert worden, wie das Festival der Liebe, eine Reihe super anmutiger Filmtrenner im Wes-Anderson-Look. Das weiß ich aber auch nur, weil Sie das auf Instagram gepostet haben.

Wir haben da eine Serie gemacht, die mikroskopisch klein ist. Damit haben wir hinter dem eigentlichen Fernsehen ein Geflecht von Miniaturen erschaffen, die irgendwie zusammengehören und immer erscheinen, wenn zwischen den Filmen dieser zeitliche Spalt aufgeht. Für die Nacht haben wir horizontale Filme gedreht, da wurde dann das Bild auf die Seite gekippt, damit man sich die Sachen im Liegen ansehen kann. Und einen 70-minütigen Slow-Motion-Film haben wir produziert, der wurde auch gesendet. Siebzig Minuten lang spielen Leute Boccia in Superzeitlupe, so was bringt kein anderer Fernsehsender.

Toll. Das hat man sich früher für das Fernsehen gewünscht, und jetzt findet es statt und keiner kriegt es mit. Aber Sie sind ja nicht nur als Regisseur tätig, sondern vor allem als Schauspieler und Musiker. Und Sie haben viele Alter Egos, eigentlich wie ein Schriftsteller seine Romanfiguren hat.

Genau. Aber Schriftsteller bin ich nicht, ich bin Performer.

Sie singen vom Delphinmann auf dem Konzeptalbum „Bad Gastein“. Wir kamen Sie auf diese Figur?

Ich hatte großen Liebeskummer, mir ging es nicht gut und ich wollte mich neu erfinden, um aus dieser Situation rauszukommen. Und zwar als richtig geiler Typ. Mir schwebte ein Popstar im weißen Anzug vor, der wollte ich sein und der wurde ich. Ich nannte ihn „Delphinmann“.

Sie würden also sagen: Es gibt Situationen, da hilft es, jemand anderes zu werden, um eine neue Perspektive einzunehmen, auf das eigene Leben und den Schmerz? Also weg vom ewigen Sei-du-selbst-Gepredige?

Zum einen das. Zum anderen bereichern Leute, die performen, die Welt. Sie zeigen am Ende mehr von sich als jemand, der sagt, er sei stets ganz bei sich, und dabei eigentlich die ganze Zeit lügt. Das Extrovertierte und Gespielte erzählt mehr von mir als das normale Getue.

Anfangs waren es die alten Anzüge seines Schwiegervaters, inzwischen ist der Dandy-Gentleman die Alltagsbasis des Multi-Persona-Manns Liechtenstein.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Mode hat ja auch diesen Zweck, eine andere Perspektive einzunehmen.

Ja, und außerdem besser zu erscheinen, als man eigentlich ist. Das ist auf jeden Fall mein Antrieb. Wie der Maler Markus Lüpertz, der irgendwann beschlossen hat, ich bin jetzt ein schöner Mann, fertig. So habe ich das auch gemacht: Ich sehe sehr gut aus, ich kann sehr gut singen, ich bin ein großartiger Tänzer, ich bin unglaublich charmant und beliebt. Das bin ich! Das ist der Delphinmann.

Zurück zum Thema Mode. Sie haben einen unverkennbaren Stil. Wie kam es dazu?

Ich habe vor ungefähr 15 Jahren angefangen, die abgelegten Anzüge meines Schwiegervaters aufzutragen. Ich hatte damals kein Geld. Trotzdem habe ich die Anzüge einfach aufgetragen und danach weggeschmissen, es kamen ja immer neue nach und Reinigung war zu teuer. Ich habe es richtig genossen, die ursprünglich teuren Anzüge im Nachtleben runterzurocken, ohne schlechtes Gewissen.

Das war in Berlin-Mitte zur damaligen Zeit etwas ganz Besonderes: ein Mann im Anzug, der nicht bei einer Bank arbeitet …

Ja, ja, genau. Ralph Anderl von der Brillenfirma Ic!berlin hatte dann ein Auge auf mich geworfen. Er hat mir seine Brillen gegeben − die waren sehr teuer, die hätte ich mir damals gar nicht leisten können.

Da müssen Sie aber schon irgendwie gut ausgesehen haben, sonst wäre er doch gar nicht darauf gekommen.

Wahrscheinlich schon. Dann hatte ich jedenfalls zu den Anzügen immer diese teuren Brillen auf. Und Ralph machte Fotos von mir, auf denen sah ich wirklich immer richtig gut drauf aus. Im wahren Leben sah ich ja eigentlich immer etwas panne aus. Und der Christoph Tophinke von Chelsea Farmers Club hat dann begonnen, mich auszustatten. Mittlerweile kann ich mir die Sachen aber auch selber kaufen.

Gucci mögen Sie ebenfalls, warum?

Weil es das Schlimmste ist. Aber mir gefallen die Sachen, und sie halten ewig.

In Ihrem neuen Musikprojekt spielt der Rollkragenpullover eine große Rolle. Wie das?

Musik kann man auf verschiedene Arten beschreiben. Ist es kalter Schweiß in dunklen Räumen, sind es die Neunziger oder ist es 2050? Texas oder Mexiko, Segelboot oder Rooftop-Party? Ich muss zu meiner Musik ein Bild haben. Für das Projekt The Octagon Pavillon haben wir gesagt, wir machen Rollkragenpullovermusik. Also tragen wir alle Rollkragenpullover, insgesamt sind wir acht Musiker. The Octagon Pavillon ist ein mythischer Ort am Eingang des Expo-Parks in Brüssel, er war erst eine Poststelle, dann eine Diskothek und dann ein Seniorentreff.

Wie klingt denn diese Rollkragenpullovermusik?

Bisschen jazzaffin, improvisierte Musik, Songwriting, bisschen international …

Elektronische Einflüsse?

Weniger.

Schade, denn besonders diese Elemente finde ich immer richtig gut bei Ihnen.

Ja, das ist ganz gut … Finde ich auch gut! Aber der Musikmarkt interessiert sich nicht für mich. Das ist ja das Schöne, ich muss mich den Gesetzen der Musikindustrie nicht beugen und ich muss auch nicht davon leben. Ich mache nur Musik, die mir gefällt und die auch immer eine performative Geste hat. Es gibt also immer noch einen übergeordneten Gedanken. Das Elevator-Man-Album ist ja sehr elektronisch. Leider wurde es durch Corona ausgebremst, aber es wird auch irgendwann mal erscheinen.

Das Elevator-Man-Album ist jenes, dass Sie mit dem Sohn des Schauspielers Bill Mockridge zusammen gemacht haben?

Ja, genau, Liam Mockridge. Das haben wir in L.A. aufgenommen. Da sollte es Rooftop-Partys geben und zur Veröffentlichung einen Comic. Wir hatten schon Gespräche mit Schindler, dem Aufzughersteller, geführt und mit dem Sender Tele 5. Das ganze Timing stand schon. Aber dann kam Corona dazwischen und alles wurde abgesagt, die Veröffentlichung, die Tournee, die Partys. Hat alles Corona kaputt gemacht und jetzt ist erst mal alles ungewiss.

Den Titeltrack „Elevator Man“ gibt es schon auf Spotify. Funky.

Das ist sehr elektronisch. Das ist reine Tanzmusik. The Octagon Pavillon ist eher so konzertante Musik.

Kennen Sie sich aus mit der modischen Geschichte des Rollkragenpullovers?

In der Musikwelt beginnt sie für mich bei den afroamerikanischen Musikern, mit schönen Farben wie Gelb oder Rosa zu dunkler Haut. Im Film beginnt sie bei Michel Piccoli in „Das große Fressen“, mit seinem berühmten rosa Rollkragenpullover. Es gibt viele tolle Leute, die ihn tragen. Er betont ja auch den Oberkörper; man präsentiert seinen Körper darin. Und bei mir stellt er den Bart frei. Anders übrigens als das Sakko, das die Körperkonturen eher korrigiert. Trage ich aber auch gerne.

Aus welchem Material sollte so ein Rollkragenpullover denn sein?

Kaschmir.

Ist Sonnengelb gerade Ihre Lieblingsfarbe?

Bei mir ist es gerade Trend. Ich finde es im Moment sehr schön. Es ist aber auch allgemein gerade Trend. Irgendwann wird es dann einen Überdruss geben, keiner kann mehr Sonnengelb sehen und dann ist es wieder aus der Mode.

Ich habe mal von einem Freund aus dem Osten gehört, dass es in der DDR weniger Gelb gab als woanders. Weil die Rohstoffe für die Pigmente so teuer waren, dass man nicht so schnell an sie rankam. Er hat Schaufensterdekorationen gemacht und war jedes Mal froh, wenn er was Gelbes hatte. Vielleicht stimmt es ja auch nicht, egal. Ich habe es mir gemerkt. Ich finde Gelb sehr schön.

Ich auch. Kann man heute ja auch wieder tragen, weil es keine Insekten mehr gibt. In den 80er- und 90er-Jahren war man immer gleich übersät mit ihnen, sobald man im Sommer etwas Gelbes anhatte.

Stimmt. Nicht nur saubere Autoscheiben hat man heute, auch insektenfreie Klamotten. Das nennt man Fortschritt.