BerlinEs war die Zeit von Linda, Claudia, Christy, Naomi, Cindy und Kate. Wer nur noch beim Vornamen genannt wurde, der hatte es geschafft, der war Supermodel zu Beginn der 1990er Jahre. Und dann kam Stella, und sie war anders. Punkig elegant, windhundschlank, mit ihrer wie gemeißelten bone structure fast maskulin – und so frisch wie der Morgentau. Mit ihrer distanzierten Aura und dem Glamour ihrer aristokratischen Herkunft räumte sie auf den Laufstegen und Covers der Modemagazine auf. Plötzlich wirkte die kurvenreich-neckische Claudia Schiffer outdated, erschien Cindy Crawford wie eine Statistin aus einem Sandalenfilm.

Stella Tennant brachte britische Coolness zurück in die Modewelt. Ihre Landsfrauen Kate Moss und Naomi Campbell waren schon Stars, als sie 1994 im damals für Models vorgerückten Alter von 23 vom Vogue-Fotografen Steven Meisel entdeckt wurde. Bald lief sie für Gianni Versace und Alexander McQueen über den Laufsteg und blickte mit stahlblauen Augen von den Titelblätern von Vogue, Tatler und I-D.

Natürlich wurde man auch bei Chanel auf Tennant aufmerksam. Unvergessen ist ihr Auftritt für das französische Modehaus in einem Bikini, dessen Oberteil nicht mehr als zwei münzgroße Chanel-Logos waren. Ob Helmut Langs androgyne Hosenanzüge, Versaces Mikro-Minis oder John Gallianos nostalgische Chiffonroben für Dior, an ihr sah alles so verführerisch selbstverständlich aus, als stamme es aus ihrem eigenen Kleiderschrank.

1999 heiratete Stella Tennant den französischen Fotografen und Osteopathen David Lasnet, mit dem sie vier Kinder hatte – Marcel, Cecily, Jasmine und Iris. Bis auf ihre Verpflichtungen für Chanel und ausgewählte Auftritte für Freunde aus der Modewelt zog sie sich ins Familienleben nach Schottland zurück. Das grüne Land, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte und zur Schule ging, lieferte auch die Inspiration für ihren Wechsel an die Designfront ab 2018.

Gemeinsam mit der Stylistin Isabella Cawdor verpasste Stella Tennant der Damenlinie des traditionsreichen Jagdausstatters Holland & Holland (der inzwischen zum Chanel-Imperium gehörte) ein Lifting von Weltklasse. Mit Tweedröcken, schwungvollen Capes und perfekt geschnittenen Flanellhosen erschufen die beiden Freundinnen den Country-Chic einer aktiven Frau, die sich in Gummistiefeln auf dem Land genau so zuhause fühlt wie in der Großstadt. „Wahrer englischer Stil ist immun gegen Modetrends“, so beschrieb Tennant selbst ihre Kollektion. Der Satz hätte auch ihr gelten können.       

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Stella Tennant mit Karl Lagerfeld bei Chanels Métiers d'Art-Show „Paris-Bombay“, Dezember 2011.

Nun ist Stella Tennant, eine Verwandte des britischen Thronfolgers Prince Charles, überraschend gestorben. Nur fünf Tage nach ihrem 50. Geburtstag. Die Beamten seien am Dienstag wegen des plötzlichen Todes alarmiert worden, so ein Polizeisprecher. Es gebe keine verdächtigen Umstände. Ihre Familie machte bislang keine Angaben zur Todesursache. „Stella war eine wunderbare Frau und eine Inspiration für uns alle. Wir werden sie sehr vermissen“, erklärte Tennants Familie und bat um Privatsphäre. Auch das passt zu ihr.