Das Falllaub des Lebkuchenbaumes verströmt im Herbst einen intensiven Duft nach Zimt und Karamell. Er stammt aus Japan, wo er an Flussufern und Bächen im Bergland wächst.
Foto: Rainer Elstermann

Berlin/UckermarkAm 29. September wurde des Erzengels Michael gedacht, der im Judentum, im Islam und im Christentum eine große Rolle spielt. Damit beginnt die vierwöchige Michaeliszeit, die fast den ganzen Oktober anhält. Neben Maria Lichtmess im Spätwinter ist dies das zweite Fest im christlichen Jahreskalender, das die Veränderung des Lichtes anzeigt. Mit Blick auf das Kunstlicht, das nun wieder vermehrt genutzt wird, gibt es den schönen alten Spruch: „Maria pustet das Licht aus und Michael steckt es wieder an.“

Tag und Nacht sind nun gleich lang und die Natur im Gleichgewicht. Auf frische Nächte folgen oft sonnige und milde Tage. Nie wirkt der Himmel strahlend blauer, als wenn er von sich verfärbendem Herbstlaub eingerahmt wird. Morgens trage ich im Garten einen Wollpullover, den ich zum zweiten Kaffee schon ablegen kann. Alles Laub, an Bäumen und Sträuchern wie an Bodenpflanzen, verfärbt sich. Vom Spätsommer geht es über in den Herbst, und mit ein bisschen Glück erleben wir einen prachtvoll goldenen Oktober.

Auf Herbststürmen, die den Garten durchrütteln, folgen wieder friedliche Tage. Das Licht wird transparenter, da die Bäume beginnen, ihr Laub abzuwerfen. Durch die Natur, besonders nach Regen, zieht jetzt ein eigentümlich köstlicher Duft, der nicht nur mich an Kekse und Weihnachtsgebäck erinnert. Viele Stauden und Gehölze sondern Stoffe ab, die diesen Duft erzeugen; die Auflösungsprozesse, denen die Pflanzen unterliegen, setzen ätherische Öle und andere Duftstoffe frei, die sich gar nicht so leicht einzelnen Pflanzen zuordnen lassen.

Im Sonnenstrahl: Pennisetum alopecuroides viridescens – das dunkle Lampenputzergras.
Foto: Rainer Elstermann

Eupatorium (cannabina und andere Sorten wie maculatum oder purpureum), der Riesenwasserdost, ist für diesen Duft aber bekannt. Er steht gerne feucht, auf nassen Wiesen. So wie auch ein Baum, dessen Geruch zu dieser Zeit so stark ist, dass ein deutscher Name sogar darauf hinweist: der Lebkuchenbaum (Cercidiphyllum japonicum). In deutschen Gärten ist er selten zu finden, doch ich habe ein schönes – noch kleines – Exemplar am Bach stehen. Passend zur harmonischen Michaeliszeit ist der Wuchs dieses Baumes besonders gleichmäßig. Er gehört zu den ältesten Bäumen auf der Erde, ist sozusagen ein „lebendes Fossil“. Sein Duft, neben Lebkuchen an Karamell und Zimt erinnernd, ist am stärksten an einem nebligen und feuchten Morgen, wenn die Luft stillzustehen scheint, oder bei Sonnenschein zur Mittagszeit.

Das Gras Sporobolus heterolepis duftet im Herbst süßlich nach Honig. Überhaupt entsprechen die kommenden Farben im Garten dem Duft, den wir aufnehmen: Zimt, Karamell, Honig und Lebkuchen. Wenn dann der Nachbar draußen sein Schnittgut verbrennt und der Rauch durch meinen Garten zieht, bin ich wieder in meine Kindheit versetzt. In den Garten meiner Großeltern, in dem ich die glücklichsten Momente damals verbracht habe. Dieser Garten war gefüllt mit leckerem Obst und vielen schönen Blumen, aus denen immer auch ein Handstrauß für den Heimweg mitgegeben wurde.

Eupatorium cannabinum, auch Wasserdost oder Kunigundenkraut, ist eine alte Heilpflanze. Und im Sommer ein favorisierter Tummelplatz von Schmetterlingen.
Foto: Rainer Elstermann

Als Kind war mir alles ein Versprechen: der Tag, der anbrach, der Schnee im Winter, den ich durch frostige Scheiben erspähte, die warme Sonne auf meinem Rücken und eben auch die klaren und sonnigen Oktobertage im Garten, die zum Innehalten und Träumen aufforderten. Auch zum Nachdenken über den vergangenen Sommer und zum sich Sammeln vor der bevorstehenden Winterzeit.

Jede Blüte, die ich entdeckte, schien mir damals wie ein Wunder. Ich war überwältigt von den reichen Gaben der Natur. Es war die Zeit, in der ich verstand, dass das, was mich in meinem Leben am glücklichsten machen würde, völlig kostenlos war und schon vorhanden in meinem Leben. Ich musste nur aufpassen, dass es mir nicht verloren ging. Auch den Frieden und die Ruhe, die Gemeinschaft und die Liebe der mich umgebenden Menschen empfand ich im Garten stärker.

Ich wuchs in einer geteilten Stadt auf, die Familien meiner Eltern waren gleichmäßig auf Ost und West verteilt. Die gesamte Familie meines Vaters in der gleichen Stadt – und doch in einem anderen, fernen Land. Der Fußweg von der Wohnung meiner Eltern zum großelterlichen Garten führte vorbei am Westhafen, dem Pflanzengroßmarkt, auf dem ich heute manchmal einkaufe. Er wurde auf dem Gelände errichtet, wo früher die Baracken standen, in denen meine Mutter als Kind – nach der Flucht aus Schlesien – lebte.

Tage und Nächte sind nun gleich lang, es ist „Michaeliszeit“: das Lichtspiel im noch herrlich grünen Garten des Autors.
Foto: Rainer Elstermann

Weiter liefen wir, scheinbar endlos, entlang der Justizvollzugsanstalt Plötzensee mit der Gedenkstätte, die an die zentrale Hinrichtungsstätte aus dem 2. Weltkrieg erinnert, bis wir endlich bei den Großeltern waren. Der ganze Weg dorthin erinnerte an Krieg und Unruhe und fürchterliche Ereignisse, an die Abwege, auf die Menschen kommen können; im Garten angekommen gab es aber nur Glück und Frieden. Darum geht es in einem Garten und deshalb bin ich Gärtner: um einen Ort zu erschaffen, wo Frieden herrscht, wo man Harmonie anstrebt und versucht, in liebevoller Gemeinschaft mit Tieren und Pflanzen und anderen Menschen zu sein.

Glücklich kann sich deshalb jeder schätzen, der einen Garten hat; oder einfach regelmäßig die Möglichkeit, Zeit in der Natur zu verbringen. Die wichtigsten Dinge auf der Welt kosten vielleicht nichts. Aber sie sind deshalb nicht weniger vorsichtig zu behandeln. Dies gilt im Garten und auch für unser gesamtes Leben.


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung